Die Fröhlichkeit im Schrecken

Blauäugig In den Büchern von Fred Wander geht es um die Wahrhaftigkeit von Erinnerung. Anmerkungen zu ihrer Neuauflage ein Jahr nach seinem Tod

Meine erste Begegnung mit der Wirklichkeit der Konzentrationslager kam völlig unvorbereitet in einer Vormittagskindervorstellung im Kino. Vor dem eigentlichen Film lief Der Augenzeuge, damals, etwa sieben oder acht Jahre nach dem Krieg, von den meisten Leuten noch "Wochenschau" genannt. Bilder von Menschen, die buchstäblich nur noch Haut und Knochen waren, die vor Schwäche nicht mehr gehen konnten, GIs stützten sie, die Haare dieser Häftlinge waren abrasiert, die Kamera schwenkte auf einen Berg geschorener Haare, daneben ein Berg Zähne, Goldzähne, erklärte der Kommentator, den Toten ausgebrochen, bevor sie verbrannt wurden.

Ich war sieben oder acht Jahre alt, es war ein Entsetzen in mir, ein Grauen, zum ersten Mal begriff ich, dass die Welt ein furchtbarer Ort sein kann, dass Menschen Entsetzliches verüben können. Fred Wander hat die Schrecken von Buchenwald und Auschwitz überlebt und darüber geschrieben. Sein Tod im Juli 2006, das Wiedererscheinen von drei seiner Bücher und eine Biografie geben Anlass, noch einmal über diese Titel zu sprechen: Den Siebenten Brunnen, der erstmals 1972 im Aufbau Verlag erschien, und seine Autobiografie Das gute Leben oder Von der Fröhlichkeit im Schrecken. Erinnerungen, die 1996 bei Hanser veröffentlicht wurde, und Hôtel Baalbek, zuerst ebenfalls im Aufbau Verlag (1991) herausgekommen.

Das Sujet des Siebenten Brunnens - das Leid und die stille Widerstandskraft, die nicht auf Kämpfertum beruhen, sondern auf einer schlichten Menschlichkeit und der kargen Hilfsbereitschaft der Häftlinge, wie sie unter solchen Umständen gerade noch möglich ist, - war seinerzeit trotz der antifaschistischen Pose der DDR ein kühnes Unterfangen. Denn Widerstand gegen den Faschismus war ein politisches Monopol geworden, weitgehend reduziert auf kommunistischen Widerstand.

Als Buch konnte Der Siebente Brunnen erscheinen, aber der Versuch des Szenaristen Eberhard Görner, dieses Buch zu verfilmen, scheiterte. Sein Bericht über dieses Scheitern; Ein Film der nicht gedreht wurde in der kürzlich erschienenen Biografie Fred Wander. Leben und Werk ist ein äußerst lesenswerter Beitrag, der deutlich macht, wie der Widerstand gegen den Faschismus instrumentalisiert wurde: er war - viele DDR-Politiker kamen aus diesem Widerstand - "ihr Verfassungsscheck für die politische Macht in der DDR, die sie von der Sowjetunion nach 1945 erhalten hatten".

Die Angst vor Machtverlust ließ keinerlei Abweichung vom Dogma zu. Görner, der heftig um diesen Film kämpfte, schildert hier in Dokumenten (er hat die Briefe an die DEFA, an das Politbüromitglied Kurt Hager, den 1987 neu ernannten Rabbiner für die jüdischen Gemeinden in der DDR und 1990 an das Bayrische Fernsehen aufbewahrt) ein Stück real existierender Kulturpolitik der DDR. Berührend ist der letzte von Görner mitgeteilte Brief, er stammt vom ehemaligen Chefdramaturgen der DEFA, Rudolf Jürschik, der dieses Filmprojekt von Anfang an günstig beurteilt hatte, sich aber der Entscheidung des Generaldirektors der DEFA beugen musste. Jürschik schreibt: "Damit bin ich hier wieder bei meinem Eindruck nach wiederholter Lektüre Deines Szenariums: Es muss einer ganz und gar an der Oberfläche der Bilder bleiben, der Leid und Widerstand antithetisch denkt. Wer die Botschaft (ich scheue mich nicht vor diesem Wort) der Bilder - vom Widerstehen dessen, was im Innersten des Menschen unangreifbar und unverletzbar ist - nicht erreicht, wie kann dem noch geholfen werden? Es muss ihm aber geholfen werden und solche Hilfe vermag nach und neben dem Glauben nur die Kunst."


Die Kunst. Fred Wanders Siebenter Brunnen ist Fiktion. Gleich in dem Wie man eine Geschichte erzählt genannten, ersten Kapitel geht es um Kunst und Fiktion. Der KZ-Häftling Mendel ist ein begnadeter Erzähler, den der Ich-Erzähler bittet, ihn in die Kunst des Erzählens einzuweihen. Mendel tut es. Aus wenigen dürren Worten des Fragenden über sein Zuhause macht er im Handumdrehen eine äußert plastische Schilderung nicht nur dieses Hauses, sondern auch von dessen Bewohnern, so anschaulich, dass der Ich-Erzähler erstaunt ausruft: Du warst dort! Mendel war nie dort, aber der Fragende hat eine Lektion in der Kunst des Erzählens bekommen. Eine unheimliche Lektion. Nach den eingangs erwähnten Bildern des "Augenzeugen" schien mir Menschlichkeit im KZ unmöglich. Die Kunst des Erzählens macht sie möglich.

Das wichtige Thema "Erzählen" spielt nicht nur im Siebenten Brunnen eine Rolle, auch in der Autobiografie und im Hôtel Baalbek. Es ist bei Wander eng verknüpft mit der Frage nach der Wahrhaftigkeit von Erinnerungen, erzählt er doch aus der Erinnerung. Und wessen Erinnerungen haben nicht die Neigung, das Vergangene zu vergolden? Bei der Beschreibung des bunten und faszinierenden Lebens im Emigrantenhotel in Marseille im Sommer 1942 mahnt der Autor sich selbst: "Aber ich übertreibe wahrscheinlich, die Zeit hat eine Patina, eine glänzende Folie über das Baalbek gelegt." Der Leser wird gut tun, diese Einsicht bei der Lektüre nicht außer Acht zu lassen. Erinnerung verändert sich durch die Zeit.

Als Wander im Baalbek lebte, wusste er nichts von Auschwitz, es gab zwar Gerüchte, aber weder er noch andere Emigranten wollten ihnen glauben. Als er 1987 Hôtel Baalbek zu schreiben begann, war er ein Überlebender von Auschwitz und Buchenwald, auch diese Erfahrungen prägen seine Erinnerung, die Art seiner Darstellung: "Denn nur im zweifachen Erinnern, vorwärts und rückwärts gewandt, sind die Ereignisse zu erkennen, wir leben nicht in der Gegenwart, leben in einem Nebel aus geronnener Zeit, gefrorenem Blut, Vergangenheit und Zukunft sind darin vermischt". So sind Wanders Bücher weit mehr als Zeitzeugenberichte, sie sind Literatur, durchdacht und gestaltet, der Autor ist nicht mit dem Erzähler identisch.

Neben den Schilderungen der Inhaftierten in den Konzentrationslagern hat Wander auch die Verhaltensweisen der Menschen in den Internierungslagern - die er, von Wien nach Frankreich geflüchtet und dort bei Kriegsbeginn als Österreicher interniert und später von der Vichy-Regierung als Jude an Deutschland ausgeliefert, durchleiden musste - in seiner Autobiografie, also nicht fiktiv, beschrieben. "Du kannst hier alles lernen, was du über die Menschen wissen musst!", sagt einer der Internierten zu Wander. "Du musst nur sehen, wie sich in einer neu entstandenen Ansammlung von Menschen sehr bald die immer gleichen Strukturen sozialer Ungleichheit und ihrer Konflikte bilden. Es geht stets um die Interessen einiger weniger, die vielen auszubeuten und zu kontrollieren. Sie haben die Zauberformel der Menschenbeherrschung entdeckt und nützen sie rücksichtslos aus. Und es geht immer um die Privilegien einer Elite, der Günstlinge der Macht, ohne die sich Macht nicht entfalten kann. Um eine Ideologie, welche die Unwissenden von der Notwenigkeit der Macht überzeugen - und ihnen Angst einpflanzen soll! ... Die Macht erzeugt immer Angst und Hass und präpariert die Untertanen zum Krieg!"

Wander weiß also, wie es zugeht in der Welt, er erfährt es früh, die Internierungslager von Perpignan und Drancy haben es ihn gelehrt. "Drancy", schreibt Wander, "war der erste Kreis der Hölle. Man erkennt die Hölle auf Erden daran, dass die Latrinen in den Höfen für Männer und Frauen nicht mehr getrennt sind. Und dass sich Menschen aus dem 15. Stock in die Tiefe stürzen. Und dass die Gefangenen zu Hunderten in leeren Räumen untergebracht sind, ohne Decken, ohne Stroh und ohne Wasser!" Und er fährt fort: "Wir wussten nicht, dass auf die meisten von uns die Gaskammer wartete. Die Leute vom Roten Kreuz hatten davon gesprochen, aber wir hatten es nicht verstanden!"

Ein bedeutsamer Satz, dieses "wir hatten es nicht verstanden". Niemand war darauf gefasst, dass aus einer großen Kulturnation, wie es die Deutschen bis dahin waren, etwas bisher nie Dagewesenes, die industrielle Menschenvernichtung, hervorgehen würde. Dies ist das wirklich Neue und Entsetzliche der an Ausrottungsbestrebungen ganzer Völker nicht armen Geschichte der Menschheit. Die Befürchtung, dass Bruno Bettelheim Recht hat mit dem, was er in mit seinem Buch Erziehung zum Überleben. Zur Psychologie der Extremsituation schrieb, wenn er die faschistischen Konzentrationslager nicht als Gipfel der Judenverfolgung sieht, sondern als Beginn der Schrecken des 21. Jahrhunderts, liegt nahe. Hier kann der Leser aus allen drei Büchern Gewinn für die Gegenwart ziehen, indem Strukturen aufgezeigt werden, die ins Verderben führen - ebenso wie Blindheit dieses Verderben ermöglicht.

Was die sehr lesenswerte Autobiografie Fred Wanders außerdem auszeichnet, ist der völlige Mangel an Bitterkeit oder gar Hass. Beides wäre nach einem so schweren Schicksal nur zu verständlich. Er hat die Gabe, auch im größten Elend sich an kleinen Dingen erfreuen zu können: dem klugen oder freundlichen Wort eines Mitgefangenen, an einem Sonnenuntergang, an einem Stück Brot, das ein bisschen größer ausfällt als üblich. Nach 1945, als er in Wien in den Behörden die gleichen Leute antrifft wie vor dem Krieg, erschreckt ihn das zwar, aber gleichzeitig empfindet er eine schlichte Freude, lebendig zu sein und den Wunsch, weiter zu leben. Diese "Fröhlichkeit im Schrecken", der er zuerst bei einem Mithäftling begegnet, erklärt er auch aus der langen Tradition des Leidens und der Verfolgung, denen Juden seit 2.000 Jahren ausgesetzt sind. Zu dieser Tradition gehört sein Lebensmotto: "Kneif die Augen zusammen, sieh genau hin: Was tut dieser Mensch?" Sieh genau hin.

Nicht immer ist es Wander gelungen, er hat, trotz der Warnungen des Roten Kreuzes nicht an die Wirklichkeit der Gaskammern geglaubt, er hat, nachdem er 1958 in die DDR übersiedelte und bis 1982 dort lebte, sich lange über die politischen Realitäten getäuscht, er war, wie er selbst sagt, "blauäugig". Er glaubte sich auf der Seite der Antifaschisten und die Idee der Sozialismus, so seine Argumente für das lange Verweilen in der DDR, war doch gut. Er hätte es besser wissen können, warum er es nicht wirklich wissen wollte, darauf gibt die Autobiografie nur Scheinantworten. Er selbst hat sich aufgefordert: "Schreib die Wahrheit! Aber was ist die Wahrheit? Das Lager war unsere Wahrheit. Die Welt des Hungers, der Bürgerkriege, des Terrors und der Massaker ist auch heute noch die einzige Wirklichkeit. Der Tod in jeder Stunde, der Tod der Anderen, aber auch der eigene Tod, der uns im Nacken sitzt. Und alles andere ist nur Traum."

Waren also seine Gespräche mit der Staatssicherheit ein Traum? Wander: "Leider konnten wir nicht ahnen, dass auch jedes Gespräch mit einem Stasi-Agenten in den angelegten Akten zu dem Etikett ›Mitarbeit‹ führten." In der Dokumentation "Sicherungsbereich Literatur" von Joachim Walther ist zu Fred Wander auf Seite 798 vermerkt: "BStU, Ast Potsdam AIM2114/80. Die Personalakte (551 Blatt) vermerkt eine konspirative Tätigkeit als ›Ermittler‹ der Verwaltung Aufklärung des Ministeriums für Nationale Verteidigung von 1959-1970. 1974 führte ihn die BV Potsdam, Abteilung XX/7, als IM-Kandidat ›Skorpion‹, die Verpflichtung per Handschlag als IMV ›Karl‹ datiert vom 18.11.1975." Schreib die Wahrheit! Aber was ist die Wahrheit?

Bücher von Fred Wander:

Hotel Baalbek. Roman. Mit einem Nachwort von Erich Hackl. Wallstein. Göttingen 2007, 240 S., 19,90 EUR

Das gute Leben oder Von der Fröhlichkeit im Schrecken. Wallstein, Göttingen 2006, 400 S., 24 EUR

Der siebente Brunnen. Roman. Nachwort von Ruth Klüger. Wallstein. Göttingen 2005, 168 S., 19 EUR; dtv-Taschenbuch 8,50 EUR

Fred Wander. Leben und Werk. Herausgegeben von Walter Grünzweig und Ursula Seeber. Wedile, Bonn 2005, 256 S., 23 EUR


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00:00 29.06.2007

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