Die frohe Botschaft

Medientagebuch Das Medium als Religionsersatz: Wie der Fernseher Weihnachten verdrängt hat

Alle Jahre wieder ertönen sie, kaum überhörbar, zur Vorweihnachtszeit: die frohen Botschaften der Medien. Während draußen leise der Schneeregen nieselt, macht man sich´s drinnen so richtig gemütlich - vorm flimmernden Hausaltar. Und lässt sich willenlos berieseln. Von den bedächtigen "Es lebe billig!"-Lobpreisungen der Weihnachtswerbung. Von den besinnlichen Action-Trailern bei RTL. Und natürlich von den beschaulichen Predigten des Allzweck-Fernsehheiligen Günther Jauch, den sich laut einer Forsa-Umfrage 56 Prozent der Deutschen ernsthaft als Weihnachtsmann wünschen - Rauschgoldengel Thomas Gottschalk und Beelzebub Harald Schmidt mit im Gefolge.

Weihnachten ist heute mehr mediales Konstrukt denn religiöses Ritual. Speziell das kommunikative Leitmedium Fernsehen hat, so scheint es, das Christkind für sich reklamiert. Das, was früher das familiäre Fest der Liebe und Harmonie war, ist zum televisuellen Ersatzgottesdienst der säkularisierten Mediengesellschaft aufgestiegen. Es weihnachtet sehr - auf allen Kanälen: Statt Würstchen mit Kartoffelsalat wird Heiligabend Weihnachten auf Gut Aiderbichl (ARD) serviert - eine "zweistündige Show, die mit ihrem bunten weihnachtlichen Mix gekonnt auf die Festtage einstimmt". Dem engen Kreis der Familie zieht man lieber Weihnachten mit Marianne und Michael (Heiligabend, ZDF) vor, denn die "wissen spannende Wintergeschichten der Dolomiten zu erzählen und unternehmen Ausflüge in die tief verschneite Bergwelt". Die guten Gaben muss nicht unbedingt der Nikolaus bringen: Santa Claus mit Muckis (Heiligabend, Pro7), "bestes Family-Entertainment mit dem Wrestling-Star Hulk Hogan in der Hauptrolle", tut´s auch. Wer der Rollen von Joseph, Jungfrau Maria und Jesuskind im traditionellen Krippenspiel inzwischen überdrüssig ist, der zappe doch einfach zu Verona und der kleine Feldbusch (1. Weihnachtstag, RTL2) - "Das romantische Weihnachts-Special mit Familie Feldbusch". Und wem das alles schließlich zu christlich-fade ist, den erwartet eine bombige Bescherung im Spätprogramm der Privaten mit den üblichen drei Verdächtigen aus dem Abendland: Stallone, Snipes Schwarzenegger.

"Am Heiligen Abend projiziert das Fernsehen eine Weihnachtsidylle auf den Bildschirm, die es in den meisten Familien so nicht gibt", sagt Dieter Roß, Journalistikprofessor an der Universität Hamburg. An den beiden Weihnachtsfeiertagen werde dagegen ein meist inhaltsleeres, aber publikumsattraktives Programm gezeigt, das viele Zuschauer über die freie Zeit hinwegrettet - wie Goethe wusste: "Nichts ist schwerer zu ertragen, als eine Reihe von guten Tagen."

Läuft das Fernsehen in seiner Funktion als emotionaler Lückenbüßer also Weihnachten gegenwärtig den Rang ab? Wird die Glotze allmählich zum Surrogat für unsere religiösen Rituale? Dass sich die Massenmedien als universelle Werte- und Normenvermittler etablieren konnten (nicht nur bei Kindern und Jugendlichen), gilt als wissenschaftlich erwiesen. Auch, dass Sinnstiftung, Orientierung und Integration nach der Entzauberung der Welt zunehmend vom Fernsehen geleistet werden, also Funktionen, die früher vom Religionssystem ausgingen, ist zumindest unter Theologen, die sich mit Medienritualen befassen, eine weit verbreitete Lesart.

"Die Medienkultur des beginnenden 21. Jahrhunderts hat religiöse Facetten", behauptet etwa Günter Thomas. Dem Heidelberger Medientheologen zufolge stellt der unendliche Fluss des Fernsehprogramms so etwas wie eine "liturgische Ordnung" her, die den zunehmend zersplitterten Gesellschaften neue Identifikationsanlässe bietet. Immer dann, wenn Medienereignisse wie Deutschland sucht den Superstar oder die Fußball-WM die Gespräche in Familien, Schulen, auf der Arbeit und in Kneipen bestimmen, entstehen gemeinsame Erlebniswelten, welche die Zuschauer auf religiöse Weise vergemeinschaften. Eine eindeutig religiös motivierte Thematisierungsfunktion lässt sich indes auch aus so manchem fiktionalen Sendestoff herauslesen: "Immer wieder bearbeiten Spielfilme Probleme der Sünde, der Schuld und der Lebenserneuerung", hat Thomas festgestellt. Gleichzeitig verströme die TV-Kosmologie eine Art göttliche Aura, der selbst das Ziehen des Steckers nichts anhaben kann: Die Unendlichkeit des 24-Stunden-Programms kennt eben keine Auszeit.

Gott ist tot, es lebe die Glotzenreligion, lautet das Evangelium mediae, das die religiösen Botschaften des Fernsehens der Menschheit verkünden. Von der Daily-Soap über die Gerichtsshow bis zur Talk-Sendung - in viele Fernsehformate fließt unbestritten eine biblisch imprägnierte Metaphorik ein, Buß- und Vergebungsrituale inklusive. Dass gerade der Austausch von Talkshow-Intimitäten ehemals religiöse Aufgaben erfüllt, davon ist auch Medienästhetik-Professorin Christine Eichel von der Berliner Universität der Künste überzeugt: "Die medial inszenierte Indiskretion strahlt eine fiebrige Wärme in die erkalteten Wohnzimmer ab", erklärt sie und: "Das wegrutschende Wertesystem unserer Gesellschaft wird aufgefangen durch Klatsch - je skandalöser, umso besser." Talkshows haben also durchaus reinigende Wirkung und treten so an die Stelle des kirchlichen Beichtstuhls. Mit der spätkapitalistischen Brille liest sich die Absolutionsformel nur etwas anders: Mediale Erlöse statt religiöse Erlösung.

Die Vermutung, dass Fernsehen religiöse Funktionen erfüllt, ist so neu allerdings nicht. Sie wurde schon im Amerika der achtziger Jahre geäußert - und untersucht. Dort widmeten sich Ritualexperten zunächst vor allem der Analyse von Symbolen, Mythen und Ritualen in den Medien, die einen alltagsstrukturierenden Einfluss auf den Fernsehkonsumenten ausüben. Die Analogie von Fernsehen und Religion läge in der "kontinuierlichen Wiederholung von Mustern, die dazu dienen, die Welt zu definieren und die soziale Ordnung zu legitimieren", schrieb schon vor 20 Jahren der amerikanische Kommunikationswissenschaftler George Gerbner. Außerdem wirkten sich die Koch-Show am Mittag, die Nachrichten am Abend und die Sportschau am Samstag auf die zeitlichen Rhythmen der Gesellschaft aus, wie es seinerzeit kirchliche Rituale, etwa der Sonntagsgottesdienst, vermochten.

Nach Ansicht von Victor Turner, dem vor 20 Jahren gestorbenen großen schottischen Anthropologen, hatten Rituale als kultisch-religiöse Handlungsabläufe mit festgelegten Regeln und symbolischer Bedeutung, wie sie damals bei kirchlichen Ereignissen wie Weihnachten oder Ostern gebräuchlich waren, den Zweck, zwei radikal entgegengesetzte Kräfte miteinander in Einklang zu bringen: kreatives Chaos und konservative Ordnung. Einzig dieser "rituelle Prozess" verhindert Turner zufolge, dass Gesellschaften über kurz oder lang in totalitären Verhältnissen erstarren oder sich in anarchischem Wahnsinn auflösen. Beides ist - dank der Medienreligion - bislang (noch) nicht eingetreten.


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00:00 26.12.2003

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