Die Geradlinige

Porträt Elke König wird Chefin der neuen europäischen Bankenaufsicht. Mit ihren guten Vorsätzen wird es die 61-jährige Ökonomin nicht leicht haben
Miguel Szymanski | Ausgabe 51/2014

Mario Draghi kann zufrieden sein. Der umstrittene Chef der Europäischen Zentralbank, der mit seiner Politik des billigen Geldes derzeit großzügig Euros aus dem Fenster wirft, um Banken, die Konjunktur und nebenbei auch noch den eigenen Ruf zu retten, wird demnächst Elke König an seiner Seite haben, eine fast über jeden Verdacht erhabene Ökonomin. Sie wird Chefin der neuen europäischen Bankenaufsicht. Die Frau, die vom 1. Januar an für die Sanierung oder Abwicklung insolventer Banken sorgen soll, ist in der von Männern dominierten Finanzbranche eine Ausnahme. Sie gilt als geradlinig und unbestechlich.

Vor fast drei Jahren bezog Elke König, damals noch ganz frisch im Amt als Präsidentin der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), klar Position. „Wenn wir für die Zukunft ausschließen möchten, dass global operierende Bankenriesen auf Kosten des Steuerzahlers gerettet werden müssen, brauchen wir Mechanismen, die es uns ermöglichen, solche Institute über nationale Grenzen hinweg geordnet zu restrukturieren oder – notfalls – abzuwickeln.“ Anders gesagt: Wer die Gewinne erhält, muss auch das Risiko tragen. Das hörten die meisten Banker nicht gerne, viele Wirtschaftsblätter waren dagegen voll des Lobes. Ob allerdings auch Draghi solche Sätze gerne hört, muss bezweifelt werden. Der frühere Topmanager von Goldman Sachs war als Notenbankchef in Italien selber daran beteiligt, dass Pleitebanken und deren Aktionäre mit Steuergeldern vor dem Bankrott bewahrt wurden.

Positive Signalwirkung

Die 61-jährige Elke König hat eine lange Karriere hinter sich, die jetzt als europäische Bankenabwicklerin ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht. Bevor sie oberste Finanzaufseherin des Banken- und Versicherungssektors in Deutschland wurde, war sie im Vorstand und im Aufsichtsrat verschiedener Versicherungen und Geldhäuser. Sie kennt ihre Klientel und damit auch die Wackelkandidaten, die sie in den nächsten Jahren retten oder denen sie Sterbehilfe leisten wird. Ihr Geschäft versteht die Rheinländerin, die selten ihre Miene verzieht und die wirklich niemand als rheinische Frohnatur beschreiben würde.

Endlich hat die Europäische Zentralbank eine kompetente Spitzenkraft ins Haus geholt. Das ist ein geschickter Zug: Denn die Chefetage der Europäischen Zentralbank hat sich bei der Bewältigung der seit Jahren wütenden Bankenkrise diskreditiert. Eine Frau mit Königs Profil hat da eine klare Signalwirkung.

In den letzten drei Jahren ist die Aufsicht über den Finanzsektor im Euroraum revolutioniert worden. Die schwachen Kontrollbehörden der einzelnen Mitgliedsländer, die sich gegen Großbanken nie behaupten konnten, wurden entmachtet. Die bisherige Ohnmacht wird nun durch die Supermacht einer zentralen Bankenaufsicht in Frankfurt ersetzt. Das Gute daran: Es entstehen Tausende neue Arbeitsplätze. Ein Bruchteil der entlassenen Angestellten der südeuropäischen Pleitebanken können auf einen Job in Frankfurt hoffen. Das Schlechte: Einige der neuen Aufseher stehen im dringenden Verdacht, das Spiel der Banken auf einer höheren Ebene weiterzuführen. Der oberste Notenbankchef Europas und sein für die Bankenaufsicht zuständiger Vize, der Italiener Mario Draghi und der Portugiese Vítor Constâncio, sind Zeit ihres Lebens Interessenvertreter der Großbanken gewesen, die sie jetzt beaufsichtigen sollen. Und nur wer tief an den guten Menschen im Banker glaubt, mag denken, dass sie heute anders ticken. König ist dagegen ein unbeschriebenes Blatt.

Eines hat Elke König den EZB-Männern jedenfalls voraus: Sie redet Fehler nicht schön. Zum Beispiel, dass ein Großteil der Hilfsmilliarden für Spanien, Portugal und Griechenland direkt in Pleitebanken gepumpt wurde, die am Leben gehalten werden sollten, damit andere Banken von der Krise nicht angesteckt werden. Vor allem die mächtigen deutschen Geldhäuser wollten nicht auf den faulen Krediten sitzen bleiben. Sie hatten die Konsumparty im Süden ja eineinhalb Jahrzehnte lang finanziert. Als oberste Finanzaufseherin Deutschlands sagte König regelmäßig den Schattenbanken, vor allem den Hedgefonds, die nicht der Bankenaufsicht unterliegen, den Kampf an. Sie warnte: „Wenn wir nicht bald wesentliche Fortschritte erzielen, ist es nur eine Frage der Zeit, dass sich Krisenherde außerhalb unseres Radars bilden.“

Chaos in der EZB

Derzeit plant Draghi, die größte Schattenbank der Welt, Blackrock, mit dem Aufkauf von Risikopapieren zu beauftragen, die in den Bilanzen der Großbanken immer noch schlummern. Mit der Übernahme der toxischen Finanzprodukte will die EZB die Institute von gefährlichen Altlasten befreien und sie zu mehr Kreditvergaben motivieren. In ihrer neuen Position als Chefin der Bankenaufsicht muss sich die ehemalige BaFin-Präsidentin durch solche Schachzüge ausgetrickst fühlen. Ein Vorgeschmack auf das, was noch alles kommen mag. Sie wird es nicht leicht haben etwas von ihren alten Vorsätzen umzusetzen.

Unterdessen herrscht in der EZB unter den Mitarbeitern ein ziemliches Chaos. Allein um die Kontrolle der Banken langfristig zu gewährleisten, fehlen derzeit mehr als 1.000 Übersetzer, Aufseher und Abwickler. „Wir sind alle überfordert“, sagt ein neuer Mitarbeiter der EZB, der vor sechs Monaten aus Lissabon eingeflogen wurde und wie viele andere immer provisorisch in einem Hotel in Frankfurt wohnt. Auch König wird womöglich für einige Zeit dieses Schicksal teilen. Sie muss von Bonn, dem Hauptsitz der BaFin, in die Mainmetropole umziehen.

Miguel Szymanski ist Autor und freier Journalist. Zuletzt erschien von ihm: Ende der Fiesta. Europas verlorene Jugend (2014)

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06:00 22.12.2014

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