Die Fron des Wartens

Alltag "Man musz nicht warten bis die Küh Eyer brüten", sagt der Dichter. Meistens hat man aber keine Wahl. Eine kleine Phänomenologie des aufgezwungenen Nichtstuns

Ich warte bangend, hoffend und meist ungeduldig auf etwas oder jemanden, aber manchmal gelingt es mir, einfach nur Löcher in die Luft zu gucken. Wenn ich auf meinen Sohn warte, finde ich das zwar ärgerlich, aber ich bleibe nachsichtig, kenne ihn, stelle mich darauf ein. Im Wartezimmer eines Arztes wartend weiß ich, was mich erwartet. Also habe ich ein Buch oder eine Zeitung bei mir oder nutze die Zeit, um in jenen Zeitschriften zu blättern, die ich normalerweise nicht anrühre. Ein Erotiktest oder Berichte über Salatsaucen schmecken dann wie verbotene Früchte; triviales Zeug, für das ich nie Zeit und Geld aufwenden würde, wenn, ja wenn ich hier nicht warten, das heißt, meine Zeit vertun müsste. An der Bushaltestelle habe ich mir angewöhnt, das Gewicht von einem Fuß auf den anderen zu verlagern, kleine, kaum merkbare Entspannungsübungen zu machen. Das verkürzt nicht nur die Wartezeit, sondern nutzt sie. Ich warte dann viel entspannter, dass der Bus endlich dort ankommt, wo ich aussteigen muss - in Erwartung neuer Aufgaben, die mich auf den Erfolg (und die Bezahlung) meiner Arbeit warten lassen.

Das Warten hat sich verändert. Ich genieße es, nicht mehr an der Grenze warten zu müssen, um von Schöneberg zum Gendarmenmarkt zu fahren. Oder von Berlin nach Wien. Ach, was habe ich am Checkpoint Charlie gewartet, am Bahnhof Friedrichstraße, in Dreilinden. Das war stets eine ganz besondere Art des Wartens - es gibt heute nur noch wenige Orte, an denen die mit dem Warten verbundenen Machtspielchen sich so deutlich beobachten lassen.

Wer warten lassen kann, hat Macht. Es gehört zum Standard der Parvenüs in Chefsesseln, ihre Untergebenen oder auch Besucher warten zu lassen. Ich lasse warten, also bin ich wichtig. Bürokraten lassen gerne warten, auch wenn sie keine reale Macht haben - aber dieses bisschen Macht, einen Bitt- oder Antragsteller warten zu lassen, die Ablage in Ruhe von links nach rechts zu verschieben, ganz langsam den Stempel aus der Schublade zu holen: welch ein Genuss, solange nur jemand wartet. Besonders gut lässt sich derlei beim Warten vor dem Postschalter studieren. Erst noch ein Schwätzchen mit den Kollegen, der Gang nach hinten in nicht einsehbare Räume, dann irgendwelche Utensilien auf den Tisch legen, dann erst das gnädige Nicken, der Nächste bitte. Solche Gesten gehen verloren, es gehört zu den wenig beachteten Nebenwirkungen der Privatisierung, dass wir anders warten. Vor dem Automaten, der - statt eines Schalterbeamten - das Geld herausrückt, vor dem Automaten, an dem ich die Fahrkarte kaufe, vor dem Automaten, der mein Paket ausspuckt, nachdem ich die Benachrichtigungskarte vor den Scanner gehalten habe.

Frauen warten auf die Regel, aber sie warten anders, seit es diese Schnelltests und erst recht, seit es die Pille danach gibt. Jene aber, die Kinder wollen, warten immer noch bangend von Monat zu Monat auf den Eisprung - sofern sie nicht auf die Nachrichten über die Entwicklung im Reagenzglas warten. Als ich schwanger war, habe ich übrigens keineswegs wie man so sagt, neun, sondern bestenfalls sieben Monate gewartet, weil ich doch in den ersten Wochen nicht wusste, dass ich ein Kind erwarte.

Ich habe in meinem Leben schon viel gewartet, auf Honorare und auf Entschuldigungen, die nicht kamen. Ich habe vor Türen gewartet, hinter denen geprüft wurde, habe gewartet, dass der Richter mich aufruft und habe gewartet, dass die Kartoffeln endlich gar werden. Ich hasse es, auf die Freundin zu warten, wenn wir im Kino verabredet sind und es keine nummerierten Plätze gibt - ich war rechtzeitig da, aber weil sie so spät gekommen ist, bekommen wir keinen guten Platz mehr. Ich warte auf die Kellnerin, damit ich endlich zahlen und gehen kann, ich warte zum Glück nicht, wie meine Eltern und viele Generationen vor ihnen, auf das Ende des Krieges.

Das gute, alte Grimm´sche Wörterbuch spendet mir die schöne, unglaubwürdig gewordene Weisheit: "lang warten ist verdriszig, es macht aber die leut witzig". Der Witz des Wartens ist bei der globalen Beschleunigung offenbar unter die Räder gekommen. Im Internet surfend habe ich eine ganz andere Moral gefunden. Da schrieb ein "Kanitri":

"Ist es nicht ein großes Verbrechen, andere warten zu lassen? Wer zehn Menschen eine Stunde lang warten lässt, raubt zehn Stunden Lebenszeit. Wer 8.760 Menschen je eine Stunde stiehlt, hat bereits ein Jahr zusammen, wer also 175.200 Menschen eine Stunde oder aber 10.512.000 Menschen je eine Minute wegnimmt, könnte genauso gut einen Menschen ermorden, der noch 20 Jahre zu leben hätte. Was für Lebensdiebe sind also Moderatoren oder Politiker, die über das Fernsehen einem Millionen-Publikum mit wertlosem Gewäsch die Zeit fortnehmen?"

Warten hat sich durch die neuen Kommunikationstechniken verändert. Wenn eine Dame vor 200 Jahren auf eine Nachricht gewartet hat, dann hatte sie mehrere Chancen am Tag, dass jemand einen Brief vorbeibringt, der Postillon oder ein Freund oder ein Bote; es ist erstaunlich, wie viele Briefe in dem wortsüchtigen 18. Jahrhundert (dem "tintenklecksenden Saeculum" wie Schiller das nannte) jeden Tag geschrieben und ausgeliefert wurden. Aber es war nicht selbstverständlich, dass ein Brief ankam. Er konnte verloren gehen oder zwei Monate unterwegs sein. Man hat deshalb auf die Nachricht der Liebsten anders gewartet als heute: Die Zeit des Hoffens und Bangens war länger. Es gibt heute viel mehr Chancen, enttäuscht zu werden: Das Telefon klingelt nicht, und auch das Handy schweigt, keine Mail, nichts im Postkasten, keine SMS, keine MMS, keiner, der vorbei kommt. Wie tragisch für Besitzer einer Website mit Zähler, wenn niemand sie anklickt, und wer noch ein Faxgerät besitzt, kann auch das wartend anstarren. Wenn der Freund, der mich vom Zug abholen wollte, nicht da ist, bekommt seine Verspätung ein ganz anderes Gewicht, seit es Mobiltelefone gibt, mit denen sich jede Verspätung ankündigen ließe. Sogar das Warten auf die Jahreszeiten verändert sich. Wir haben lange auf den Frühling gewartet und zuvor vergeblich auf einen richtigen Winter, in dem Schneemänner mit Karottennasen baubar gewesen wären.

Schüler warten auf den Freitag und nach vielen Freitagen auf den nächsten Feiertag und nach dem Feiertag auf die Ferien und nach den Ferien darauf, dass diese Schulzeit endlich vorbei ist und sie ihr Zeugnis bekommen. Kinder warten auf Weihnachten, Ehefrauen warten nicht mehr so wie früher auf den Mann, der müde von der Arbeit kommt, jedenfalls nicht mehr wie "seiner Zeit", als das Essen auf dem Tisch stand und die Wohnung aufgeräumt war und sie womöglich erst kurz vor seiner Heimkehr das Hauskleid ausgezogen und die Haare gefönt hat. Und weit entfernt sind wir von jenen Vorstellungen aus dem Märchen, in dem die Hexe wartet, bis Hänsel endlich dick genug ist, um ihn zu braten. In Zeiten von Fettleibigkeit und Magersucht haben Hexen andere Sorgen!

Warten frustriert. Aber offenbar weniger, wenn so ein junger Mensch ohnehin den ganzen Tag Stöpsel in den Ohren hat und gar nicht merkt, ob er oder sie unterwegs ist, etwas tut oder nichts tut, also wartet. Es gibt Berufe, die bestehen vor allem aus Warten. Schauspieler, habe ich mir sagen lassen, werden fürs Warten bezahlt, sie warten manchmal acht Stunden, um eine Aufnahme von zehn Minuten zu absolvieren. Der Triangelspieler wartet ein ganzes Konzert hindurch auf seinen Einsatz; Huren warten, dass ein Freier kommt. Bei der Polizei wird viel gewartet und erst recht beim Militär. Inzwischen wartet die Kassiererin nicht an der Kasse, sie muss zwischendurch die Regale einräumen oder wartet ohnehin auf Abruf zu Hause, jederzeit erreichbar, um in Spitzenzeiten den Job anzutreten, der nur für die Stunden bezahlt wird, die nicht verwartet werden.

Warten macht nervös. Zumal, wenn ich auf die Rettung warte oder auf den ADAC, weil ich eine Panne habe und das Wetter schlecht ist und die Kinder quengeln. Oh, wie nervt das Warten auf den Flughäfen, in denen man sich auch nicht bequem ausstrecken kann, weil immer irgendwo angestanden werden muss. Boarding, Sicherheits-Check, Warten im Vorraum, Warten in dieser und jener Schlange. Ach, die Schlangen. Wie haben doch die Brüder und Schwestern im Osten gewartet, auch dies eine Kultur, die vom Aussterben bedroht ist. Immer öfter warten wir in Warteschleifen, warten Sie, Sie werden verbunden, warten Sie, Sie werden sofort nach Freiwerden der Leitung verbunden, bitte haben Sie noch ein wenig Geduld, dudldudldu.

Alte Leute warten, sagt man, morgens aufs Frühstück, mittags aufs Mittagessen, abends auf das Abendessen und am Wochenende auf den Besuch der Kinder und Enkel und warten oft vergeblich. Sie warten auf den Tod, der erst kommen darf, wenn der Arzt zustimmt. Es soll Menschen geben, die jede Woche oder gar jeden Tag auf "ihre" Fernsehsendung warten. In Zeiten, in denen man immer tätig sein musste, war Warten Zeitverschwendung, inzwischen aber geht es - wie in den oben erwähnten Zeitschriften steht - auch um die Fähigkeit, mit dem Nichtstun umgehen zu können. Es hat sich allerdings noch kaum auf die Art des Wartens ausgewirkt, dass in gewissen Kreisen Zeitwohlstand als besondere Art von Reichtum gilt.

Ob Männer anders warten als Frauen? In Karikaturen oder auch Werbefilmen sind es vor allem Männer die warten, erkennbar als ungeduldige Liebhaber, weil sie einen sukzessive verwelkenden Blumenstrauß in der Hand halten. Irgendwann wird ihnen das Warten zuviel, die Blumen landen im Müll oder werden einer verdatterten älteren Dame in die Hand gedrückt. Dies aber, erklärte mir ein Experte, kommt daher, dass solche Szenen sich leicht zeichnen lassen. Es mag an der Wahl meiner Freunde liegen, wenn ich im Gegensatz dazu vor allem und immer wieder Geschichten von wartenden Frauen höre und lese. Männer haben zu tun, vielleicht geben sie nicht zu, dass sie warten. Sie nutzen die Zeit. Aber was entgeht ihnen dabei nicht alles? Warten auf einen Liebsten ist doch auch köstlich, so viele Träume, so viele Wünsche, so viele Erinnerungen an all die vergeblich erwarteten Liebhaber steigen dabei hoch - bis mein neuer Teekessel pfeift und mich an das kluge alte immer noch gültige Sprichwort erinnert: "a watched kettle never boils". Also: abwarten und Tee trinken.


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00:00 20.04.2007

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