Conrad Menzel
23.09.2012 | 09:00

Die ganze Stadt

1987 Der Film „Der Himmel über Berlin“ kommt in die Kinos – vom Erfolg eines B-Movies, das Wim Wenders nur gedreht hat, um Zeit für ein anderes Projekt zu gewinnen

Als Wim Wenders 2009 bei einem Podiumsgespräch in Tel Aviv gefragt wurde, was er zu seinem Film Der Himmel über Berlin von 1987 schreiben würde, berichtete er von einem Augenblick, in dem er sehr glücklich mit diesem Werk gewesen sei. Er erzählt von einer Reise nach Tokio, anderthalb Jahre nachdem Der Himmel über Berlin dort in die Kinos gekommen war. Wenders traf seinen japanischen Verleiher, der ihm unbedingt etwas zeigen wollte. Gemeinsam gingen sie gegen Mittag in ein Lichtspielhaus. Der Film lief schon seit Wochen, doch das war es nicht, worum es dem Verleiher ging. Sie betraten das Gebäude, der Kinosaal war voll. Er habe, erinnerte sich Wenders, einen Moment gebraucht, um zu erkennen, dass in diesem Raum nur Frauen saßen. Als er nach dem Grund fragte, meinte sein Begleiter, die Medien in Japan hätten begonnen, dieses Phänomen zu ergründen. Die triftigste Erklärung sei, dass die Japanerinnen Der Himmel über Berlin so sehr schätzten, weil die Männer in diesem Film fast immer zuhörten.

Als der Film vor 25 Jahren in die Kinos kam, wollte sich Wenders damit eigentlich nur Zeit verschaffen. Als B-Movie beschreibt der Regisseur seine Arbeit später – wegen der schnellen und spontanen Produktion. Als sich abzeichnet, dass der Vorlauf für sein geplantes Werk Bis ans Ende der Welt mehr Zeit in Anspruch nehmen wird als gedacht, läuft Wenders Gefahr, mit seiner Produktionsfirma Road Movies bankrott zu gehen. Seit Paris, Texas von 1984 hat er keinen Film mehr gedreht, geschweige denn produziert. Um die drohende Pleite abzuwenden, braucht es eine Überbrückung. Aus der Not geboren entsteht Der Himmel über Berlin – ein Film, in dem die Männer Engel sind, weil sie zuhören, oder die Männer nur zuhören, weil sie Engel sind.

Krumme Rücken stärken

Die Zuhörer unter dem Berliner Himmel sind Damiel (gespielt von Bruno Ganz) und Cassiel (Otto Sander). Sie streifen als Engel durch die Stadt und lauschen den Gedanken ihrer Bewohner. Sie können den Erwachsenen – als Schutzengel der Traurigen und Verzweifelten – durch Nähe und Berührung den krummen Rücken stärken und wieder Lebensmut einflößen. Das funktioniert zwar nicht immer, wie Cassiel auf dem Dach des Europa-Centers erfahren muss. Das kann aber auch nicht alles sein, findet Damiel, dem das irdische Leben als einzige Verlockung erscheint. Als er sich in einem Zirkus in die Trapezkünstlerin Marion (Solveig Dommartin) verliebt, wächst sein Drang, das stete Geben von seinem „Ausguck der Ungeborenen“ gegen das endliche Leben, die Ewigkeit gegen die Empfindung einzutauschen. Im Zirkuszelt wird Damiel seiner Existenz als Engel überdrüssig. Sich „immer nur am Geist begeistern“, genügt ihm nicht. Er will Fieber haben, lügen wie gedruckt, lieben, „endlich ahnen, statt immer nur alles zu wissen“. Und er will vor allem staunen. Auch Peter „Columbo“ Falk, der Mensch gewordene Engel, für dessen Rolle Wenders ursprünglich Willy Brandt besetzen wollte, lockt Damiel, so dass er sich schließlich auf dem Todesstreifen der Berliner Mauer für das Leben entscheidet, in dem Zeit etwas bedeutet und sein bislang schwarz-weißer Engelsblick nun in Farbe getaucht wird.

Das Staunen, das „Ach und Oh!“, wie Damiel es als Engel noch beschreibt, ist ein wiederkehrendes Motiv des Films. Nur die Kinder können die Engel sehen, weil sie noch fragen und staunen, wenn sich der Erwachsene längst damit abgefunden hat, dass es keine Antworten gibt. „Wenn wir lernen könnten, uns zu verwundern wie Kinder, könnten wir mit diesem verwunderten Blick die Probleme neu angehen“, meint Wenders in einem Interview zum Filmstart 1987.

Das Drehbuch hat der Regisseur gemeinsam mit dem Dichter Peter Handke geschrieben, dessen Sehnsucht nach dem kindlichen Staunen im Gedicht Das Lied vom Kindsein im Film so klingt: „Als das Kind Kind war, hatte es von nichts eine Meinung, hatte keine Gewohnheit, (...) und machte kein Gesicht beim Fotografieren.“ Kein Zweifel, der romantische Topos wird zuweilen arg strapaziert. So nennt das österreichische Magazin Falter den Streifen bissig ein „geschwätziges, von Kunstgewerbe angekränkeltes, synthetisches Stück Kino“. Zu dieser Zeit ahnt noch niemand, welchen tatsächlichen Kitsch Hollywood eine Dekade später mit dem Remake Stadt der Engel mit Nicholas Cage und Meg Ryan dem Stoff abringen würde. Wenders, nach Art der Zusammenarbeit und Umgang mit Peter Handke befragt, äußert sich 1987 gegenüber dem Spiegel: „Ich kürze, oft sogar ziemlich drastisch. Manchmal, so scheint mir, wird der Peter in seinen Dialogen zu überschwänglich.“

Im Gedankenrauschen der Bewohner, dem die Engel lauschen – abseits dieser Sehnsucht nach dem Staunen und dem Zirkus als Ort des Staunens – erfährt man im Film die Stadt als Gedicht. Und das auf eindrucksvolle Weise. Man nimmt Anteil an den Gedanken der Menschen, die sich rauschend überlagern und etwas vom Leben spiegeln, wie es sich zwischen Häuserzeilen, in Hinterhöfen und hinter den Fassaden behauptet.

Einöde am Potsdamer Platz

Wer es noch kann, der staunt ein Vierteljahrhundert danach über die Bilder vom einstigen Berlin, die Wim Wenders mit seinem damaligen 77-jährigen Kameramann Henri Alekan eingefangen hat. Alekans Sequenzen zeigen ein Stadtpanorama, das trotz seiner Schwarz-Weiß-Tönung alles andere als entrückt wirkt. Sogar die Reklame-Tafeln an Fassaden entlang der Stadtautobahn blieben bis heute mitunter die gleichen. Der Kamerablick streift Berliner Kriegs- und Grenzbrachen, etwa die zeitlos wirkende Einöde am Potsdamer Platz, wo die Verluste einer um ihr architektonisches Gedächtnis gebrachten Metropole unwiederbringlich sind.

Die Entstehungsgeschichte der Straßenaufnahmen im Osten der geteilten Stadt passen wiederum zum Charakter der gesamten Produktion: Defa-Kameramann Thomas Plenert, der etwa durch die Filme Volker Koepps bekannt ist, belichtete damals das Material, das der Schauspieler Hanns Zischler dann über die Grenze brachte. Auch das hat den Ruhm von Wenders‘ Film genährt: dass er Berlin zwei Jahre vor dem Mauerfall schon als Ganzes gedacht hat.

Die wohl schönsten Szenen von Der Himmel über Berlin sind auf dem Potsdamer Platz entstanden. Über ein sandiges Niemandsland schlurft der Erzähler Homer (Curt Bois), die Bilder zu seinen Erinnerungen an diesen Ort vermissend. Wo einst der Nabel der Welt war, sitzt er nun im Nirgendwo auf einem Clubsessel. „Ich kann den Potsdamer Platz nicht finden. Hier? Das kann er doch nicht sein.“

Nur 13 Jahre später wird Wim Wenders am gleichen Ort stehen und mit seinem Film The Million Dollar Hotel die 50. Berlinale eröffnen. Die Steppe, in der Homer sein Café Josty gesucht hat, ist einer neuen Stadt inmitten der Stadt gewichen. Für Wenders, der die Szene mit Bois zu seinen Lieblingsepisoden zählt, ist der Potsdamer Platz zur Jahrtausendwende wieder eine Art Mittelpunkt der Welt, während er anderen wie ein künstliches Gewebe erscheint, das die Geschichte versteckt.

So zeigen im Film die Bilder der städtischen Lücken, dass in der heutigen Mitte Berlins in den vergangenen Jahrzehnten eine neue Begrenzung vorangetrieben wurde. Die Brachen sind verschwunden, und der Himmel über Berlin ist von hier aus stetig kleiner geworden. Der Blick, den Alekans Kamera schweifen lassen konnte, ist inzwischen von Bebauung limitiert.

Am Ende des Films finden sich der Mensch gewordene Damiel und Marion bei einem Konzert von Nick Cave & The Bad Seeds. Dafür, dass Damiel dem finalen, langen Monolog von Marion mit Engelsgeduld zuhört, hat der Schauspieler Bruno Ganz in einem Interview mit dem Drehbuchautor Richard Raskin eine ziemlich banale Erklärung: „Wim war verliebt in Solveig Dommartin, die im Film die Marion spielt, und er tat alles, um sie hervorzuheben.“

Conrad Menzel schrieb zuletzt über den Film Das weiße Band von Michael Haneke