Die fremden Europäer

Zwangsaufklärung Wie Europa mit den Jahrhunderte lang verfolgten Sinti und Roma umgeht, ist ein Prüfstein für die Menschenrechte auf dem alten Kontinent

"Die wenigsten haben Arbeit, da man als Roma eben die falsche Hautfarbe hat, so haben die meisten auch keine Krankenversicherung, was äußerst fatal ist, da viele der Unseren in Slums zu hausen gezwungen sind, denn keine Arbeit, kein Geld, keine Wohnung, denn das Herumfahren und die eigentlichen traditionellen Berufe sind seit Zeiten des Faschismus und im kommunistischen Rumänien bis auf wenige Ausnahmen untersagt gewesen, zumal in einer heutigen Wegwerfplastikgesellschaft, wer braucht schon eiserne Töpfe oder die Reparaturfertigkeiten der Kalderash, wer braucht noch hölzerne Löffel der Löffelschnitzer?"
Bachtalo Drom und Sina Schwarz in einem Roma-Internetforum

Mit seiner Mitgliedschaft in der Europäischen Union verschärft sich in Rumänien ein Problem, das bereits schwelt: In Rumänien haben sich laut Volkszählung von 2002 535.000 Personen als Roma ausgewiesen. Die Schätzungen liegen weit höher, sie reichen von mindestens einer bis 2,5 Millionen. Bei einer Bevölkerung von 22,5 Millionen wird ein Roma-Anteil von acht bis 9,5 Prozent angenommen. Insgesamt leben in Europa acht bis zehn Millionen Roma und Sinti.

In diesem Zahlenproblem spiegelt sich bereits die gefährdete Identität: Es sind historische Erfahrungen der Verfolgung und Versklavung: Die Menschen verschweigen aus Angst ihre ethnische Herkunft; sie befürchten aus gutem Grund allein durch diese Angabe Benachteiligungen bei Behörden. Dies ist, gleichgültig welches Gesellschaftssystem, eine durchgängige Erfahrung der Roma und Sinti. Sie sind die am meisten diskriminierte Menschengruppe Europas, deren ganze Geschichte und Gegenwart ein Zerrspiegel abendländischer Humanitas ist. Sie sind andrerseits die europäischste Gruppe Europas, denn sie können sich hinter keinem nationalen Grenzzaun verschanzen. Uneinig sind sie sich nur darüber, ob sie eine transnationale Großgruppe sind oder nationale Minderheiten in den jeweiligen Staaten, deren Bürger sie sind - oder sein sollten.

Ihre Herkunft ist Nordindien, das sie in zahlreichen Zügen und aus verschiedenen Gründen - vorwiegend flüchteten sie vor Kriegen und Verfolgung - zwischen dem vierten und dem 12. Jahrhundert verlassen haben. Die meisten Roma und Sinti machten sich im achten Jahrhundert auf den Weg. Seit dem elften Jahrhundert haben die ersten Gruppen Griechenland erreicht. Seit dem 14. Jahrhundert lebt ein wesentlicher Teil von ihnen dauerhaft auf dem europäischen Kontinent. An das Herkunftsland der Vorfahren erinnern noch die Sprache, das Romanes - dem Ursprung nach eine Sanskrit-Art, angereichert und überlagert durch zahlreiche Idiome von Sprachen späterer Aufenthalte - und bestimmte Lebenseinstellungen und kulturelle Merkmale, die auf den Hinduismus verweisen. "Heimatbande" jedoch gibt es nicht. Indien ist kein Bezugspunkt, denn bereits seit sechs Jahrhunderten leben die Roma-Ethnien in Europa. Auch wird die Sprache längst nicht mehr von allen gesprochen. Romanes erklärten bei der Volkszählung 1992 40,9 Prozent der in Rumänien lebenden Roma zu ihrer Muttersprache, 54,3 Prozent jedoch nannten das Rumänische.

Allerdings waren die Roma "Spätankömmlinge" in Europa, wo sich bereits die Grundstrukturen späterer Territorialstaaten herausgebildet hatten, kriegerische Neuankömmlinge wie Mongolen und Tataren wurden zurückgeschlagen. Die Roma wanderten friedlich und in kleinen Gruppen zu, von denen größere Teile bereits den christlichen Glauben angenommen hatten. Ihre Einwanderung wurde zunächst mit fürstlichen Schutzbriefen akzeptiert. Doch hatte die ethnische Gruppe ohne historisches Territorium und mit einem Sittenkodex, der den damaligen Verhältnissen massiv zuwider lief, wohl keine Chance auf feste Niederlassung. In der Wahrnehmung der mittelalterlichen Gastgeber-Gesellschaften wurden die Roma sehr bald als nicht stabil, unzuverlässig und fremd - sichtbar fremd, da dunkelhäutig - betrachtet. Zumal die Unterwerfung unter die statische Ständegesellschaft den Lebensvorstellungen der Roma diametral entgegenstand.

Schon bald nach ihrer Ankunft beginnt eine beispiellose und Jahrhunderte dauernde Verfolgung, wie eine Vielzahl von Edikten aus allen Reichen und Staaten Europas belegt. "Zigeuner" werden für vogelfrei erklärt, sie werden gehetzt und getötet, wie das Wild in den Wäldern, mit dem man sie als Gleichstehende erachtet. Das heißt, jeder kann einen Rom straffrei töten. Sie stehen außerhalb jeder Rechtsprechung und werden entweder als Sache behandelt, die man beliebig zerstören kann. "Zigeiner-Straff" heißt, dass man sie beim ersten Aufgreifen foltern darf - in Spanien etwa sticht man ihnen die Augen aus - oder dass sie des Landes verwiesen werden. Beim zweiten Aufgreifen droht Tod durch Strang oder Vierteilung. In anderen Fällen werden sie als Sklaven gehandelt, wie in den Moldau-Fürstentümern. In Rumänien dauert die Sklaverei bis 1856 an. In den Kolonien werden die Roma als Deportierte und Galeoten gehalten (wie in Frankreich, Spanien, Portugal, England). Ihr Status ist dort ähnlich dem eines Sklaven oder Zwangsarbeiters. Trotz dieser Grausamkeiten gibt kein historisches Werk Auskunft über die beispiellose Geschichte dieser Verfolgung.

Mit der Aufklärung setzt ein Umdenken ein. Ab dem späten 18. Jahrhundert werden Maßnahmen der Zwangsassimilation ergriffen. Dazu gehören Kindswegnahmen, Sprach-, Heiratsverbot, Arbeitszwang, und Versuche, die Roma fest anzusiedeln und zu registrieren. Diese Wende ändert nichts an der Verachtung gegenüber den Roma, wohl aber am Verhalten. Die neuen Ideen finden Eingang in die Verwaltung des Staates: Ein beamteter Behördenapparat wird mit der Registrierung, Überwachung und Bestrafung der Missliebigen betraut - während die Roma mit aller Macht versuchen, sich dem zu entziehen. Analog zur "bürgerlichen Verbesserung der Juden", wie es ein Christian Wilhelm Dohm gegen Ende des 18. Jahrhunderts fordert, formuliert Heinrich Moritz Grellmann 1783 eine "Lösung der Zigeunerfrage". Die Roma seien "sittlich verderbte Wesen", doch seien Landesverweis und Galeere kein Mittel dagegen. Für das Gedeihen des Staates sei eine höhere Bevölkerungszahl, Erziehung und Wissen zu empfehlen, daher sei bei den rohen Kindern anzufangen. Die Mittel dazu: Erziehung und Arbeit. (Freie) Arbeit erhält den Status einer sozialen Kategorie, der gegenüber "die Zigeuner" in Faulheit und Müßiggang verharren. Die Juden sollen keine Juden mehr sein, die "Zigeuner" keine "Zigeuner", alle sollen nur noch Bürger des Staates sein. Emanzipation bedeutet für Grellmann demnach das Verschwinden des zu Emanzipierenden, das Verschwinden des Juden, das Verschwinden des Rom. Grellmann gilt als Urvater des Antiziganismus.

Die unmittelbare rohe Gewalt gegen Roma tritt jetzt in den Hintergrund. Rechtshandeln muss nun rational begründet werden. War die Rechtsprechung gegen die Roma einst als Patchwork aus Unkenntnis, Vorurteilen, Hass und vielerlei Einzelinteressen doch immerhin ein Spiegel tatsächlicher Machtverhältnisse, bekommt sie mit der Aufklärung den idealistischen Schleier formaler Gleichheit und Freiheit. Einerseits ist dies ein revolutionärer Fortschritt gegenüber der Selbstherrlichkeit der Feudalherren - andererseits verschwindet die kulturelle Differenz, das, was schwer oder gar nicht zu integrieren ist.

Es verwundert kaum, dass die aufklärerische Zwangsassimilation ebenso scheitert wie frühere Versuche, die Roma durch Vertreibung oder Pogrome loszuwerden. Auch wenn man nur noch dezidierter versucht, sie noch detaillierter zu registrieren und ihre Wege und Plätze genau festzulegen.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts nimmt der Begriff des "Zigeuners" zunehmend biologisch-rassistische Konturen an. Ein vernichtendes Urteil stellt ihnen Alfred Dillmann in seinem Zigeunerbuch (1905) aus: "Das fahrende Volk der Zigeuner ist ... ein schädlicher Fremdkörper in der deutschen Kultur geblieben. Alle Versuche, die Zigeuner an die Scholle zu fesseln und an eine sesshafte Lebensweise zu gewöhnen, sind fehlgeschlagen. Auch drakonische Strafen konnten sie von ihrer unsteten Lebensführung und ihrem Hange zu unrechtmäßigem Vermögenserwerb nicht abbringen. Trotz vielfacher Vermischung sind ihre Abkömmlinge wieder Zigeuner geworden mit den gleichen Eigenschaften und Lebensgewohnheiten, die schon ihre Vorfahren besessen hatten."

Unter seiner Leitung wird in Bayern 1899 der "Nachrichtendienst für die Sicherheitspolizei in Bezug auf die Zigeuner" eingerichtet, das erste "Zigeuneramt", das alle Informationen über Sinti und Roma sammeln soll. Seit 1911 gibt es hier die erste Fingerabdruckkartei in Deutschland - nicht zur Erfassung von Verbrechern, sondern aus rassistischen Motiven. Die Kategorie "Rasse" wird ins Bayerische Zigeunergesetz eingeführt und später in andere Landesgesetze übernommen. Damit wird in Deutschland ethnische Zugehörigkeit ohne Verbindung zu einer Straftat ein Verfolgungsgrund. Dieses Amt überlebt das Nazi-Regime und wird erst 1970 offiziell geschlossen.

Gut dokumentiert ist die Nazi-Zeit mit der Vernichtung von rund einer halben Million Roma. Mit den Nürnberger Gesetzen werden Sinti und Roma mit den Juden gleichgestellt, 1938 beginnt die Verschickung in Konzentrationslager, ab Mai 1940 setzt die "Vernichtung durch Arbeit" ein, seit 1942 der unverhohlene Völkermord.

Die systematische Erfassung ist eine Grundvoraussetzung für den Genozid, ihn mit Gesetzen und Verordnungen als administrativen Vorgang zu inszenieren, an dem fast die gesamte deutsche Bürokratie vom Einwohnermeldeamt und Finanzamt bis zur Reichsbahn beteiligt ist. Auf Teile dieser Datenbestände wird auch in der Bundesrepublik zurückgegriffen, während die Täterseite belastende Akten verschwunden sind.

Die deutschen Behörden, ob Innenministerien oder Bundesrichter, haben nach 1945 aus ihrer antiziganistischen Haltung keinen Hehl gemacht. Sinti und Roma werden in Deutschland lange Zeit nicht als Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns eingestuft, gewürdigt und entschädigt. Die Tendenz lautet: Sinti und Roma sind nicht aus rassischen Gründen, sondern wegen ihrer "asozialen und kriminellen Haltung" zu Recht inhaftiert worden - wie etwa das Innenministerium Baden-Württemberg verlauten lässt. Dies gipfelt in einem Urteil des Obersten Bundesgerichts von 1956, das erst 1963 wieder aufgehoben wird. Erst 1981 wird eine Härtefallregelung durchgesetzt, und zahlreiche Sinti und Roma müssen bis in die neunziger Jahre um Wiedergutmachung kämpfen.

In den kommunistischen Staaten verbessert sich zwar nach dem Zweiten Weltkrieg die soziale Lage der Roma, die politische und insbesondere kulturelle Situation jedoch nimmt verheerende Formen an. Hier kommt wieder die "Zwangsaufklärung" nach Habsburger Manier zum Zug: Verbot der Sprache ("Slang"), Nichtanerkennung als ethnische Gruppe, Unterdrückung der Kultur, Arbeitszwang. Unter dem Regime werden Roma zwangsangesiedelt, die Frauen - oft ohne ihr Wissen oder für Geld - sterilisiert und viele Kinder den Eltern um "besserer Erziehung" willen weggenommen. Maria Theresia lässt grüßen. Nach der Wende verschlechtert sich die soziale Lage schlagartig: Es wird wieder unverhohlen ausgegrenzt und verfolgt. Rudko Kawczynski, Vorsitzender des Roma National Congress, einer Dachorganisation von 400 Roma-Organisationen in Europa und Übersee, spricht für den Zeitraum von 1990 bis 2002 von rund 3.000 ermordeten Roma in Osteuropa, die Balkankriege noch nicht mit eingerechnet. Allein in Deutschland habe es 1.500 gewalttätige Übergriffe gegeben. Regelmäßigen Umfragen in verschiedenen Ländern - die über Jahre hinweg wenig schwankende und enorm hohe Ablehnungsraten gegenüber Roma ausweisen - zeigen wie stark die Segregation in der Gesellschaft verwurzelt ist: Nach einer Emnid-Befragung im Oktober 2004 hassen 68 Prozent der Deutschen "Zigeuner". Bei einer früheren Umfrage stimmen in Tschechien 66 Prozent der Befragten zu, Roma sollten getrennt von der weißen Bevölkerung leben, und 52 Prozent wollen strengere Gesetze für sie. In Bulgarien ist es für 97 Prozent der Befragten unvorstellbar, eine Romni oder einen Rom zu heiraten, 61 Prozent halten Roma für "faul und verantwortungslos".

Die Roma von heute zeigen keine einheitliche Haltung zu dieser Ablehnung und Ausgrenzung durch die jeweiligen Gesellschaften und Staaten, in denen sie als Minderheiten leben. Neben mehr oder minder integrierten Gruppen, lebt eine beträchtliche Anzahl von Menschen mehr oder minder ausgeschlossen, manche von ihnen unter apartheidähnlichen Verhältnissen.

In Brüssel weiß man zwar um das Grundproblem, lässt aber die Mehrheitsgesellschaft, die Apartheid verursacht, nahezu völlig außer Betracht. Das ist der Pferdefuß an manchen Programmen der Weltbank oder der EU. Zwar spricht man von Diskriminierung, kommt aber nicht im Traum auf den Gedanken, zum Beispiel in gemischtsprachigen Gegenden auf Zweisprachigkeit im Schulwesen zu drängen - wie etwa im slowenischen Küstenland italienisch unterrichtet wird. Für zehn Millionen europäischer Roma gibt es ein einziges muttersprachliches Gymnasium in Ungarn in der Stadt Pecs.

Es gibt Tausende Menschen, die aus einem tief verwurzelten Misstrauen keine behördliche Dokumente besitzen wollen; und weitere Tausende Menschen, denen diese Behörden keine Dokumente ausstellen wollen, wozu stets irgendwelche formalen Gründe gefunden werden. Dieses "Registrierungsproblem" ist die Oberfläche eines tiefen Grabens, der Hass, Verfolgung und Genozid birgt. Peter Huncik, Direktor der auf interethnische Fragen spezialisierten Marai-Stiftung in Dunajska Stredna in der Slowakei betont, dass Integration in die Gesellschaft als Ziel vorläufig zu hoch gesteckt sei. Zuallererst müssten die einfachsten Grundlagen für die Zusammenarbeit beider Seiten geschaffen werden, um das gegenseitige Misstrauen zu mildern. Dabei bedürfte es eines Anpassungsprozesses von beiden Seiten - nicht nur von den Roma. Eine Zwangsintegration ist undenkbar, sie würde den Grundlagen einer liberalen Gesellschaft diametral entgegenstehen. Wie Europa heute mit den Roma umgeht, bestenfalls mit Almosen und Ignoranz, vor allem aber mit Antiziganismus und Ausgrenzung, diskreditiert Demokratie und Zivilgesellschaft und lässt Zweifel aufkommen, wie ernst sie es mit den Menschenrechten meinten.

Diese Situation sprach die französische Staatssekretärin für Opferrechte, Nicole Guedj, auf der Startveranstaltung des Roma Education Fund der Weltbank an, als sie eine "dringende Antwort" verlangte. Sie präsentierte ein dreistufiges Modell der Zusammenarbeit auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene mit "drei Säulen der Annäherung", nämlich "Integration, Partnerschaft und Nachbarschaftshandeln". Andererseits haben Roma seit den sechziger- und den siebziger Jahren in fast allen Ländern, in denen sie leben, eigene kulturelle und politische Organisationen gegründet, die in der Internationalen Romani Union als Dachorganisation zusammengeschlossen sind - welche wiederum Konsultativstatus im Social and Economic Council der UN einnimmt. Immerhin zeichnen sich da und dort Strukturen, Ideen und praktische Schritte ab, die über den tiefen Graben hinweg helfen könnten.

00:00 26.01.2007

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