Die Gemeinschaft

Leseprobe Nach dem Untergang wächst Heinz in einer kleinen Gruppe Überlebender auf und nimmt sich vor, die Geschichte der letzten Menschen zu schreiben
Thomas von Steinaecker | Ausgabe 10/2016 2

Früher, mit vier oder fünf Jahren, wenn ich durch das Latschenfeld und jene in die Felswand gehauene Treppe hochstieg, die zum Eingang des Steinernen Meeres führt, konnte ich bis über die Grenzen unseres Resorts hinaus und in die Hölle sehen: die Große Ebene. Mit Jordens Fernglas waren die Löcher in den Schutzschirmen über den ehemaligen Siedlungen gut zu erkennen. Fehlfunktionen ließen das Wetter unter den Kuppeln verrücktspielen. In Waldeinsamkeit II loderten Flammen auf, in Avalon A5 wütete ein nicht enden wollender Orkan, und in Schönau schneite es wie in einer antiken Wunderkugel, die jemand ununterbrochen schüttelte. Manchmal stellte ich mir dann die Menschen darin vor. Wie sie beim Autofahren, bei der Arbeit im Büro oder im Schlaf in ihren Betten eingefroren waren, erstarrt und doch unversehrt, Dornröschen-Style, als warteten sie nur darauf, eines Tages ihre Tätigkeit zu Ende führen zu dürfen, wenn alles wieder gut wäre.

Zwischen den Kuppelruinen erstreckte sich im Licht der sengenden Sonne die graue Steppe mit ihren Hügeln. Vor dem Untergang war das einzig Gute an ihr gewesen, dass sie die riesigen Solarfelder Strom produzieren ließ, Strom, der easy für sämtliche Siedlungen, Altstädte, Garden-Zones und ich weiß nicht was gereicht hatte.

Ich wünschte, ich hätte mir die Male, die ich dort oben, am Ende der Felstreppe stand, das alles, die Siedlungen und die Steppen, genauer eingeprägt. Denn eines Tages, im Jahr drei nach dem Untergang, bildeten sich in der Großen Ebene plötzlich Nebelbänke, die immer dichter wurden, bis nur mehr die Spitzen der Schutzschirmkuppeln daraus hervorschauten. Cornelius’ einzige Erklärung dafür war, dass jetzt auch noch die Shields über den Speicherseen ausgefallen sein mussten und die Hitze derart angestiegen war, dass sogar das Grundwasser verdunstete. Seitdem war die Hölle unsichtbar geworden.

Traumhafte Bedingungen

Über dem Hochtal mit der Unteralm, der Rosenalm und den Wiesen und Wäldern unseres Resorts spannt sich dagegen immer noch der schönste blaue Himmel. Beim Untergang hat unser Kraftfeld vom einprogrammierten Zyklus der vier Jahreszeiten, der hier eigentlich für Wanderer das Feeling des alten Deutschlands entstehen lassen sollte, auf eine einzige umgeschaltet, einen ewigen Sommer, mit warmen, aber nie unerträglich heißen Tagen, und mit Nächten, in denen es regnet, aber nie stürmt. Wir leben hier also seit elf Jahren unter, wie unser weltbester Leader Cornelius es halb im Spaß, halb im Ernst sagt, traumhaften Bedingungen. Er hat wiederholt betont, wie wichtig es ist, dass wir unter uns bleiben. Die wenigen anderen Survivors, denen er, Jorden, Chang, Özlem und Anne bei ihrer anfänglichen Suche nach Nahrung und nützlichen Gegenständen in der Großen Ebene begegnet sind, waren zusehends verwahrlost, bis binnen weniger Monate nach dem Untergang Einzelkämpfer und Banden die Ruinen der Städte durchstreiften. Selbst Jorden und Chang hatten deshalb seltener und seltener das Resort verlassen. Wir alle, bis auf mich natürlich, haben in Voruntergangszeiten genug Horrorgeschichten gehört und gesehen, um zu wissen, was da unten als Nächstes folgen würde. Und warum sollen wir hier auch weg? Das Vieh, das wir züchten, die Gemüsegärten und Felder, die wir angelegt haben, und die Beeren und Pilze in den Wäldern ernähren gerade mal und ganz genau sechs Personen. Zwei, drei mehr, und wir könnten alle, wie Jorden es einmal gesagt hat, nach kurzer Zeit nur mehr mit dem Messer unterm Kopfkissen schlafen.

Zum Autor

Thomas von Steinaecker, geboren 1977 in Traunstein, wohnt in Augsburg. Er schreibt vielfach ausgezeichnete Romane sowie Hörspiele. Außerdem dreht er Dokumentarfilme, für die er unter anderem den ECHO Klassik erhielt. Für S. Fischer Hundertvierzehn initiierte er das „Mosaik- Roman“-Projekt Zwei Mädchen im Krieg und veröffentlichte ab Oktober 2015 zusammen mit der Zeichnerin Barbara Yelin den Fortsetzungs- Webcomic Der Sommer ihres Lebens

Es ist also ein ziemlicher Vorteil, dass unser Resort als Bio-Zone schon immer streng abgesperrt war. Die anderen, die davon mehr verstehen als ich, haben viele Überlegungen und Mühe darauf verwandt, dass das auch so bleibt. Wegen der Steppenbewohner haben wir die drei uns bekannten Schleusen auf deutscher Seite getarnt. Was auf österreichischem Gebiet geschieht, davon wissen wir nichts. Aber, ich hoffe mal, das Steinerne Meer mit seinen Spalten, Geröllfeldern und Graten wird uns vor möglichen Eindringlingen schützen. Dass aber von dort in den elf Jahren, seit wir hier wohnen, bislang niemand und nichts gekommen ist, deutet darauf hin, dass auch weiter im Süden alles zerstört ist, vielleicht sogar noch schlimmer als in Deutschland. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie schrecklich es dort zugehen muss. Unser weltbester Leader benutzt in Bezug auf die Survivors außerhalb unseres Resorts gern eines der foxysten Altwörter aller Zeiten: Würde. Im Unterschied zu all den anderen haben wir unsere Würde bewahrt.

Aber manchmal, besonders wenn mich der Blick aus dem sonnenverbrannten, dreckigen Gesicht in unserem einzigen Spiegel im Klohäuschen streift und mich zusammenzucken lässt, bis ich bemerke, Scheiße, das bin ja ich!, kriege ich Angst. Und ich glaube, da geht es den anderen auch nicht anders. Die Angst, eines Tages aufzuwachen und zu einer jener miserablen Gestalten in der Großen Ebene geworden zu sein. Auch deshalb führen wir den Kampf gegen das Vergessen. Ohne die allwissenden Stimmen der PMs, der Personal-Manager, aus den Transmitter-Plugs im Ohr, auf die man sich vor dem Untergang verlassen konnte, weil sie auf fast jede Frage eine Antwort wussten, wie heißt diese Pflanze?, wer regierte im Jahre 117 das Römische Reich?, und so weiter, kommen uns die Namen für die Dinge, die uns umgeben, langsam abhanden. Ich stelle mir manchmal vor, wie sich in unseren Köpfen mit jedem Tag auf der Alm ein weiterer Teil unseres einstigen Wissens verabschiedet, bis uns die Welt, die Berge, Tiere und Pflanzen, immer weniger zu sagen haben und wir am Ende, im Nebel unseres Gedächtnisses tiefer und tiefer nach den spurlos verschwundenen Namen forschend, nur noch stammeln: „Knackdings“ für Holz, „Hartdings“ für Steine oder irgendwann „ah“ für Sonne, „mampf“ für Nahrung, „muh“ für Milch.

Erst vor kurzem wollte Cornelius, als er nach dem Abendessen das Geschirr abräumte, ein altes deutsches Volkslied anstimmen: „Es klappert die Mühle am rauschenden Bach“. Bei „klipp-klapp, klipp-klapp, klipp-klapp …“ hat er gestockt. Als er „Alle Vöglein sind schon da“ zu singen begann, wiederholte er „alle Vöglein, alle …“ – und wiederholte es immer aufgeregter, ohne dass ihm der nächste Vers einfiel. Nach eigener Aussage ist Cornelius inzwischen nicht mehr in der Lage, die Reihenfolge der deutschen Kanzler und Kanzlerinnen wiederzugeben, ebenso wenig wie die Daten des Dreißigjährigen Krieges, der Gründung des Deutschen Kaiserreiches oder das Geburts- und Todesjahr des weltbesten Dichters Johann Wolfgang von Goethe.

Die alte Anne, unsere Gemeinschaftsomi, ist die Einzige, die selbst noch die merkwürdigsten Namen für die seltensten Kräuter und Tiere weiß, obwohl sich in den vergangenen Jahren eine schlimme Veränderung vollzieht: Immer öfter vergisst sie die selbstverständlichsten Dinge. Sie behauptet, dass das gar nicht das Schlechteste sei, wobei sie mit dieser Meinung wirklich zu 110 % allein ist. „Amnesie“, hat sie einmal erklärt, „kann auch ein Segen sein, das könnt ihr mir glauben.“ Für sie war damit das Thema erledigt. Sie war ja am liebsten allein unterwegs und bastelte an ihren Strohtalismanen, weswegen Chang sie „schrullig“ nennt. Wie Jorden bleibt sie zuweilen über Nacht weg, weil sie „Luftveränderung“ braucht, wie sie sagt. Sie wandert, soweit wir wissen, im Resort herum und schläft in irgendwelchen Verschlägen, die sie sich selbst zusammengezimmert hat. Oft schon hat Cornelius sie deshalb geschimpft, weil ihr da draußen leicht etwas zustoßen könnte. Er hat mir erzählt, dass sie früher ganz anders war. Lauter Altredensarten und -wörter hat er benutzt, um sie zu beschreiben: eine, die mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg hielt, eine ehrliche Haut; einen rauen Charme habe sie besessen. Er selbst habe ihren Rat immer sehr geschätzt. Ja, er tue es noch immer. Sie habe sich in der NOROFORK engagiert, der No-Robots-for-Kids-Bewegung, und vehement die Meinung vertreten, dass kein noch so perfekt auf das jeweilige Kind programmierter Robot-Tutor einen Lehrer aus Fleisch und Blut ersetzen könne. Die Gesellschaften, die sie und Bernd, ihr Mann, Cornelius’ bester Freund, gaben, seien legendär gewesen. Kostümpartys! Aber dann, ziemlich genau ein Jahr vor dem Untergang, sei Bernd zusammen mit ihrem gemeinsamen Sohn bei einem Kletterunfall ums Leben gekommen. Anschließend sei Anne wie ausgewechselt gewesen. Alles, worin sie bis dahin aufgegangen war, sei mit einem Mal egal gewesen. Sie habe sogar monatelang Schweigeexerzitien in einem Kloster zugebracht, sie, die doch sonst so leidenschaftlich debattieren konnte! Tragisch sei es, so Cornelius, dass gerade an dem Punkt, an dem Anne endlich wieder die Kraft spürte, noch einmal neu anzufangen, dass sich genau an diesem Punkt die Katastrophe ereignete.

Gegen das Vergessen

In den ersten Jahren im Resort hatten Anne und Özlem viel Zeit zusammen verbracht. Beide verband ja dieses special interest für Pflanzen und Tiere. Doch das ist vorbei. Schleichend ist Anne unberechenbar geworden. Momente, in denen sie redselig und, ich lüge nicht, der superbeste Mensch der Welt ist und uns gute Laune macht mit ihren scharfen, treffenden und lustigen Bemerkungen, mit denen sie nicht einmal Cornelius verschont, können abruptest umschlagen. Plötzlich stottert sie, sie habe vergessen, was sie eigentlich sagen wolle, und brummt noch missmutig irgendetwas hinterher, das keiner recht versteht. Vor ein paar Monaten meinte Özlem, nach einem besonders krassen Stimmungsumschwung Annes, gefolgt von endlosem wirren Murmeln, sie befürchte, unsere Anne habe einen Hirntumor oder sie leide an Alzheimer. Was wir bloß unternehmen könnten. Die Begriffe, Alzheimer und Tumor, nahm ich sofort in meine Altwortliste auf, genauso wie dieses Amnesiedings.

Ich suche seitdem noch mehr Annes Gesellschaft. Und vielleicht hilft es ihr und ihrem Gedächtnis ja, wenn ich bei ihr bin. Erlaubt sie es, begleite ich sie den Bach entlang und die Wiesen hinunter, wo das Rauschen des Flusses zu hören ist und ihr Reich liegt: ihr Kräuter- und Gemüsegarten, den sie nur für sich selbst bewirtschaftet. Und was für ein Garten das ist! Als kleiner Junge konnte ich mich nicht sattsehen an den Beeten, denen Anne die Namen der Kontinente gegeben hat und die mit Mini-Wahrzeichen aus Stroh geschmückt sind. Zwischen den Blumen und Büschen erheben sich winzige Pyramiden, auf Steinen thronen Schlösser, Felsen stellen das welthöchste Gebirge dar, den Himalaya, und durch Gestrüpp schlingelt sich ein Rinnsal, der Amazonas. Zwischen all dem stand dann Anne mit ihrem breiten Hut, die Herrscherin ihres Strohplaneten, die, wenn ich sie darum bat, zu jedem Gebäude eine Geschichte parat hatte, wobei in ihrem lederbraunen Faltengesicht ihre Augen zu funkeln anfingen. Aber das war einmal. Immer öfter ist ihr Blick nur noch stumpf.

Als Maßnahme gegen das gemeinschaftliche Vergessen hat Cornelius vorgeschlagen, dass wir unsere Kühe nach den wichtigsten Erfindern, Künstlern, Sportlern und Politikern der Menschheitsgeschichte benennen. Eine ziemlich gute Idee, finde ich. So werden wir täglich an sie erinnert. Auf unseren Wiesen weiden Nero, Tizian, Einstein, Hitler, Kafka, Kennedy, Beckenbauer, Bijoy und Hu. Außerdem hängt von den Rosenstämmen vor der Hütte, die Cornelius liebevoll pflegt, der Name der jeweiligen Sorte in transparenten Hüllen. Einst haben sie in einem Krankenhaus in der Großen Ebene zur Aufbewahrung menschlichen Blutes gedient, das behauptet zumindest Chang. Unser Kampf gegen das Vergessen, er endet nie.

Vielleicht beunruhigt mich deshalb an diesem leuchtend hellen Vormittag des ersten Februars im Jahre elf nach dem Untergang, während ich mich am Esstisch in der Hütte über mein schönes neues schwarzes Heft beuge, die Frage, ob es etwas zu bedeuten hat, dass alle bis auf Cornelius nicht nur vergessen haben, dass ich an diesem Tag fünfzehn Jahre alt werde; ja, kann es sein, dass sie mich vergessen haben? Vielleicht ist ja diese Pubertät daran schuld, dass jetzt noch härtere, noch unangenehmere Zeiten anbrechen, in denen ich für die Gemeinschaft noch unwichtiger bin als bisher? Was interessiert die anderen, ob ich mich für den Bewahrer ihrer Geschichte halte oder einfach nur weiter derjenige bleibe, der ich für sie immer schon war: Krummbumm Heinz?

Ich habe kurz meine Arbeit beiseitegelegt und durchs Fenster in den Himmel über dem Hochtal geblickt, den die Schwalben ziepend durchschneiden. Ich bin ganz ehrlich: Ich betete, und zwar nicht zum allerbesten LORD, sondern heimlich, da der LORD Konkurrenz nicht ausstehen kann, zu meinem Vater. Ich besitze ja kaum Erinnerungen an die Epoche vor dem Untergang, was daran liegen kann, dass ich, als ich zu den anderen stieß, erst vier Jahre alt gewesen bin. Vielleicht ist auch jene Krankheit daran schuld, die laut Anne Trauma genannt wird. Das ist allerdings auch nur eine Vermutung, weil Anne zwar über medizinisches Wissen wie sonst niemand in der Gemeinschaft verfügt, jedoch trotzdem nicht müde wird zu betonen, dass die Jahre, in denen sie als Krankenschwester gearbeitet habe, so weit zurückliegen, dass das schon nicht mehr wahr sei. Ich muss zugeben: Rasend gerne hätte ich so ein Trauma. Denn hat Anne nicht auch gesagt, fast jede Erkrankung sei vor dem Untergang heilbar gewesen?

Weit, weit weg

Vielleicht ist es ja bloß Wunschdenken, nichtsdestotrotz meine ich, eine vage Vorstellung davon zu haben, wer mein Vater war. Das Wort „Weltraumforscher“ ist wirklich so fremd und selten, dass es irgendeinen Grund geben muss, warum es mir ausgerechnet dann in den Sinn kommt, wenn ich an meinen Vater denke, den ich mit Papi anreden würde. Auch erinnere ich mich an ein Zimmer im obersten Stockwerk unseres Hauses, dessen Betreten „strengstens verboten“ war. Trotzdem schlich ich mich öfter hinein – um staunend vor einem riesigen Screen zu stehen, der den Querschnitt einer Raumstation animierte, vor einer Unzahl kleiner, weißer Modelle von Raumschiffen, die von der Decke baumelten, und vor einem Fernrohr an der Dachluke, das steil in den Himmel gerichtet war und in dem ich, als ich mit pochendem Herz daran trat, tatsächlich den dunklen Punkt einer Sonde zu sehen glaubte, ehe ich im Erdgeschoss die elektronische Melodie der Eingangstür hörte und leise aus dem Büro meines Vaters lief. Und dann ist da noch dieses Gefühl, das der Begriff „Wochenende“ in mir auslöst. Die Wochenenden, deren Beginn Cornelius weiter verkündet, weil er es wichtig findet, dass uns nicht die alte Ordnung der Tage abhandenkommt, die Wochenenden waren früher oft nicht okay gewesen, und wenn ich sage nicht okay, meine ich nicht okay. Regelmäßig fehlte jemand. Papi. Er fehlte eigentlich immer, aber an den Wochenenden fiel es uns ganz besonders auf, weil am Montag alle anderen Kinder erzählten, was sie mit ihren Eltern unternommen hatten. Wenn mein kleiner Bruder und ich meine Mutter nach Papi fragten, antwortete sie nur knapp: „Der ist weit, weit weg.“ Man konnte nicht einmal über den Transmitter mit ihm sprechen. Über diesen Wochenenden, die in meiner Erinnerung außerdem totenstill waren, lag eine fast unerträgliche Spannung. Bei jedem winzigen Geräusch hielt ich die Luft an. Oft schaltete Mutter, was sie sonst, war Papi da, selten tat, die TV-Wall an, wo viel von NOAH, der Marssiedlung, die Rede war, Astronauten in strahlend weißen Anzügen schwebten und winkten, ihre Stimmen und Mundbewegungen waren nicht synchron, so weit entfernt waren sie, Raketen starteten dröhnend, senkrecht und unendlich langsam stiegen sie in den tiefblauen Himmel. Diese Starts verfolgte Mutter so konzentriert, dass sie alles um sich herum zu vergessen schien. Aus irgendeinem Grund war ich mir damals sicher, dass Papi, immer wenn er nicht zu Hause war, ins Weltall flog, auf einer wichtigen und supergeheimen Mission in Sachen Marsbesiedelung. Im strengstens verbotenen Büro schaute ich dann durchs Fernrohr, weil ich dachte, es würde, wie in einem der Märchen, die F-87 meinem Bruder und mir zum Einschlafen erzählte, dem Betrachter auch die entferntesten Dinge zeigen, solange man sie sich fest genug wünschte. Doch leider erschienen in der Linse bloß schwarze Flecken.

In meiner Vorstellung befand sich mein Vater bei der Katastrophe, die sich ja an einem Samstag ereignete, in einer Station in der Umlaufbahn der Erde, so dass er, anders als meine Mutter und mein kleiner Bruder, von denen ich das Schlimmste annehmen muss, überlebte. Der Screen des Raumschiffs übermittelte ihm die schrecklichen Bilder, der Bord-Homie sprach ihm sein Bedauern zur fast vollständigen Vernichtung seiner Art aus und beglückwünschte ihn gleichzeitig dazu, dass sein Sohn zu den wenigen Survivors gehörte. Seitdem beobachtet Papi aufmerksam, was unter ihm auf dem blauen Planeten alias Erde geschieht. Fieberhaft arbeitet er daran, Kontakt mit den wenigen Bewohnern der Mars-Kolonie aufzunehmen, um eines Tages zusammen mit ihnen auf seinen Heimatplaneten zurückzukehren. Tatsächlich, ich lüge nicht, ist jeden Monat tagsüber für ein paar Tage hinter dem Schutzschild ein winziger, grünlich schimmernder Punkt zu sehen, dessen Ursprung mir keiner erklären kann. Das könnte, oder sagen wir: das musste das Raumschiff meines Vaters sein. Und der Tag würde kommen, da würde es mich holen.

Als ich Özlem einmal davon erzählte, bekam sie zu meiner Überraschung feuchte Augen. „Das ist wunderschön.“ Und nach einer Pause, in der sie mich lange ansah: „So ist es wahrscheinlich. So muss es sein.“ Sie hat mir über den Kopf gestreichelt, liebevollst wie selten, so dass ich schon währenddessen wusste, dass ich mich stets danach sehnen würde. „Glaube weiter daran, ja? Versprich mir das“, hat sie gesagt. Und ich nur so: nicknicknick.

Mit den Jahren jedoch ist das Bild, wie mein Vater da in einer schneeweißen Kapsel seine Runden zieht, für mich immer unwahrscheinlicher geworden. Ich muss gestehen: In letzter Zeit schäme ich mich sogar dafür, dass ich nicht nur die Gemeinschaft belogen habe, sondern am Ende und am meisten mich selbst. Und auch an diesem Februarsommertag klangen die Bitten, die ich halblaut in Richtung Himmel sprach, „Hilf mir“, „Komm zurück“, absolut baby-like und nicht angemessen für einen Jungen, der gerade fünfzehn Jahre alt geworden war.

In diesem Moment spüre ich den sanften, aber entschiedenen und so vertrauten Griff kleiner, weicher Pfoten am Hosenbein. F-87, mein alter Robot-Fennek und einziger best friend, hat meine Stimmung sofort bemerkt und ist unter dem Tisch hervorgekommen, wo er eingerollt gelegen hat.

„Ach, F-87. Es ist wirklich schlimm“, sage ich. „Du hast alles mitbekommen, oder? Wenn Cornelius nicht an die Hefte gedacht hätte … es interessiert sich echt keiner für mich …“

Hefte wie Superchips

Mein elektrischer Wüstenfuchs knickt mitfühlend sein rechtes Ohr um und guckt mich mit seinen großen Augen an. Chang nennt sie Manga-Lookies. Wie bei mir selbst, seinem Master, muss der Untergang auch bei meinem Toy ein Trauma verursacht haben, so dass alles, was er mir über meine Herkunft und Eltern berichten könnte, bis auf weiteres ungesagt bleibt. Das Einzige, was F-87 zu erzählen hat, sind die einhundertundeins Märchen seines Entertainment-Speichers, die er mit samtener Stimme und in stets exakt demselben Wortlaut vorträgt, ohne dass ihm darüber hinaus etwas zu entlocken wäre.

„Schluss. Der kommt jetzt weg“, hatte Jorden in einem superüblen Moment geschimpft, als ich ihn wieder einmal durch irgendeine Ungeschicklichkeit wütend gemacht hatte. Es sei endlich an der Zeit, das einzig Wertvolle an „dem Teil“, Akku und Motor, für „sinnvollere Zwecke“ zu verwenden. Und anschließend fliege „das Teil“ in hohem Bogen dorthin, wo es hingehöre, nämlich auf den Schrotthaufen. Ich hätte mich sofort vor ihn stellen sollen und protestieren, wozu mich Cornelius wieder und wieder ermuntert hat. Aber in solchen Momenten habe ich größte Angst vor Jorden und muss daran denken, was mir Chang vor ein paar Jahren anvertraute: Jorden habe schon einmal jemanden umgebracht. Jorden sei Soldat der EUROPEACE-Truppe gewesen. In Kenia sei er mit seiner Einheit auch an einer Aktion gegen Terroristen beteiligt gewesen, die sich in einem Gebäude verschanzt hatten. Zimmer um Zimmer hatten sich die Soldaten vorwärtsgekämpft. In einem kleinen Raum im Keller waren sie auf die Leichen von einem Dutzend entführter Kinder gestoßen, nach denen schon lange gesucht worden war. Offensichtlich waren sie verhungert. Da man sich wichtige Informationen von dem Anführer versprach, war der Befehl ausgegeben worden, ihn unter allen Umständen lebend zu ergreifen. Jorden und ein anderer waren diejenigen, die ihn im letzten Raum des Gebäudes gestellt hatten. Jordens Kamerad berief sich später vor Gericht darauf, er habe nicht genau sehen können, was geschah, alles sei sehr schnell gegangen. Jedenfalls erschoss Jorden den Anführer der Terroristen aus nächster Nähe, obwohl dieser unbewaffnet gewesen war. Der Fall war nie geklärt worden. Auch als Jorden Chang die Geschichte erzählte, schon berauscht vom Schtix, hatte er behauptet, er könne sich nicht mehr erinnern, ob er wirklich gedacht habe, der Anführer wolle nach einer Waffe greifen, oder ob er zu aufgewühlt vom Anblick der toten Kinder gewesen war. Er wurde zwar nie verurteilt, wurde aber wenig später aus dem Dienst entlassen und fing auf der Alm als Ranger an. So weit also zu dem Thema: Stell dich doch einfach mal Jorden in den Weg! Dem Mann, der mich, ist er ausnahmsweise mal gut gelaunt, spaßeshalber „Frischling“ nennt. Wie auch immer. F-87 blieb damals nach Jordens Drohung zwei Tage lang verschwunden. Jeden Abend habe ich auf der Wiese gestanden und ihm, die Hände als Trichter am Mund, zugerufen, ich würde es niemals zulassen, dass ihm jemand ein Leid zufüge, niemals! Nur die Paviane hatten mir geantwortet, kreischend, höhnend. Endlich schlich mein elektrischer Fennek aus dem Wald, setzte sich vor meine Füße und blinzelte mich mit einem zögerlichen Ausdruck an, ganz so, als vertraute er nicht darauf, dass ich, Heinz, Master und Krummbumm in einer Gestalt, ihn im Fall des Falles schützen könnte. Sein sandbraunes TARBO-Flauschefell hatte im nächtlichen Regen arg gelitten. Genau so ein Fell habe ich mir übrigens immer gewünscht. Am besten würde es meinen ganzen Körper, meine seit den Wachstumsschüben viel zu langen Arme und Beine bedecken. Außerdem ist es lausabweisend, so dass F-87, im Unterschied zur Gemeinschaft, nicht alle paar Monate von dieser Plage heimgesucht wird, wegen der wir unser Bettzeug und unsere Kleider immer wieder auskochen müssen. Mit einem Ausdruck der Wehmut erzählt Özlem zuweilen von blitzblanken Keramiktoiletten und Duschen, die es in den Städten der Großen Ebene gegeben hatte. Die Sache der Reinheit gehört zu unseren obersten Pflichten. Das hat mit dem Würdedings zu tun. Wer Mensch bleiben will, muss sauber bleiben. Eigentlich gebührt deshalb meinem Robot-Fennek, denke ich oft, ein Ehrenplatz in der Gemeinschaft.

Als ich noch klein war, habe ich oft meinen Nacken in der Hoffnung abgetastet, dort auf dieselbe winzige Einkerbung zu stoßen, die F-87 unter seinem Fell trägt und hinter der sich, steckt man den Finger hinein, der On-Off-Schalter befindet. Ich weiß, dass es lediglich der Empathie-Chip im Kopf meines Toys ist, der ihn so treu und fürsorglich sein lässt; und trotzdem: Ich liebe meinen best friend. Und wenn ich liebe sage, meine ich auch liebe. Ich spüre es in meinem Inneren.

Ich schloss das schwarze Heft. Während ich dann aus der Hütte trottete, unter der Pumpe am Bach seufzend zwei Eimer mit Wasser füllte und sie über die Wiese zum eingezäunten Eichenhain schleppte, wo schon aus dem Dickicht das gierige Grunzen und Schmatzen der Wollschweine zu hören war, zupfte mich mein lieber F-87 eifrig am Hosenbein, um mich mit einem Gänseblümchen oder einer Beere zu überraschen oder um eine seiner Slapsticknummern zu vollführen. Das geht so: Er stolpert, rappelt sich mit der Pfote winkend auf, alles in Ordnung!, mir geht’s Gold!, nur um gleich darauf erneut linkisch über die eigenen Beine zu purzeln. Und ich musste tatsächlich schmunzeln, als mir der tröstende Gedanke durch den Kopf schoss, dass, selbst wenn die Gemeinschaft vorerst nichts von meinen Aufzeichnungen erfuhr, meine neue Aufgabe doch mindestens genauso wichtig war wie die Arbeit der anderen – ja, vielleicht sogar noch wichtiger! Meine Hefte, dachte ich und schüttete Wasser in die Schweinetröge, meine Hefte würden wie der Superchip sein, von dem Cornelius einmal erzählt hatte. Er war sich zu neunzig Prozent sicher, dass die Kolonisten auf dem Mars im Besitz eines Chips sind, auf dem das gesamte Wissen der Menschheit gespeichert ist. Ebenso ist davon auszugehen, dass irgendwo auf der Erde in einem Stollen, tief im schützenden Fels, wo ihm keine atomare oder sonstige Katastrophe etwas anhaben kann, eine weitere solche Speichereinheit lagert.

Chang hatte zwar sofort daran gezweifelt, das sei nie Thema gewesen „bei uns in der Redaktion“, wie er es mit einer seiner Favoritredewendungen ausdrückte, um zu betonen, dass er vor dem Untergang als Information-Architect Zugang zu exklusiven Informationen gehabt hatte. Aber Cornelius war nicht davon abgerückt. Das sei eine Frage der Logik. Es könne einfach nicht sein, dass von heute auf morgen alles weg sei, was die Menschheit erreicht habe. Das dürfe nicht sein.

Die Wollschweine drängten sich so gierig um den Trog, dass sie mich beinahe umstießen. Im Kopf war ich ganz woanders. Ich malte mir aus, welchen Beitrag für die Menschheit ich hier leistete. Vielleicht würden künftige Resort-Generationen sich einmal aus meinen Heften vorlesen, ich würde von nun an noch genauer sein und später, bei der Reinschrift, besser formulieren müssen …

Dann kamen die Drohnen.

Zuerst merkte ich an Harry, dass etwas nicht stimmte. Harry ist das jüngste Paviankind und mein absoluter Favoritaffe, seine Mutter heißt Petunia. Warum ich die beiden so nenne, kann ich nicht genau sagen. Damals vor vielen Jahren, als sich mir beim Kühehüten die Äffin mit den kahlen Stellen auf dem Rücken und dem blonden Schopf, der wie eine zu kurze Perücke auf ihrem Kopf sitzt, zum ersten Mal näherte, Räder und Purzelbäume schlug und erwartungsvoll beide Hände aufhielt, bis ich ihr schließlich ein Lupinenbrotstück schenkte, kam mir dieser Name in den Sinn: Petunia; genau wie letzten Januar, als sie mit ihrem jüngsten Baby auf dem Rücken zu mir kam. Zack, wusste ich: Der Kleine mit den runden, schwarzen Flecken um die Augen, die wie eine Brille aussehen, heißt Harry. Petunia ist eine der wenigen in der Affenherde, die noch Kunststücke beherrschen. Als die ersten Paviane nach dem Untergang auf der Rosenalm auftauchten, führten sie die irrsten Sachen auf, Akrobatikzeug wie Pyramidebauen und so. Aber weil sie keine Belohnung von uns bekamen, hörten sie irgendwann damit auf und benehmen sich seitdem wie ganz normale Affen. Den absolut obersten Chef mit der absolut längsten und weißesten Mähne und den absolut meisten Frauen habe ich für mich Cornelius genannt. Das habe ich nie jemandem verraten. Es gibt auch einen Jorden, das ist das Männchen mit den großen Eckzähnen, das sich mit allen streitet; außerdem gibt’s ein Paar, das immer beisammenhockt und sich big-love-mäßig gegenseitig laust: logisch, Özlem und Chang; und eine ältere Pavian-Dame, die gerne abseits sitzt und stundenlang in irgendwelchen Erdlöchern herumstochert: Anne, wer sonst?

06:00 10.03.2016

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