Die ganz andere Seite

Dokumentarfilm Mit „Als Paul über das Meer kam“ begleitet Jakob Preuss eine Flucht nach Deutschland – aus seiner Perspektive
Fabian Tietke | Ausgabe 35/2017 1

Ein junger Mann hält sich etwas schwankend auf einem Laternenmast. Der Laternenmast gehört zum Grenzzaun um die spanische Exklave Melilla. Die Bilder sind mittlerweile medial fast vertraut. Hinter dem Zaun ein Golfplatz, auf der anderen Seite, nicht weit entfernt, die Hügel, in denen Menschen auf ihre Gelegenheit warten, nach Europa zu gelangen. Sei es, indem sie Zaun und spanische Grenzpolizei überwinden, sei es, indem sie eines der Schlauchboote nach Europa besteigen. Das Warten findet in Camps statt, die nach Nationen organisiert sind. Am östlichen Ende der Hügel vor Melilla liegt das kamerunische Camp.

Erwartungen und Irritation

Dort trifft der Berliner Regisseur Jakob Preuss Paul Nkamani, der sich aus Douala in Kamerun auf den Weg nach Europa gemacht hat. In seinem Dokumentarfilm Als Paul über das Meer kam begleitet Preuss Nkamani auf dieser Flucht und zeichnet die Etappen in Form eines filmischen Tagebuchs nach. Bereitwillig zeigt Nkamani dem Dokumentarfilmer das Camp, bringt ihn mit weiteren Bewohnerinnen und Bewohnern in Kontakt.

Unterbrochen wird die Darstellung des Lebens im Camp durch die Geschichte von Paul Nkamanis Flucht von Kamerun aus über Nigeria, Niger, Algerien bis nach Marokko, die mit Karten, Fotos und Zeichnungen von Szenen der Flucht unterlegt wird. Nkamanis Lebensgeschichte bis zu seinem Aufbruch aus Douala wird ebenfalls von Zeichnungen unterlegt erzählt.

Zwei irritierend nichtssagende Sequenzen dokumentieren die Arbeit der spanischen Grenzpolizei und eines portugiesischen Marineschiffs im Rahmen der Frontexmission „Indalo“. Als der Regisseur nach seinem Ausflug auf das Frontexschiff in Andalusien angekommen ist, ist Nkamani nicht mehr im Camp und andere Bewohner des Camps machen sich Sorgen. Im Internet findet Preuss Bilder der Rettung durch spanische Boote vor Almería. Nkamani wird in Tarifa in Abschiebehaft genommen, schließlich aber freigelassen, er kommt nach Grenada. Von dort aus geht es weiter zu einem Bekannten, dann nach Frankreich und schließlich per Mitfahrzentrale nach Berlin.

Etwa zur gleichen Zeit wie jetzt Als Paul über das Meer kam lief letztes Jahr der dänische Dokumentarfilm Les sauteurs in den deutschen Kinos an. In dem Dokumentarfilm montierten Moritz Siebert und Estephan Wagner Filmmaterial, das entstanden war, als sie dem jungen Malier Abou Bakar Sidibé (das malische Camp liegt westlich neben dem kamerunischen in den Hügeln vor Melilla) eine Kamera übergaben und ihn baten, seinen Alltag zu filmen, die Versuche, den Zaun zu überwinden. Dagegen verfährt Preuss’ Film vom ersten Moment an deutlich didaktischer. Gemeinsam mit dem Filmemacher bekommt der Zuschauer das Leben im Camp erklärt. Man erfährt, dass vielen die Flucht über Libyen wegen des dort herrschenden Bürgerkriegs zu gefährlich ist (heute wäre der Grund wohl die wieder etablierte europäische Politik, Libyen dafür zu bezahlen, Menschen mit brutalsten Mitteln von der Überfahrt nach Europa abzuhalten); man erfährt, dass nur ein Teil der Menschen die gefährliche und körperlich anspruchsvolle Flucht über den Zaun wagt, andere es vorziehen, ihr Glück mit Schlauchbooten auf dem Meer zu versuchen.

Als Paul über das Meer kam will den (vermutlich vor allem deutschen) Zuschauern die Mechanismen und Probleme der Flucht über das Mittelmeer erklären, an der individuellen Fluchtgeschichte die allgemeine Frage nach dem Sinn und Unsinn von Grenzen stellen. Die Beziehung zwischen dem Regisseur und seinem Protagonisten, die in Off-Kommentaren thematisiert wird, nimmt für den Film ein, man folgt der Geschichte mit Interesse. Konflikte zwischen den Erwartungen, die Nkamani an den Regisseur richtet, und der Irritation von Preuss über Auffassungen seines Protagonisten werden aufgegriffen: In Europa angekommen, spricht sich Nkamani dafür aus, die Migration aus den Ländern der Subsahara zu quotieren und diejenigen zu bevorzugen, die bereits in Europa sind.

Im Presseheft schreibt Regisseur Preuss, dass er bereits 2011 mit den Arbeiten an dem Projekt begonnen hatte. Als Paul über das Meer kam ist solide, einnehmend. Die Wirkung des Films, der aus den ursprünglich anderen Plänen hervorging, leidet aber ein wenig unter den vielen Filmen, die Ähnliches probiert haben.

Dennoch kann man sich des Eindrucks schwer erwehren, dass die auch von Preuss gewählte auktorial-paternalistische Form überholt ist. In Italien entstanden schon Anfang der 2000er Jahre Projekte, die Geflüchtete ermutigen sollten, ihre Geschichten selbst zu filmisch zu erzählen. Die Reibungsverluste sind groß, die Finanzierung der Projekte prekär und dennoch: Einige der Filme, die für das Archivio Memorie Migranti (deutsch etwa: Archiv von Migrationserfahrungen) auf diese Weise entstanden, sind durchaus sehenswert. Der in Äthiopien geborene Regisseur Dagmawi Yimer hat seit seinem Regiedebüt mit Come un uomo sulla terra (Wie ein Mann auf der Erde) einige Meilensteine migrantischen Kinos in Italien gedreht. Höchste Zeit, auch in Deutschland ein paar Kameras unter Menschen zu bringen, die die Perspektive, aus der sie ihre Flucht erzählen, selbst bestimmen.

Info

Als Paul über das Meer kam Jakob Preuss Deutschland 2017, 97 Minuten

06:00 03.09.2017

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