Die Fremden

Flucht Pascal Manoukian zeigt wie kein anderer die Verlogenheit der Flüchtlingsdebatte
Die Fremden
Pascal Manoukian lässt das Geschwätz von den „Wirtschaftsflüchtlingen“ schamvoll verstummen

Foto: Tiziana FAbi/AFP/Getty Images

Assan und seine Tochter Iman flüchten im Jahr 1992 aus Somalia. Ihr Ziel: Frankreich. Sie gehören zu den Ersten, die die teure und harte Reise auf sich nehmen, um Krieg und Elend in der Heimat zu entgehen. Zur selben Zeit macht sich Virgil von Moldawien aus auf den Weg, eingezwängt im Unterboden eines Lkws. Der alte Mann, der in der Dunkelheit seine Hand hält, stirbt. Im gelobten Land angekommen, muss er in einem Erdloch im Wald schlafen, stets in panischer Angst, entdeckt zu werden. Seine Familie ist in der Gewalt der Kredithaie, die ihm die Flucht ermöglicht haben. Solange er seine Schulden nicht begleicht, sieht er sie nicht wieder. Chanchal kommt aus Bangladesch. Seine Familie starb bei einem Tsunami, der das halbe Dorf weggespült hat. Er vegetiert in einem Abbruchhaus vor sich hin. Tagsüber versucht er, Rosen zu verkaufen, aber die meisten Menschen verscheuchen ihn wie eine lästige Fliege.

In einer abgelegenen Brache bei Villeneuve-le-Roi treffen die vier aufeinander. In dem Camp der Illegalen, wo sie von Zuhältern ausgebeutet und auf Baustellen verheizt werden, versammeln sich die „Nachtvögel“ mit einem gemeinsamen Traum: dem Elend zu entkommen und als Menschen respektiert zu werden.

Blasierter Bullshit von rechts

Doch die Stimmung in Frankreich ist schlecht. Jean-Marie Le Pen hetzt in den Abendnachrichten gegen Ausländer und schiebt ihnen die Schuld für die hohe Arbeitslosigkeit in die Schuhe. Um den Islam geht es noch nicht. Aber Assan sieht bereits, wohin die Richtung geht. In Somalia haben islamistische Milizen Kindersoldaten rekrutiert und sie unter Drogen gesetzt. Mit dem Islam, den sein Vater, ein alter Fischer, ihm beigebracht hat, hat das nichts zu tun. Und er selbst konnte als Fischer nicht mehr arbeiten, seit die riesigen Trawler der großen internationalen Konzerne mit Dynamit und Schleppnetzen die Meere leerfegen.

Nachtvögel ist der Debütroman des französisch-armenischen Journalisten Pascal Manoukian. Er weiß, worüber er schreibt. Er hat jahrzehntelang als Kriegsreporter gearbeitet. Er kennt die Gründe, die Menschen dazu bringen, auf der Flucht ihr Leben zu riskieren. Wer das verstehen will, muss dieses Buch lesen. Es lässt das Geschwätz von den „Wirtschaftsflüchtlingen“ schamvoll verstummen.

Weshalb werden Despentes und Houellebecq so gehypt mit ihrem kalkulierten Skandälchen-Mittelmaß? Es gibt so viel bessere Literatur aus Frankreich. Manoukian ist ein Musterbeispiel hierfür. Er legt den Finger in die Wunde Europas und dreht ihn dreimal um. Er lässt die neurechten Bewegungen und Parteien hochgehen, indem er durchexerziert, dass sie nichts als blasierten Bullshit von sich geben und ein Gegeneinander anfachen, wo ein Miteinander vonnöten ist.

Sein Roman erzählt einfühlsam von denen, die sich ganz unten befinden, die von der westlichen Wohlstandsgesellschaft ignoriert, als Fußabtreter oder als Projektionsfläche für die eigenen Unzulänglichkeiten missbraucht werden. Und indem er seine Geschichte in den frühen 1990ern ansetzt, führt er uns vor Augen, dass die sogenannte Flüchtlingskrise nicht erst 2015 begann. Dass die Lage der Menschen sich seither noch verschlimmert hat, zeigt das Totalversagen von Politik und Gesellschaft. Kein anderer Autor hat bislang so differenziert und vielschichtig die Hintergründe dessen beleuchtet, worüber alle reden, ohne zu wissen, worum es überhaupt geht.

In der gedruckten Fassung war von Marine Le Pen die Rede, dies wurde hier korrigiert.

Info

Nachtvögel Pascal Manoukian Dorothee Calvillo (Übers.), Sujet Verlag 2017, 394 S., 24,80 €

06:00 18.12.2017

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