Die gekränkte Neun

Religiöse Deutungen Ein Talmudschüler hat in Amsterdam Ende des 17. Jahrhunderts ein ungewöhnliches Erlebnis. Erst Jahre später versteht er, was es damit auf sich hat
Richard Szklorz | Ausgabe 45/2015

„Rebbe, die Neun sagt Dir wirklich nichts? Irgendetwas muss sie bedeuten, sie ist doch eine schöne Zahl! Zum Beispiel die drei Engel, die vor Abraham erschienen und Saras Kinderwunsch erfüllten!“ Saras neun Monate der Schwangerschaft als Potenzierung der Zahl drei? „Zur Neun ist nicht viel zu sagen. Für die Thora ist sie ohne Bedeutung", antwortet der strenge Talmudist. – „Und für die Kabbalisten?“, hakt der junge Bochur nach. „Na ja, für die!“, antwortet der Lehrer mit deutlichem Nasenrümpfen. „Aber die würden auch für die 9‚7 oder 3,2 irgendeine heilige Bedeutung finden.“ Später macht der Bochur Jaakow Querido einen kleinen Spaziergang um die Gracht. Es ist ein trüber Wintertag in Amsterdam, im Jahre 1692. Dann kehrt er zurück in die Jeschiwa und verbringt weitere Stunden über den heiligen Büchern. Immer wieder wird die Konzentration auf die Rechtsfragen des Talmud gestört von Gedanken an Bedeutungen der Buchstaben und Zahlen: Aleph, die Eins. Symbol der Einzigkeit Gottes oder die Sieben, die sich mit dem Sabbat verbindet und der Zahl der Planeten aus der Überlieferung der Babylonier oder die heilige Zehn der Sefirot, der schöpferischen Urkräfte des Universums. Als zögen sie alle einen Bogen um das Tet, ganz nah an ihm vorbei, aber immer einen kleinen Abstand wahrend. Als hätten sie Angst vor ihm!

Er beugt sich über die Bücher, doch bald lässt er sich wieder ablenken. Er schreibt auf ein Blatt das Tet, das im Hebräischen den Zahlenwert der Neun hat und daneben malt er die 9. Sie weckt in ihm merkwürdige Gefühle, erinnert ihn an eine Schlinge, die sich um seinen Hals zusammenziehen möchte.

Es ist schon lange dunkel geworden, die anderen Bochurim sind gegangen und ließen die Bücher auf den Tischen geöffnet liegen. Noch einen Ausschnitt aus „Nesikink“ will er lesen, kämpft gegen die Müdigkeit, tiefer beugt er sich über die Auslegungen. Das beständige trübe Flimmern der Kerze bringt die Seiten der herumliegenden Bücher in Bewegung und trübt Jaakows Zeitgefühl. Die Buchstaben gleiten ab und schwärmen davon. Einige bilden Gruppen, die wie aufgescheuchte, schwarze Vögel durch den Raum flattern. Andere, wie das Aleph oder das Ajin, bleiben einzeln und lassen sich in der Unauffälligkeit einer der Ecken nieder. Nur das starke Tet verdichtet sich mit allen anderen Tets zu einem einzigen, schweren Groß-Tet. Wie ein riesiger Stiefel, nach der Beschreibung des Propheten Jesaja, geht das Tet mit Gedröhn daher. Schützend schlägt der Bochur die Hände über den Kopf zusammen und flieht Hals über Kopf in die tiefe, rettende Nacht. Erst nach Wochen traut er sich zurück in die Obhut des Talmudisten. Nie wieder wird er als letzter die Jeschiwa verlassen.

Jahre später erzählt Jaakow Querido, inzwischen Kaufmann. aber auch bekannt als gebildeter Talmudist, die Begebenheit seinem väterlichen Freund, Mordechai van den Bergh, einem alten Juden, der sich in der Gematria auskennt, aber auch viel von Religionen versteht. Gefragt nach der Neun, kann er erzählen, dass sie bei den Völkern eine Vielzahl interessanter Bedeutungen habe. Bei den Chinesen zum Beispiel, einem Volk am anderen Ende der Welt, von dem gerade phantastische Berichte nach Europa vordringen, bedeute sie die neun Schwänze des Mondfuchses oder die neun Öffnungen des menschlichen Körpers.

„Viele hatten in jenem Jahr ein ähnliches Erlebnis wie Du. Auch sie berichteten von einem Tet. Darunter auch Christen, denen ich das, was sie beschrieben, erst erklären musste, denn sie kennen unsere Buchstaben nicht. Andere sprachen wieder von der gojischen Neun, die eine Schlinge bildete und ihnen die Luft nahm. Ungewöhnlich das Zusammenwirken des Tet und der Neun.“ – „Und wie erklärst Du Dir das Phänomen?“ – „Da kann man nur Vermutungen anstellen“, antwortet van den Bergh. „Schon seit vielen Jahrhunderten stöhnt die Neun im Kalender der Christen, denn sie fühlt sich dort fremd. Im September hat sie als Gegenüber einen Monat, der dem Namen nach der Siebte ist, aus altrömischer Zeit, aber schon mehr als 1700 Jahre den neunten bildet. Und im November hat der neunte Tag einen Monat, der lateinisch der Neunte heißt, aber in Wirklichkeit der elfte ist. Alle, denen die Geheimnisse der Gematria bekannt sind, wissen, dass sich der Zorn der Neun immer mehr staut und sie mit ihrer Unruhe sogar schon das Tet ansteckt. Vielleicht wartet sie jetzt, bis die Weit genügend in Unordnung gerät. Dann kann sie versuchen, sich von der Einbindung des Kalenders zu lösen und zur Strafe auf die Menschen niedergehen. Das könnte uns großes Unheil bringen.“ – „Uns?“ – „Ja, denn die Neun wird sich um den Hals der Leute legen, ihnen böse, unverständliche Träume verursachen, mit ihrem dünnen, biegsamen Strich wie eine Peitsche auf sie einschlagen. Sie werden etwas Schmerzhaftes spüren, aber nicht verstehen, woher es kommt, denn die Schläge werden schnell und unsichtbar bleiben. Dann könnten die Menschen um uns machen, was sie schon immer taten: Sich auf uns stürzen und versuchen, ihre unverständliche Qual abzuschütteln, indem sie uns quälen.“

Betrübt verlässt Querido den Alten. Aber eine Woche später sitzt er an Deck eines großen Handelsschiffes, das ihn mit einer beträchtlichen Warenladung in eine der neuen, reichen Besitzungen der Niederlande bringen soll. Mordechai van den Berghs rätselhafte Prophezeihungen liegen schon eine Tagesreise entfernt. Von der Gematria versteht Querido nicht viel. Über die Geschichte seines Volkes hat er aber gelernt. Gewiss, nichts ist auszuschließen, aber ... Er schüttelt den Kopf. Nein, der alte Mordechai nimmt die Gematria ein bisschen zu ernst. Bis zur Neige des Tages sitzt der Kaufmann Jaakow Querido an Deck. Er vergisst den Alten, denkt an die besseren Zeiten, die bevorstehen, und genießt das satte Abendrot am Meeresrand.

Dieser Text erschien am 9. November 1990 in der ersten Ausgabe des Freitag

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06:00 09.11.1990

Ausgabe 29/2021

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