Die Gegenstaatskunst des Ai Weiwei

Ausstellung Die Werke des chinesischen Künstlers Ai Weiwei sind ganz offensichtlich gegen das chinesische Regime gerichtet. Auch deshalb wird er vom westlichen Kulturbetrieb gefeiert
Ausgabe 15/2014

Der Gegenstaatsbesuch aus China fand nicht statt. Der Künstler Ai Weiwei ist nicht wenige Tage nach Staatspräsident Xi Jinping nach Deutschland gekommen. Er durfte nicht ausreisen. Es wäre eine Konstellation von symbolischer Tragweite gewesen. Denn die Auseinandersetzung, die Ai mit dem chinesischen KP-System führt, durchzieht die gesamte, vor einer Woche in Berlin eröffnete Ausstellung. Darüber hinaus geht es ihm aber auch um das Wesen von Modernisierung als solcher; der Kommunismus ist nur ein Spezialfall.

Eine der für Ai Weiwei typischen monumentalen Installationen im Lichthof des Gropiusbaus setzt da gleich ein deutliches Zeichen. Gut 6.000 Schemel stehen dicht gedrängt, sie ergeben eine so monotone wie komplexe Struktur. Bei allen denkbaren Lesarten zeigt auch Stools, dass es Ai Weiwei selten um Komplexität geht. Viele seiner Werke rekurrieren auf die Gesten der künstlerischen Moderne, um sie gegen die entfesselte ökonomische Moderne der chinesischen Varianten der Globalisierung zu halten.

Eine der gewichtigsten Skulpturen in Berlin trägt den Titel 81 und besteht aus einem originalgetreuen Nachbau jener Zelle, in der Ai Weiwei in China 81 Tage in Einzelhaft saß. Sie lässt die Situation des Gefangenen nachvollziehbar werden, zugleich verweisen das patinierte Waschbecken und die in den Museumsraum führende Lüftung auf all die Paradoxien zwischen Readymade und Fake, mit denen sich die Kunst im Umgang mit der Realität herumschlägt.

Eines der klügsten Manöver ist da der Titel, den Ai Weiwei für die Ausstellung gewählt hat: Evidence, also Beweis. Das deutet zuerst einmal auf ein dokumentarisches Interesse hin, das allenthalben sichtbar wird – in den vielstündigen Stadtaufnahmen zum Beispiel, mit denen er minutiös den epochalen Umbau von Peking dokumentiert, aber auch in dem umfangreichen Werkkomplex, der aus dem Erdbeben in Sichuan 2008 erwachsen ist. Die Stahlträger der fahrlässig gebauten Schulen, in denen viele Kinder ums Leben kamen, macht er zu skulpturalen Objekten – eine höchst ambivalente Geste des Erinnerns und der Kritik an korrupten Bauherren.

Zu der enormen internationalen Erfolgsgeschichte von Ai Weiwei trägt sicher auch bei, dass er selbst sich zu einer so angreifbaren Figur gemacht hat. Zu einem „Trottel“ (Dumbass), wie ein Video heißt, der die Aggression des Systems auf sich zieht. Was Ai macht, hat tendenziell den Charakter von Gegenstaatskunst. Er bleibt mit seinen subversiven Aktionen an das Regime gekettet, das ihn jederzeit wieder in eine Einzelzelle stecken kann. Aber auch an das Regime unserer liberalen Öffentlichkeit, die sich mit der Feier von Gegenstaatskünstlern für die guten Wirtschaftsbeziehungen entschädigt, die in Sachen China Vorrang haben.

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