Die Frauen der Fremden

Kommentar Zum Kopftuch-Urteil des Verwaltungsgerichts Leipzig

Das Christentum laviert zwischen Islam und Laizismus. Mit der großen, anderen monotheistischen Religion haben Christen nicht nur lange Kämpfe gemeinsam, sondern sie verbinden auch Ursprünge, nicht nur den einen Gott. Scheuen sich deshalb Christen, die erstarkende Bruderreligion mit dem Beelzebub des Laizismus auszutreiben?

Letzte Woche segnete das Bundesverwaltungsgericht das Schulgesetz der Baden-Württembergischen Kultusministerin Annette Schavan ab. Zukünftig dürfen LehrerInnen durch ihr Outfit keine politischen, religiösen oder weltanschaulichen Bekundungen abgeben, die "die Neutralität des Landes gegenüber Schülern und Eltern oder den politischen, religiösen oder weltanschaulichen Schulfrieden stören könnte".

Dass damit die christlichen Religionen nicht bevorzugt werden, wie das Bundesverwaltungsgericht urteilte, wird womöglich nicht einmal das Bundesverfassungsgericht überzeugen. Das Kopftuch bleibt der Stoff für Rechtsstreitigkeiten der nächsten Jahrzehnte, solange die Länder sich nicht zur wirklichen Gleichbehandlung aller Religionen und darüber hinaus auch der "irreligiösen Gefühle" (Brecht) durchringen.

Das geschlechtsneutral formulierte Schulgesetz zielt auf Frauen. Kein Mann hat wegen eines islamischen Bartes (wie sähe der aus?) oder eines lockeren Gewandes Konsequenzen zu erwarten, schon deswegen, weil sich die muslimische Kleiderordnung bei Männern ausgesprochen liberal gibt. So konnte nur die Frau und ihr kleines Stück Textil zum Kampfplatz der Kulturen avancieren.

Der kleine textile Unterschied und seine großen Folgen: Nach langen Jahren feministischer Ebbe wurde die Befreiung der Frau wieder ganz oben auf der Tagesordnung gesetzt - auch von Männern. Die Frauenfrage hat ihr Revival im Gewand der Bekämpfung des Islam. Plötzlich gilt die Stellung der Frau als Messlatte für den Grad der Zivilisiertheit. Schon werden Forderungen laut, dass MigrantInnen explizit den Gleichberechtigungsartikel des Grundgesetzes unterschreiben sollen. Die Emanzipation der Frau wird geadelt zur conditio sine qua non der Integration in die Gesellschaft - nur für MigrantInnen?

Muslimische Kleidung unter die Lupe zu nehmen, mag wichtig sein, doch wenn Verhüllung nur das Spiegelbild der Enthüllung ist, dann haben Männer des Abend- und des Morgenlandes ein durchaus ähnliches Verhältnis zum Frauenkörper - nur mit gegensätzlichen Vorzeichen. Diese Neue Frauenbefreiung hat lediglich die "fremden" Frauen im Blick, die Frauen der "Fremden".

Religionen tun sich schwer mit Kritik und Selbstkritik. Ist es denkbar, die Bibel um ein paar frauenfeindliche Kapitel bereinigen? Solange die Männerinstitutionen der Kirche überhaupt nicht daran denken sich zu gendern und wir auf eine Päpstin noch einige Jahrhunderte warten müssen, ist die Befreiung der Migrantinnen bigott.


00:00 02.07.2004

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