Die geplatzte Revolution der Engel

DOPPELTE TOTENREDE Uwe Timms Roman "Rot" ist ein Liebes- und ein Geschichtsroman

Es ist ein Traum: Diese Liebe der jungen Frau zu dem älteren Mann, der ihr auf einer Trauerfeier als Redner begegnet und sie mit Shelley und Hegel verblüfft.

Er ist ein Traum. Dieser Mann, der den Zwängen des Normalen widersteht, Besitz verachtet, nur ein einziges Bild, geschenkt, sein eigen nennt, für den nicht gilt, was sonst gilt: Karriere, Macht, Erfolg. Er lebt in kahlen weißen Räumen, nichts verdeckt den Blick ins Innere eines Menschen. Er hat den Ballast abgeworfen, die Bindung ans Materielle unterbrochen. Bei ihm findet sich, was überlebenswichtig ist, sonst nichts. "Wir denken, die Dinge hängen an uns, aber wir sind ihnen gleichgültig" erkennt er und trennt sich davon. Er nimmt sich Zeit, er lebt ganz in der Gegenwart, aber mit seinen Erinnerungen, irgendwann hat er die Weltverbesserei aufgegeben. Dennoch, da war mal was, worüber sich nachdenken und reden lässt. Der verstohlene Blick in den Spiegel, der einen grau melierten Herrn zeigt, wird unscharf. Hat er nicht über einen jungen erfolgreichen, netten Noch-Ehemann dieser Frau gesiegt? Ein Erfolg, der weder auf Geld noch auf Einfluss beruht, jenen normalen Verführungen, durch die Alter besticht. Es ist ein Sieg der Gleichwertigkeit von geistiger und körperlicher Potenz, eine Hinwendung zum Gefühl. In einer zunehmend kalt gewordenen Welt wird Wärme und Füreinander-Da-sein ein Wert, den beide - der rebellische Vertreter der einstigen Studentenbewegung und die vom ununterbrochen arbeitenden Ehemann enttäuschte Frau - genießen. Ein Sieg gegen den Zeitgeist. Noch. Ist das die Faszination, die diese lichtempfindliche Frau an den Mann in Schwarz bindet? Oder seine Vorliebe für Rot trotz Berufs bedingtem Schwarz? Jener dialektischen Farbe, die lockt und schreckt, warnt und anzieht? Das Rot der Blüten, das Rot der Ampel, Rot vor Wut, Rot vor Scham?

"Das kann doch nicht alles gewesen sein", die Bilanz der Lebensmitte von beinahe Jedermann, Jederfrau, also auch des 54-jährigen Thomas Linde, trifft auf diese jugendliche Lichtdesignerin Ines - sie strahlt Jandl-Gedichte auf Mauern und versieht Himmelbetten mit regelbarem Sternenflimmern -, die sich der Liebe zu Linde ergibt, als wäre die Welt leer gefegt von annehmbarer Männlichkeit. Er lässt sich von ihr in die Verästelungen des eigenen Vorlebens locken. Befriedigt, nicht angstvoll, trotz lauernden Versagens. Genießend - nie wieder wird er mit so einer jungen Frau zusammen sein, Lust betont. Erinnerungs genau.

Rot, der neueste Roman von Uwe Timm ist zu aller erst ein Liebesroman, ein Buch, das für dieses Gefühl tausendfache Beschreibung findet. Und ein Buch über den Tod, des letzten Blicks auf das Leben, das eigene und das anderer, der Klienten, die ein Begräbnisredner nun mal bedient. Ein Buch, das voller Reflexionen steckt. Der Versuch dieser jungen Frau, sich des Geliebten durch genaue Kenntnis des Gewordenseins zu versichern, zwingt ihn in seine Vorgeschichte. Timm hat dafür eine komplizierte Struktur gewählt. Ein junger Mann bittet Thomas Linde um die Trauerrede für seinen Vater. Es sei dessen letzter Wille gewesen. Warum, fragt sich Linde, warum soll er die Trauerrede halten?

Fotos zeigen einen älteren Herrn, einen gewissen Lüders, dessen Züge ihm irgendwie vertraut vorkommen. Gemeinsame Studentenzeit, vermutet er. Tatsächlich einer, der seine Träume teilte, mit dem gemeinsam er Revolte übte, sich 68 an die Uni in Paris begab - Aschenberger, der den Namen seiner Frau annahm. "Diese Gesellschaft, die auf einer Vernichtungslogik basiert, Vernichtung von Menschen, Tieren, Ressourcen", wollte man "durch eine andere, friedliche, gerechte ersetzen." "Woran liegt es, daß das alles so hohl klingt? Jetzt, heute?"

Für Aschenberger klingt das gar nicht hohl. Für ihn hat die Welt nichts von ihrer Ungerechtigkeit verloren.

Würde in dem Buch nur darüber verhandelt, liefe das auf eine Art Geschichtsbuch mit eingebauter Liebesgeschichte hinaus. Aber dafür gibt es zu viele Brechungen: Über den Auftrag, eine Grabrede zu formulieren, die das Leben des Toten für den Redner selbst und die Überlebenden erschließt. Über jenes seltsame Vermächtnis in Form von 300 Gramm Sprengstoff, das Aschenberger an den ehemaligen Gefährten weitergibt, in der Hoffnung, er würde es gebrauchen. Linde, der sonst nichts verwahrt, kann es nicht wegwerfen. Über Iris, die junge Freundin, die seinem dahin plätschernden Dasein eine unerhoffte Wendung gibt. Über den zeitlichen Abstand, der die gedachte Zukunft mit der erlebten Gegenwart konfrontiert. Und über die eigene Entfernung von den damaligen Gefährten.

Diese Rede, deren Vorarbeit der Leser so minutiös mit erlebt, wird nie gehalten werden. Denn, genau genommen umfasst der Roman nur wenige Minuten. Die Zeit, die dem durch einen Unfall schwer verletzten Linde bleibt, um in jener unwirklichen Dimension zwischen Leben und Tod quasi von übergeordneter Position aus Bilanz zu ziehen. Die Ordnung von Raum und Zeit ist aufgehoben, Veränderung ist nicht mehr möglich. Überscharf zeichnet der Kopf nach, was sich eingebrannt hatte. Ein Engel gibt es an die "sehr verehrte Trauergemeinde", an Mutter, Freundin, Ex-Ehefrau, Studienkollegen und Leser weiter.

Eine Konstruktion, die über die seltsamen Wege und Umwege der inzwischen in der Sphäre der Macht angekommenen Nachkriegsgeneration vielleicht mehr sagt, als die vielfältigen Schnurren und Histörchen, die über sie erzählt werden. "So wohlfeil ist Kritik heute. Alles relativiert sich, alles wird kleingemahlen, alles wird Anekdote, die Verhungernden, die Verfressenen ..." Warum sollte ein marxistisch gebildeter, studierter Philosoph, Autor und - im Nebenberuf - Trauerredner, in Zeiten, wo sich die Gefährten der sechziger Jahre als Innenminister oder gar Botschafter der Welt feiern lassen, sein Vermächtnis nicht per Angehörigem himmlischer Heerscharen weitergeben?

Timm ist mit Rot ein auf vielfältige Weise unterhaltsamer, in Geschichten gelöst sprudelnder Roman über die letzten 30 Jahre Bundesrepublik gelungen: Entwicklungen, Utopien, Versuche, anders zu leben und unerfüllte Sehnsüchte, ausgeleuchtet von einem, der sich selbst Widergänger nennt. Auf die eine oder andere Art trifft er jedermanns (jeder Frau) Nerv. Wer die linken Träume nicht träumte, der hat sie bekämpft, wer von jenseits der deutsch-deutschen Grenze beobachtete, erlebt die Spiegelung von DDR-Politik in der Köpfen jugendlicher Westdeutscher. Er kann das Verblassen der Worte fühlen, den dumpfen Ton hören, wenn sie hüben wie drüben aufschlagen und platzen, weil sie hohl waren. Timm lässt keinerlei Sentimentalität zu, das Buch ist - trotz doppelter Totenrede - von heiterer, gelegentlich sogar satirischer Art. Es hätte von diesem Ton vielleicht sogar mehr vertragen.

Im letzten Drittel, dort, wo der Honecker-Prozess einbezogen, Begegnungen des letzten Jahrzehnts beschrieben werden, ahnt der Leser etwas von der Gefahr, die einem Buch innewohnt, das bis nah an die Gegenwart reicht. Zu viele Worte könnten gebraucht werden, ein dozierender Duktus, der das Ganze von den tausenden, eben noch gelesenen Artikeln abgrenzen soll. Timm segelt sozusagen haarscharf an ihnen vorbei. Er verwendet die Sprache der sechziger, achtziger und frühen neunziger Jahre, springt dann geschickt in die Gegenwartsdiktion. Er verknüpft seine Reflexionen unaufwendig - der Engel kann sein Wort schließlich an jeden der Hinterbliebenen richten -, so dass sich die aktuelle Frage nach Terror und Gewalt beinahe zwangsläufig ergibt und, ohne Schaden zu nehmen, neben die Verwüstungen des ganz normalen Alltags zu stehen kommt.

"Die Welt sollte anders sein, oder etwa nicht?" Aschenberger, der Pazifist und Revoluzzer, der verzweifelte Denker und unermüdliche Schreiber, der Gefährte von Linde aus Studententagen und Adressat der Leichenrede, wollte am Ende seiner Tage ein Zeichen setzen und die Siegessäule in Berlin sprengen. Deshalb die 300 Gramm besten Stoffs ...

Nun werden sie irgendwo entsorgt werden, denn der Grabredner, Legatnehmer und einstige Genosse ist selbst auf die Vermittlung der Engel angewiesen ...

Uwe Timm: Rot. Roman. Verlag Kiepenheuer Witsch, Köln 2001, 430 S., 44,- DM

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00:00 04.01.2002

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