Die Freiheit der Kapitalinteressen

Coronakrise Die Regulierung der Freizeit ist Ausdruck einer bestimmten Regierungsmoral. Derweil darf der Betrieb nicht unterbrochen werden, Hotspots hin oder her
Die Freiheit der Kapitalinteressen
Die Regierenden präsentieren sich als handlungsfähig, indem sie etwa Sperrstunden anordnen. Gleichzeitig appellieren sie an das Innere und die Moral

Foto: Martin Müller/Imago Images

Würde der französische Philosoph Michel Foucault heute noch leben, er hätte viel zu tun, schließlich befasste sich der 1984 verstorbene Franzose immer wieder mit der gesellschaftlichen Regulierung von Krankheiten und Seuchen: Bei der Bekämpfung von Lepra wurden Gesunde von Kranken getrennt, die Kranken sogar vor die Tore der Stadt gesetzt. Während der Pest kontrollierten die Regierenden die Bürger und Grenzen nahezu lückenlos. Bei den Pocken dann stand nicht mehr die erbarmungslose Externalisierung und auch nicht die Disziplinarmacht im Vordergrund, sondern die Kontrolle der Krankheit, ohne sie gänzlich bekämpfen zu wollen. Daten wurden erhoben, Statistiken erstellt und mittels der Impfung ein Umgang mit den Pocken gefunden.

Dieser Umgang mit den Pocken steht, wie der Historiker Philipp Sarasin herausgearbeitet hat, für die heute dominierende Machtform: die liberale Gouvernementalität. Bei dieser darf die (vermeintliche) Freiheit der Bevölkerung nicht zu sehr eingeschränkt werden, sonst droht die liberale Herrschaft an Bindungskraft zu verlieren. Mischt sie sich zu sehr ein, untergräbt sie sich selbst. Die Disziplinierung von außen verschwindet nicht, wird aber ergänzt durch Selbstdisziplinierung. Und Corona zeigt in diesen Tagen: An kaum einem anderen Ort lässt sich die Selbstdisziplinierung besser beweisen als im Privaten, in der Freizeit.

Die Regierenden präsentieren sich als handlungsfähig, indem sie etwa Sperrstunden anordnen. Gleichzeitig appellieren sie an das Innere und die Moral, sprechen, wie Gesundheitsminister Jens Spahn neulich, von einem „Charaktertest für die Gesellschaft“. Die jungen Leute sollen nicht mehr vor Kiosken und Bars herumlungern. Ob von diesem bescheidenen Freizeitvergnügen eine Gefahr ausgeht, ist umstritten. Das ficht viele in Zeiten der Gouvernementalität nicht an. So stand am vergangenen Wochenende eine junge Frau im Twitter-Shitstorm, die bei einer ZDF-Straßenumfrage geäußert hatte, dass sie regelmäßiges Feiern vermisse.

Die gouvernementale Moralisierung der Freizeit ist „gesprächswertig“, verhältnismäßig ist sie nicht. Was ist eigentlich mit den kaum noch zählbaren Hotspots in Logistikzentren und Fleischfabriken? Nun darf zwar in einigen Städten ab 23 Uhr kein Alkohol mehr getrunken werden; weiter erlaubt ist es aber, am nächsten Morgen Nase an Nase, wenn auch mit Maske, im voll besetzten Bus zur Arbeit zu fahren. Auch das ist typisch für die gouvernementale Macht: Es geht in erster Linie nicht um die Freiheit der Regierten, sondern um die Freiheit für das Kapital.

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