Die gehäutete Dichterin

Unterdrückt Ines Geipel setzt mit "Zensiert, verschwiegen, vergessen" den in der DDR unterdrückten Autorinnen ein Denkmal. Ihr Buch ist das Ergebnis einer beeindruckenden Recherche

Zensiert, verschwiegen, vergessen: Ines Geipel portraitiert Autorinnen unterschiedlicher Generationen, deren künstlerisches Schaffen in der DDR unterdrückt wurde. Obwohl literarisch von Rang, fanden die Werke zum großen Teil keinen Einzug in den Kanon der deutschen Literatur. Das Buch soll helfen, den Blick für die Lückenhaftigkeit der deutschen Literaturgeschichtsschreibung zu schärfen und vielleicht doch eine späte Rezeption der unterdrückten Dichterinnen zu bewirken. Wesentlich geht es um zerstörte Potentiale und Traumata. Die Linie, die Geipel literaturhistorisch zieht, reicht von Ricarda Huchs Ausreise aus der SBZ 1947 bis hin zu Silvia Kabus’ Zensur-Erfahrungen in den späten achtzigern und dem Trauma der Nachwendezeit.

Die Autorinnen, deren Leben und Werk Geipel beschreibt, eint eine fast beklemmende Unbeirrbarkeit. Die hochbegabte Susanne Kerckhoff, die 19jährig 1937 in die anrüchige Reichsschrifttumskammer gewählt wurde, mehrere Romane veröffentlichte, verfolgten Juden half und in der Gründungsphase der DDR zu einer der profiliertesten politischen Journalistinnen aufstieg, überragt dabei die anderen durch die Vielschichtigkeit ihres literarischen und publizistischen Schaffens. Sie wurde von der SED kalt gestellt, nachdem sie 1949 die problematische Rolle kommunistischer Häftlinge in den Konzentrationslagern der Nazis thematisiert hatte.

Geipels sensible Schilderung der Zeitumstände macht die Diskrepanz spürbar, die zwischen dem Idealismus des Neubeginns und der Realität des Regimes entstand. Kerckhoff, die 1950 Selbstmord beging, ist nicht die einzige der Autorinnen, die den Freitod wählte. Andere flüchteten in den Alkohol. Die ungewöhnlichste Dichterin ist Eveline Kuffel, die mitten in der DDR als Vagantin lebte und 1978 wie Ingeborg Bachmann durch einen Brand im Bett starb.

Im Zuchthaus Hoheneck

Das Schicksal Edeltraud Eckerts weist Züge einer antiken Tragödie auf. 20-jährig wurde die Rilke-Verehrerin 1950 zu 25 Jahren Arbeitslager verurteilt. Sie hatte sich aus Protest gegen die Fortführung des NS-Lagersystems in der SBZ der „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“ in West-Berlin angeschlossen. 1955 wurde ihr im berüchtigten DDR-Zuchthaus Burg Hoheneck bei einem Arbeitsunfall die Kopfhaut abgerissen. Nach wochenlangem Überlebenskampf starb sie qualvoll an Wundstarrkrampf. Ein Schreibheft mit ihren Gedichten wurde nach ihrem Tod der Familie übergeben.

Zumindest im Zuchthaus lebte die Erinnerung an Eckert fort. 1977 wurde die Studentin Gabriele Stötzer dort zur Verbüßung ihrer Haft eingeliefert und begegnete der Legende von der gehäuteten Dichterin, die verreckte, weil sich niemand traute, den Erste-Hilfe-Kasten zu öffnen. Stötzer hatte den Erfurter Protest gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns mitorganisiert. Wegen Staatsverleugnung wurde sie zu einem Jahr Zuchthaus verurteilt. Verbüßen musste sie die Strafe zwischen Mörderinnen, Diebinnen und Prostituierten. Nach der Entlassung aus der Haft ist sie gezeichnet. Stötzer werde inzwischen von Kritikern, so Geipel, als ostdeutsche Sarah Kane oder weibliches Pendant zu Rainald Goetz eingeordnet.

Die Autorin hat für ihre Recherchen geradezu archäologische Arbeit geleistet. Manchmal erinnerten sich Wegbegleiter aus den zahlreichen literarischen Zirkeln der DDR. Manchmal existieren noch Briefe und Tagebücher. Zuweilen lässt die assoziierend tastende Erzählweise nicht erkennen, ob das Erzählte den Fakten entspricht. Das birgt durchaus Risiken in Sachen Glaubwürdigkeit. Umso beeindruckender ist deshalb das Ergebnis. Geipel, die Professorin für Verssprache ist, gelingt es, mit größtem Einfühlungsvermögen einerseits und dem Begriffsapparat ausgewiesenen Expertentums andererseits, die künstlerischen Profile der erforschten Autorinnen zu ermitteln. Diese Methode ermöglicht in den meisten Fällen überhaupt erst, die unterdrückte Literatur intellektuell greifbar zu machen und vielleicht sogar die späte Rezeption einzuleiten. Letztendlich geht es ja auch um die Frage, was hätte entstehen können, wenn es die Unterdrückung nicht gegeben hätte.

Ausserhalb der Kodices

Dennoch bleiben auch Fragen offen. Bei den Dichterinnen, die nicht unmittelbar staatlichem Zugriff ausgesetzt wurden, sondern mit gesellschaftlichen Konventionen kollidierten, wird es schwer, an der Unterdrückung weiblichen Künstlertums das DDR-Spezifikum auszumachen. In der Männer-dominierten Kultur des Westens gelang auch nur wenigen Frauen die künstlerische Emanzipation. Eine davon ist sogar eine von Geipels Protagonistinnen. Helga M. Novak wurde 1966 aus der DDR ausgebürgert. Sie wurde seit ihrer ersten Lesung vor der Gruppe 47 zu den ganz großen Entdeckungen gezählt, was Geipel unerwähnt lässt.

Novak hat es zu einem Gesamtwerk und zahlreichen Literaturpreisen gebracht. Lässt sich ihre Vita wirklich stringent durch das DDR-Trauma begründen? Stehen nicht auch die Schicksale von Eveline Kuffel oder Hannelore Becker oder der Wahnsinn von Jutta Petzold exemplarisch für all jene künstlerisch kompromisslosen Frauen, denen hüben wie drüben nicht zugestanden wurde, außerhalb normierter gesellschaftlicher Kodizes zu existieren, ganz abgesehen davon, dass ihnen ein Platz im kulturellen Gedächtnis verwehrt wird?

Ines Geipel Artemis & Winkler, Düsseldorf 2009, 287 S., 24, 90 E

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16:25 29.07.2009

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