Die Freunde der Berliner Jahre

Literatur Es lag 20 Jahre lang in einem Banksafe: Nun konnte Max Frischs Tagebuch „Berliner Journal“ endlich erscheinen. Eine Lesehilfe

Berlin, das bedeutet für Max Frisch vor allem Leere: „Gefühl von Vakuum. Die weiten Straßen, es ist angenehm, mit dem Wagen zu fahren. Steigt man aus, um zu Fuß zu gehen, so hat man überall das Gefühl, hier findet Berlin nicht statt,“ notiert der Schweizer Schriftsteller in sein soeben erschienenes Tagebuch Berliner Journal. Und die Wohnung, die er und seine Frau Marianne am 6. Februar 1973 in der Friedenauer Sarrazin-Straße beziehen, ist auch noch jungfräulich leer. Frisch spaziert durch die Räume, glücklich, mal wieder ein neues Leben zu beginnen.

Das Ehepaar hat schon eine Wohnung in Zürich und ein Haus im Tessin, aber das Leben auf dem Land scheint verbraucht. Das Gegenwartsversprechen der geteilten Stadt wirkt dagegen wie eine frische Brise. „Hier kein Kopfweh; schon das spricht für Berlin.“ Und: „Ich lebe ohne Vorsatz jetzt“, schreibt Frisch.

Leere in Berlin? Ganz und gar nicht. Schriftstellerkollegen, wohin man geht. Nach Berlin!, das bedeutet für die Frischs vor allem: zu den Freunden. Nicht umsonst beginnen die Eintragungen im Berliner Journal mit der Namensnennung von Günter Grass und Uwe Johnson. Beide wohnen, wie Hans Magnus Enzensberger, um die Ecke des Paares, sie laden die Neuankömmlinge zum Abendessen oder kommen mit Gastgeschenken zum Einstand.

Ausdruck einer Krise

In Wirklichkeit ist Max Frischs Umzug Ausdruck einer Krise und die Flucht zu den Freunden mit der Hoffnung verbunden, sie im fruchtbaren Austausch zu überwinden. Zumindest Letzteres gelingt nicht. Max Frisch schreibt zwar in seinem ersten Berliner Jahr das schmale Dienstbüchlein über seine Zeit beim Schweizer Militär, er bosselt skrupulös an einer Erzählung mit dem Namen Regen herum, aber die wird erst 1979, also drei Jahre später, unter dem Titel Der Mensch erscheint im Holozän herauskommen. Er sitzt täglich sechs bis acht Stunden am Schreibtisch, weiß aber gleich, dass das Geschriebene nichts taugt: „Es gelingt mir fast nichts.“

Trotzdem hat er ein „hohes Vergnügen“ am Schreiben und wohl auch an der Beobachtung seines Nicht-Vorwärtskommens. „Der Wärter in einem Leuchtturm, der nicht mehr in Betrieb ist; er notiert sich die durchfahrenden Schiffe, da er nicht weiß, was er sonst tun soll.“ Denn natürlich weiß Frisch doch etwas oder hofft es zumindest, und das sehr zu Recht: Wenn sich schon kein Roman ergeben will, so springt doch zumindest wieder eines seiner berühmten und immens erfolgreichen Tagebuch-Bücher heraus, die in ihrer Mischung aus Selbstentblößung und Koketterie, Lebensklugheit und wahrnehmungsintelligenter Gabe zur Vergegenwärtigung geradezu unwiderstehlich sind.

Schamhafte Notizen

Schon mit dem Einzug beginnt er seine Notate, und zwar gleich mit dem Vorsatz, sie später zu veröffentlichen. „Seit ich die Notizen, die anfallen, in ein Ringheft einlege, merke ich schon meine Scham.“ Gemeint ist die Scham darüber, dass er seine Freunde als Material nutzt. Denn die Notizen aus seinem Alltag, die Protokolle und Kollegenporträts sind keine Skizzen, sondern durchgearbeitete Miniaturen. Das Leben, dramatisiert, die Nächsten und die komplizierten Gefühle zu ihnen, vergrößert wie in einem Badezimmerspiegel, der jede Pore sichtbar macht.

Die Scham hat Frisch dazu veranlasst, das Berliner Journal, das er bis 1980 weitergeführt hat, zu Lebzeiten dann doch nicht zu veröffentlichen. Zum Schutz der Dargestellten hat er sogar eine Sperrfrist bis 20 Jahre nach seinem Tod verhängt, die 2011 auslief. Dass die Herausgeber Thomas Strässle und Margit Unser unter dem Titel Aus dem Berliner Journal jetzt nur die ersten beiden Hefte aus den Jahren 1973 und 1974 herausbringen, nicht aber die weiteren drei, habe – wie Strässle im Nachwort schreibt – mit dem unterschiedlichen Charakter der späteren Notate zu tun. Im Frühjahr 1974 reiste Frisch nach Amerika, und dort lernte er Alice Locke-Carey kennen. Über den Ehebruch schrieb er bekanntlich die Erzählung Montauk, die nun seinen ganzen literarischen Ehrgeiz beanspruchte, während er das „Berliner Journal“ zu dem „Austragungsort seiner privatesten Angelegenheiten reduzierte“, wie Strässle behauptet.

Die Scham über die Literarisierung der anderen hat auch Konsequenzen auf das Schreiben und fatalerweise sogar auf Frischs Erleben selbst. Er schützt die anderen vor seinem schroffen Urteil. „... ich schreibe nicht: Paul ist ein Arschloch. Punkt. Damit wäre ich ja ungerecht“. Und er nähert sich ihnen – quasi als Ausgleich für die Anmaßung ihrer Verwertung – geradezu unterwürfig, aus der Froschperspektive.

Die luzide Beschreibung der anderen ist untrennbar verschmolzen mit Selbstzerfleischung und erneuter Verunsicherung. Willkommen in der Luxushölle Max Frischs! Noch nie wurden die Mechanik und der Preis seiner Fiktionalisierungsmethode so offenbar wie in diesem wunderbaren, aber auch erschreckenden Berliner Journal. Frisch ist der Erfolgreichste (abgesehen von Grass), seine Bücher haben die höchsten Auflagen (abgesehen von denen Günters), aber die echten, wahren Schriftsteller sind immer die anderen – vor allem Uwe Johnson und Alfred Andersch. Die aus dem Osten haben es eh besser, weil in der DDR Literatur noch einen ganz anderen Stellenwert hat.

Immer wieder fährt Frisch auf die andere Seite, trifft das Ehepaar Wolf (von deren aristokratischer Souveränität er zutiefst beeindruckt ist), nimmt an einem Autorenabend in der Wohnung von Wolf Biermann teil („der einzig Freie seit Tagen“), genießt die Menschenfreundlichkeit Jurek Beckers oder versucht, mit dem Poeten Günter Kunert einen Austausch übers Schreiben zu beginnen, aber Kunert hat partout kein Interesse an einem „Macher-Gespräch“. Schlimmer noch, er stellt keinerlei Fragen an Frisch. Frischs Leben und Leiden als Schweizer Weltschriftsteller ist Kunert so was von egal. Auch Biermanns Kumpane wollen von Frisch nicht wirklich etwas wissen. Und so enden die Ausflüge in den unbekannten Osten nicht nur mit dem konspirativen Gefühl, in eine irgendwie bedeutsamere Welt eingetaucht zu sein, sondern auch mit einer Kränkung.

Wie die Ur-Konstellation dieser Dynamik aussah, kann man in Montauk lesen, wo Frisch die frühe Freundschaft zu dem reichen, herablassenden Werner Coninx beschreibt. Coninx lieh dem mittellosen Frisch seine Anzüge und holte ihn in die vornehme Gesellschaft, belächelte aber seine Bücher, noch als Frisch berühmt war.

Erwählung und Verachtung. Die Berliner Meister dieser Kunst heißen Günter Grass und Uwe Johnson. Wobei Grass nichts tun muss, um zu kränken. Die normale Günter-Grass-Selbstherrlichkeit reicht schon. Frisch ist entsetzt, aber auch fasziniert und lässt sich auf dem Markt geduldig eine Stunde in „Fischkunde“ erteilen. Anders der perfide, der schmeichlerische, der diktatorische Johnson, mit Alkoholproblemen wie Frisch. Er ist Frischs engster Vertrauter und dabei ein mephistophelischer Einflüsterer. Er luchst ihm die Erlaubnis ab, das Journal nach Frischs Tod als Einziger lesen zu dürfen, er liest das Manuskript von Regen und verreißt es.

Mit dem untrüglichen Gespür der Verzweifelten quält er Frisch. „Herr Frisch, was machen Sie mit Ihrem Ruhm?“, hatte er ihn schon Anfang der sechziger Jahre in Rom gefragt. Jetzt geht er im Beisein Frischs Jurek Becker oder Christa Wolf an und kitzelt Frischs onkelhafte Harmoniesucht hervor. Auf einer Party steht das Ehepaar Johnson plötzlich vor ihm wie ein Zwillingsgeist. Johnson: „Herr Frisch, wir haben den Eindruck, Sie leben nicht mehr lang.“ Aber dieses Mal kann auch Max Frisch spielen. Er reagiert nicht wie üblich, also gekränkt, sondern mit erhabener, professioneller Neugier. Sterben? Bestimmt nicht angenehm, aber sicher gut zum Drüberschreiben.

Grafik zum Download:

Die Freunde der Berliner Jahre – Eine Beziehungslegende

Aus dem Berliner Journal Max Frisch Thomas Strässle (Hg.), Suhrkamp 2014. 235 S., 20 €

Andreas Schäfer ist Journalist und Schriftsteller. Zuletzt erschien von ihm der Roman Gesichter (Dumont Buchverlag)

06:00 28.01.2014

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