Die Frau im Garten

Kehrseite I An einem Winternachmittag hörte ich, wie meine Frau, die beim Lesen zufällig ihren Blick gehoben und durch die Glastür unseres Wohnzimmers in den ...

An einem Winternachmittag hörte ich, wie meine Frau, die beim Lesen zufällig ihren Blick gehoben und durch die Glastür unseres Wohnzimmers in den Garten geschaut hatte, plötzlich einen kleinen Schrei ausstieß.

"Schau mal da!" Ihre dünn nachgezeichneten Augenbrauen zogen sich zusammen, ihre knochigen Hände mit den hervortretenden Adern legten sich vor ihre magere, flache Brust, dann deutete sie mit ihrem leicht zitternden Zeigefinger auf etwas, was in unseren friedlichen Garten eingedrungen war.

"Was ist denn?" Ich schlug langsam meine Zeitung zusammen, legte sie auf den Schreibtisch, zog meine Hausschuhe an, stand auf und schlurfte zur Glastür.

Mitten auf unserer großen wohlgepflegten Rasenfläche, vor den genauso wohlgepflegten Büschen, die am Rasenrand ein Wellenmuster beschrieben, zeichnete sich etwas Großes, Dunkles ab. Es stand absolut still an unserem kleinen augenförmigen Teich.

"Kein Grund, dir Sorgen zu machen", sagte ich nach einer kurzen Weile, als ich endlich dieses dunkle Wesen erkannt hatte. "Es ist bloß ein Mensch. Genau gesagt, eine Frau."

Eine dunkelgrau gekleidete Frau stand am Teich mit dem Rücken zu uns. Ihr mit einem schwarzen Tuch bedeckter Kopf war etwas nach unten geneigt, als schaute sie auf den Teich.

"Eine Frau?" Meine Frau kniff misstrauisch ihre Augen zusammen. "Was macht die denn da?"

Ich schob die Glastür auf. "Hallo ..." rief ich an der Schwelle.

Die Frau drehte sich langsam zu uns um - ein helles rundliches Gesicht mit großen dunklen Augen. Weder erschrocken noch verlegen starrte sie uns mit ruhigen Augen an, als wollte sie uns fragen: ›Was wollen Sie von mir?‹

"Also ... was machen Sie da?" rief ich ihr zu, wobei ich seltsamerweise - vielleicht wegen ihrer ruhigen Augen - das Gefühl hatte, ich hätte kein Recht, sie so etwas zu fragen.

"Ich schaue den Karpfen zu." Ihre Stimme war klar und still. Sie klang, als hätte sie sagen wollen: ›Das ist doch selbstverständlich. Warum fragen sie?‹

"Ach, so ..." Ich fand kein weiteres Wort. Die Frau am Teich drehte uns wieder ihren Rücken zu.

Meine Frau hinter mir zog nervös an meinem Ärmel.

"Was soll das? Sie ist völlig durchgedreht! Wie kann sie es wagen, in einen fremden Garten hineinzuschleichen und dort so herumzustehen?"

Es war mir klar, dass meine Frau wollte, dass ich etwas unternehme, damit die fremde Frau so schnell wie möglich aus unserem Garten verschwindet. Ich rief der Fremden also nochmals zu: "Wie lange wollen Sie denn hier bleiben?"

Die Frau drehte sich diesmal nicht um. Sie blieb stehen, als hätte sie nichts gehört. Ich wusste nicht mehr, was ich noch sagen konnte.

"Was für ein seltsamer Mensch! Sag, dass sie sofort verschwinden soll! Na los!" Völlig entnervt, atmete meine Frau heftig hinter meinem Rücken.

"Dann sag es ihr selber", murmelte ich, ohne mich zu ihr umzuwenden.

"Nein, das kann ich nicht. Sie kommt mir ganz unheimlich vor. Ich will keinen Ärger haben mit so einer Person." Dabei strich sie über ihre beiden Arme, als wolle sie böse Geister, die an ihrem Körper klebten, abstreifen.

"Dann kann man nichts machen", zog ich die Schultern hoch, während ich weiter auf die Frau am Teich schaute.

"Warum? Sie hat ohne Recht einfach unseren Garten betreten. Da haben wir wohl das Recht, sie wieder hinauszuwerfen, oder?"

"Aber sie schaut doch nur den Karpfen zu. Weiter nichts. Was sollen wir sagen, damit sie geht? Wir müssen einen Grund haben." Ich wandte mich erst jetzt zu meiner Frau um.

"Ach, was! Wir brauchen gar keinen Grund! Sie gehört einfach nicht in unseren Garten, nicht zu uns, das ist alles!"

Vor Zorn riss meine Frau ihre Augen ganz auf und zog ihre Augenbrauen hoch. Sie erinnerte mich an irgendeinen Fisch. Ich wusste nicht, an welchen. Bloß an einen, den ich nicht besonders mochte. Vielleicht wurde ich deshalb in diesem Moment aggressiv.

"Wenn du ihren Anblick nicht erträgst, kannst du solange irgendwohin gehen. In die Küche oder ins Badezimmer, wo du den Garten nicht sehen musst!"

"Was? Soll ich ihretwegen ins Badezimmer gehen? Spinnst du?" Meine Frau verzog wütend ihr Gesicht und atmete noch heftiger. Sie starrte mich mit hasserfüllten Augen an. Aber ich hatte keine Lust, sie zu beruhigen. Ich schwieg, wandte meinen Blick wieder dem Garten zu und schaute die Frau am Teich an.

"Gut! Dann gehe ich eben ins Badezimmer!" Meine Frau ging mit lauten Schritten davon. Gleich hörte man, wie die Tür des Zimmers donnernd zuschlug.

Ich atmete tief aus. Ich schritt über die Schwelle, trat in den Garten, ging über die Rasenfläche an den Büschen vorbei und stand schließlich ein paar Schritte hinter der Frau, die weiterhin bewegungslos auf den Teich schaute.

"Wie sind Sie hier hinein gekommen?" fragte ich in ihrem Nacken, der sich flüchtig zwischen dem schwarzen Kopftuch und dem dunkelgrauen Kleid zeigte. Unser Garten war in allen Himmelsrichtungen eingezäunt. Der einzige Eingang war unser Gartentor. Aber es war verschlossen, wenn wir es nicht für einen Besucher von innen aufmachten.

Die Frau wandte sich langsam zu mir und zeigte mit ihrem weißen Finger: "Von dort."

Ich schaute in die Richtung. Da sah ich aber nur einen kleinen, schmalen Riss im Zaun.

"Ach, machen Sie keine Scherze!" lächelte ich sie an.

"Das ist kein Scherz. Ich bin wirklich von dort gekommen", sagte sie mit einem völlig ernsten Gesicht und starrte mit ihren schwarzen Augen direkt in meine Augen. Ich verlor wieder die Worte. Ich stand vor ihr, schweigend, bis mir endlich etwas einfiel.

"Apropos ... woher wussten Sie, dass es hier Karpfen gibt?"

Nach einer kurzen Weile öffnete sie ihre roten fleischigen Lippen. "Ich habe das Wasser plätschern gehört, als ich gerade draußen vorbeiging."

"Plätschern? Aber das muss doch nicht heißen, dass es hier Karpfen gibt. Es könnten andere Fische oder Frösche oder etwas ganz anderes gewesen sein." Dabei fiel mir auf, wie hell ihr Hals war.

"Wir haben hier aber Karpfen", sagte sie mit einem seltsam überzeugenden Ton, der mir nicht erlaubte, weiter zu fragen. Stattdessen stellte ich eine Frage, die ich selbst sofort für dumm hielt: "Mögen Sie Karpfen?"

Darauf antwortete die Frau nicht. Sie hockte am Teich und tauchte ihre Hände ins Wasser. Unter dem Wasser leuchteten die Hände blendend weiß. Und sie flüsterte ins Wasser: "Komm her ..."

Als sie im nächsten Moment ihre Hände aus dem Wasser zurückgezogen hatte, hielt sie auf ihren Händen einen roten Karpfen mit schwarzen Flecken. Da hob sie ihren Blick zu mir auf und grinste.

"Die Karpfen mögen mich."

Dann ließ sie den zuckenden Fisch im Wasser frei.

›Erstaunlich. Der Fisch kam von selbst auf ihre Hände ...‹ Ich konnte immer noch nicht meine Augen von ihren weißen Händen unter dem Wasser lassen.

"Liebe Fische ..." Die Frau stand auf. Ihre nassen Hände tropften.

"Ach, sofort ..." Ich suchte in meiner Jacke nach einem Taschentuch. Da hörte ich plötzlich ein lautes Klatschen.

Ich hob sofort meinen Blick, da sah ich vor meinen Augen unzählige in der Sonne blitzende Wassertropfen. Unwillkürlich schloss ich die Augen - und spürte, wie etwas ganz Kaltes meine Wange berührte.

Erschrocken riss ich meine Augen auf. Ich sah das weiße Gesicht der Frau direkt vor mir. Sie streckte mir ihren Arm entgegen. Es war ihre nasse Hand, die auf meiner Wange lag.

Sie starrte mich schweigend an. Ich starrte zurück. Ich weiß nicht, wie lange wir so stehen blieben. Schließlich fühlte ich mich, als müsste ich unbedingt etwas sagen.

"Ich werde vielleicht ..."

"Vielleicht ...?"

In diesem Moment hörte ich das Wasser im Teich plätschern und wusste plötzlich nicht mehr, was ich sagen wollte. "Nein, nichts."

Ich legte meine Hand auf ihre zierliche Hand. Sie war immer noch kalt und nass. Und langsam - nahm ich sie von meiner Wange.

"Bleiben Sie so lange, wie Sie wollen", sagte ich zu ihr und verließ den Teich, den Garten und trat ins Haus.

Als ich drinnen war, spürte ich plötzlich heftigen Durst. Ich musste in die Küche und Wasser trinken. Als ich wieder zurück ins Wohnzimmer kam und durch die Glastür auf den Garten schaute, waren weder die Frau noch die Wintersonne zu sehen.

Miyuki Tsuji wurde in Japan geboren. Sie lebt seit 13 Jahren in Deutschland.


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00:00 16.12.2005

Ausgabe 39/2020

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