Die Gedanken sind frei

KAPITALKOLLAPS, DEMNÄCHST Des Ableitungsfanatikers Robert Kurzens Katzenkonzert auf die Marktwirtschaft

Einer ehrenwerten Mühe hat sich der Privatgelehrte Robert Kurz, Anreger der marxistischen Krisis-Gruppe, unterzogen. Sein Schwarzbuch Kapitalismus. Ein Abgesang auf die Marktwirtschaft ist ein 800 Seiten langer Großessay mit mehreren ehrgeizigen Anliegen in bester Aufklärertradition. Der schwarze Ziegel soll verschüttetes Geschichtsbewusstsein wieder ans Tageslicht fördern, er soll das Wesen des kapitalistischen Systems (das Diktat der "abstrakten Arbeit") und seiner Geschichte aufzeigen, er soll offen legen, wie sich die großen Geister seit Thomas Hobbes vor den Karren der Profiteure haben spannen lassen, er soll das destruktive Wesen des bürgerlichen Liberalismus enthüllen, er soll belegen, dass dieses System nach drei Revolutionen "am Ende seines Blindflugs durch die Geschichte angelangt" ist und "nur noch zerschellen" kann, er soll die Kraft des Widerstands, der "bösen Horizontale", der Utopien beschwören, die jetzt erst recht notwendig sind.

Der Ziegel ist vielfach besprochen worden, er wurde sogar als die wichtigste Publikation der letzten zehn Jahre in der Zeit gelobt. Wer freilich Kurz als Maßstab für Kurz heranzieht, wird das Schwarzbuch als makellosen Katechismus huldigen. Manche Linke sind ähnlich verfahren: Kurz ist ein Marxist, also ist das Schwarzbuch ein marxistisches Essential. Aber diese grundlegende Systemkritik steht auf einem sehr wackeligen theoretischen Fundament.

Das Kurz'sche Denken ist dadurch charakterisiert, dass alles mit allem zusammenhängt. Kurz ist ein Ableitungsfanatiker. Die kapitalistische Produktionsweise, deren Beginn er etwa mit dem 16. Jahrhundert datiert, ist eine Art Kanalisationssystem, nach allen Seiten durchlässig, so dass ein Thomas Hobbes ohne Not im Zeitalter der Reformation bereits das Menschenbild für die heutige kapitalistische Modernisierungs-Ideologie liefert; dazu ein dreizeiliges Menschenbild-Zitat, das genausogut auch auf irgendeine Situation im alten Rom zutreffen könnte. Diese Methode, aus der Geistesgeschichte nach Belieben Rosinen herauszuklauben für den jeweils passenden Gebrauch, ist durchgängig. Es gibt kein Werden und Entwickeln von Geist und Kultur, sie dienen und unterwerfen sich dem Kapital, noch bevor es sich durchgesetzt hat. Mit größtem Vergnügen wendet Kurz sie dort an, wenn er irgendeine Geistesgröße des Liberalismus verdächtigt. Wohl steht bei ihm im Mittelpunkt die Ökonomie des Kapitals, die abstrakte Arbeit, die Ware, die Geldform, während Politik nahezu verschwindet, doch liebt er als marxistischer Dogmatiker den ideologischen Kampf und legt als Don Quixotte einer "emanzipatorischen Antimoderne" die Lanze gegen alles Liberale ein.

Als wiederkehrendes Schema fällt auf, wie Kurz für seine "Kämpfe" jeweils das Feld absteckt. Es ist eine simple Freund-Feind-Methode, der Feind wird so placiert, dass er von vornherein chancenlos ist. Denn die Absicht ist klar, Kurz zitiert ihn, um ihn dann fertigzumachen, so dass zum Beispiel der linke Gramsci letzten Endes fast schon ein Faschist wird, unbedingt aber ein Handlanger des Fordismus. Das wiederholt sich bis zum Erbrechen. Und lässt Rückschlüsse auf das Menschenbild des Autors zu, der vorgibt, "den Menschen in erster Linie als soziales und psychisches Wesen" sehen zu wollen.

Kurz beansprucht "Geschichte zu rehabilitieren". Weder ist er Historiker, noch ist seine Methode eine historische. Es besteht ein erstaunlicher Widerspruch zwischen seiner grandiosen Überzeugtheit in seine Idee und der kläglichen Argumentation. Da hat der von ihm als liberal kritisierte Marx die ursprüngliche Akkumulation oder die erste technische Revolution wesentlich überzeugender dargestellt, wesentlich fundierter; das von ihm verwendete umfangreiche empirische Material signalisiert ein vorsichtiges Vortasten zu Schlussfolgerungen, zu Analysen. Kurz hält von empirischem Material wenig, es bleibt, überspitzt gesagt, der Eindruck, dass die Zitate nur Ornamente einer fixen Idee sind. Sein allseitiger Ableitungsanspruch und die Revision der Marxschen Werttheorie, Kern seiner Kapitalismuskritik, führen letztlich zu einer groben Verzerrung der historischen Sicht. Vier Jahrhunderte erklären sich aus einem Abstraktum, denn das System der abstrakten Arbeit ist verantwortlich für alles, für Kolonialismus, Imperialismus, für Kommunismus und Stalinismus, für Faschismus und Nationalsozialismus, letztlich auch für den Holocaust. Alles hängt ja zusammen und hat den einen Grund. Kurz verfällt einem negativen Relativismus, relativiert gleich weiter, wenn er feststellt, dass nur Opfer politischer Gewalt gezählt werden, "obwohl die als ›friedliche Marktwirtschaft‹ maskierte Weltmaschine des Kapitals in ihren objektivierten Wirkungen mehr Menschen- und nicht zuletzt Kinderopfer gefordert hat."

Seine Zusammenbruchstheorie bleibt ein bloßes Raunen. Das scheint eine Qualität des Buches zu sein: überdeutlich in der Kritik, undeutlich in der Entwicklung eigener Ideen. Warum der Kapitalismus ausgerechnet jetzt, vielleicht beim Erscheinen dieser Kritik, zerschellt, bleibt ein Rätsel, dessen Lösung nur Robert Kurz kennt. Niemand sonst hat es bemerkt. Ihm ist alles klar. Uns nicht. Und nach der Lektüre seines Buches erst recht nicht. Nach dem Epilog mit seinen Perspektiven schon gar nicht. Obwohl: "Die Aufgaben, die gelöst werden müssen, sind von geradezu ergreifender Schlichtheit ..." Er zählt sie uns trotzdem auf, sagt beiläufig, "unnötig der Hinweis...", führt den unnötigen Hinweis dennoch aus... Was für ein schlichter Elitarismus! Letztendlich holt ihn, der uns gnädig empfiehlt, "sich einfach versammeln und die Dinge in die eigene Hand nehmen" (wie brutal banal!), der eigene Todfeind, der Liberalismus mit dem Schlusssatz ein: "Die Gedanken sind frei, auch wenn sonst gar nichts mehr frei ist." Adorno, schau runter auf deinen Don Quixotte!

Robert Kurz, Schwarzbuch Kapitalismus. Ein Abgesang auf die Marktwirtschaft. Eichborn Verlag 1999, Frankfurt am Main. 816 S., 68,- DM.

00:00 26.01.2001

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