Die Gabel in der Hand

Die Kosmopolitin Unsere Kolumnistin fragt sich, was ist, wenn sich ihre guten Freundinnen nicht verstehen
Die Gabel in der Hand
Was, wenn der Gesprächsstoff ausgeht? Das könnte ja passieren

Foto: Hulton Archive/Getty Images

Eines Tages sagte meine gute Freundin, sie wolle meine andere gute Freundin kennenlernen, die, von der ich immer erzähle. Und die so klinge, als sei sie interessant. Aha, sagte ich. Ich habe auch eine gute Freundin, sagte meine gute Freundin, von der ich glaube, dass sie in diese Runde passt. Zu dir und deiner Freundin, die ich gerne mal kennenlernen will. Klingt gut, sagte ich. Und ich nickte – mit einer Entschlossenheit, als hätte das Nicken noch eine weitere Bestimmung als die der Bestätigung. Sich über die Zweifel zu legen. Bis ich sie nicht mehr sah, diese Zweifel, oder vielmehr nicht mehr hörte. Was, wenn.

Mir das auszumalen, darin bin ich Van Gogh. Was, wenn sich diese meine guten Freundinnen nicht verstehen, an diesem einen Tisch, an dem wir dann alle vier sitzen. Was, wenn da Schweigen ist, dieses unangenehme, bohrende Schweigen, das lauter ist als jedes Wort. Fragende Blicke, die Vorwürfe zu unterdrücken suchen: Wie kamst du darauf, dass wir uns auch nur annährungsweise verstehen könnten, und überhaupt. Was, wenn. Manchmal blendet es, bis man das Jetzt nicht mehr sieht.

Ich hatte einen Streit, das war in derselben Woche wie das besagte Abendessen, und der Streit war böse und unschön, wie Streitigkeiten es zu sein pflegen, nur mit einer Portion mehr böser Unschönheit darin. Ein paar Tage später trafen wir uns wieder, die andere Streitpartei und ich. Ich war unruhig und unkonzentriert an jenem Tag, und unsicher war ich auch. Was, wenn, das verbot ich mir zu denken und fühlte es dann umso stärker. Was, wenn wir uns weiterstreiten; was, wenn die Begegnung eine vorsichtige sein wird. Es gab dann an jenem Abend gar keine Begegnung, weil der Streit bereits beim Versuch, sich auf einen Ort für diese zu einigen, erneut eskalierte. Was, wenn; was, wenn, dachte sich die andere Streitpartei wahrscheinlich auch. Sie dachte über mich nach: Was, wenn sie unsicher sein wird und dadurch distanziert. Was, wenn die Angst uns lähmt und jede Begegnung, jede spontane Reaktion verhindert und jeder freie Raum erstickt wird von vorher sorgfältig zusammengelegten Gefühlen.

Die meisten Geschichten und Gedankengänge, die man erzählt, haben eine Pointe, einen prägnanten Schluss. Die schriftlichen suchen gar oft eine Moral in diesem zu verstecken. Diesen Gesetzen folgend müsste diese Geschichte hier damit enden, dass dieses Abendessen, bei dem meine gute Freundin, die meine andere gute Freundin kennenlernen wollte, und ihre gute Freundin und ich zusammensaßen. Dass dieser Abend ein voller Erfolg war, ein Austausch von anregenden Gedanken, ehrliches Lachen, durchgehende Sympathie, sich öffnende Welten wie Herzen. Das würde ich dann so schreiben, aber meinen würde ich damit, dass ich das andere, das „was, wenn“, von vornherein hätte weglassen sollen.

In den Abend und in die Begegnung hineinspazieren, ohne Zweifel. Frei sein von lähmenden Ängsten, erst recht von Annahmen über Gefühlswelten anderer Menschen. Wir saßen da so beim Abendessen, ein Austausch von anregenden Gedanken, manchmal lachten wir ehrliches Lachen, manchmal schwiegen wir und sagten nichts. Ich drehte wahrscheinlich nervös meine Gabel in der Hand. Was, wenn die Geschichte anders endet; was, wenn ich nicht weiß, wie der Schluss dieser Geschichte sein soll. Was, wenn die anderen den Abend nicht schön fanden; was, wenn ich nicht weiß, was sie denken. Und wenn schon, wäre eine gute Antwort.

Die deutsch-russische Autorin Lena Gorelik schreibt als Die Kosmopolitin für den Freitag. Zuletzt erschien von ihr der Roman Null bis unendlich (Rowohlt 2015)

06:00 25.02.2018

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