Die Geschichte eines Arbeitslosen

Schulheft-Auszug Der folgende Text wurde im Jahr 1948 geschrieben. Ein Primanertext: Anfang des nächsten Jahres machte ich Abitur. Meine Geschichte eines ...

Der folgende Text wurde im Jahr 1948 geschrieben. Ein Primanertext: Anfang des nächsten Jahres machte ich Abitur. Meine Geschichte eines Arbeitslosen, der seine Zeit noch ohne Hilfe des Fernsehens totschlagen muss, gehört zu den Materialien, die ich derzeit für meine Erinnerungen sichte.

Zuerst war es noch gar nicht so schlimm gewesen, das Gefühl ohne Arbeit zu sein, und die Notwendigkeit, den Tag ohne Handgriffe an der Maschine und ohne Frühstückspause und Feierabend hinzubringen. "Ich liege noch ganz gut im Rennen", hatte er sich die ersten Tage gesagt. Es war ein Trost, sich glaubwürdig einreden zu können, daß man ja jung sei und Zeit habe. Es würde noch viele Jahre geben, in denen er arbeiten könnte, nach Hause kommen um fünf, sich auf das Sofa legen und das Radio anstellen, und am nächsten Morgen wieder arbeiten gehen. "Ich liege noch ganz gut im Rennen. Ich habe noch Zeit", sagte er. Und er hatte wirklich viel Zeit jetzt. Am ersten Morgen, nachdem man ihm mitgeteilt hatte, daß er entlassen sei wegen der schwierigen Wirtschaftslage, von der er nichts verstand, lag er lange im Bett und spielte sich einen Tag lang vor, Urlaub zu haben. Er versuchte das eine Woche und er half sich damit, die Zeitung sehr langsam und genau zu lesen (nicht nur die Stellenangebote) und sich jeden Tag zu rasieren ohne Hast und Eile. Aber Urlaub zu machen, ist eine schwere Arbeit und hohe Kunst. Er hatte es nicht gelernt.

Da überfiel ihn die Zeit mit aller Macht, die sie gegenüber Menschen hat, deren Leben zwischen einer Fabriksirene am Morgen und einer Fabriksirene am Abend eingeschlossen ist. Der Arbeitslose war noch unverheiratet und lebte mit seiner Mutter zusammen. Sein Zimmer lag neben der Küche, in der die alte Frau Kartoffeln schälte, Geschirr spülte und den Gasherd putzte. Das hörte er am Morgen, wenn er aufwachte. Vielleicht war es elf Uhr. Das Zimmer roch nach Zigarettenasche und dem unbefriedigten Schlaf eines Mannes, der nicht weiß, was er tun soll, außer zu schlafen. Über dem Stuhl hing sein Anzug. Es war sein Sonntagsanzug, den er jetzt stets trug. Man muß wissen, was das heißt: "Sonntag und Alltag schert man nicht über einen Kamm", hatte seine Mutter immer gesagt. Erst zu ihrem Mann, seinem Vater, und später zu ihm. Das hatte immer gegolten, aber jetzt trug er jeden Tag den guten Anzug. Daß er es tat und die Unzufriedenheit seiner Mutter ihm nichts ausmachte, gehörte zu der Gleichgültigkeit, die ihn ergriffen hatte und immer stärker wurde. Nun lag er um elf Uhr morgens in seinem Bett und das Zimmer roch und es würde dasselbe bedeuten, ob er aufstehen oder weiter schlafen würde.

Der Anzug sah schon etwas schäbig aus, und wenn er mit ihm über die Straße ging, schämte er sich, ohne sich zu überlegen, ob es deswegen war, daß er am Alltag einen Sonntagsanzug trug oder weil die Bügelfalte nicht mehr korrekt war. Ab und zu traf er seine früheren Kollegen. Sie fuhren in einer langen Fahrradreihe an ihm vorüber und bestimmten zwischen fünf und sechs Uhr nachmittags das Gesicht der Stadt. Sie machten dann Feierabend, dieses großartige Ding, Feierabend. Wenn sie ihn ansprachen, sagten sie in einer gewissen Verlegenheit: "Na, du hast es ja jetzt gut, du feierst ja jetzt".

An jedem Morgen, an dem der Arbeitslose aufstand, überfiel sofort all sein Tun jene Unlust, die nur in der ersten Woche nach der Kündigung, damals, als er noch glaubte, ganz gut im Rennen zu liegen, unterdrückt werden konnte. Inzwischen war sie groß und zäh geworden und stellte vierundzwanzig Stunden lang jeden Tag vor jede Handlung die Frage: Warum? Warum stehst du auf? Warum liest du die Zeitung? Warum gehst du zur Stellenvermittlung? Beim Mittagessen klagte seine Mutter. Sie war eine alte Frau und konnte nicht einsehen, warum ein gelernter Arbeiter mittags zu Hause war, anstatt an seiner Maschine zu sitzen. "Du willst wohl nicht arbeiten?", sagte sie. Er stand auf und schob den Teller zurück. Aber er setzte sich wieder und aß weiter.

Nach dem Essen ging er manchmal ins Kino. Früher, als er noch arbeitete, war er immer am Montagabend gegangen. Jetzt ging er nachmittags in das kleine Kino. Das Publikum bestand aus Kindern und Arbeitslosen. Die Arbeitslosen kamen mit ihren Frauen und setzten sich zwei Stunden zwischen die zehnjährigen Jungen und Mädchen und sahen sich die Reklame an und die Wochenschau, die Voranzeigen und den Hauptfilm. Nach der Vorstellung standen sie noch etwas zusammen und unterhielten sich. Sie hatten ja viel Zeit.

Weil der junge Mann Arbeitslosenunterstützung erhielt, meinten viele, er brauche nicht zu hungern. Es ist wahr, daß er Frühstück, Mittagessen und Abendbrot hatte und sich satt essen konnte. Aber ihn hungerte doch. Unterrichtet, eine Maschine zu handhaben, konnte er seinen Hunger, der jenseits von Essen und Trinken lag, mit keinem Wort erklären. Aber dieser Hunger machte ihn stumpf und müde, und manchen, den er vor der Tür der Stellenvermittlung traf, hatte dieser Hunger zynisch und krumm gemacht.

Auf der Suche nach einer Arbeitsstelle lernte er einen Mann kennen, der den Kopf voller Pläne hatte. Man könnte zum Beispiel, meinte jener, eine kleines Geschäft eröffnen und irgend etwas verkaufen. Zuweilen besuchte ihn dieser Mann und hatte eine neue Überlegung angestellt, von deren Verwirklichung er sich Arbeit versprach. Er war dann aufgeregt und lärmend. Der junge Mann, dem nichts weiter geschehen war, als daß er seit einiger Zeit ohne Arbeit war, sah ihn an. "Ich will gar nicht mehr im Rennen liegen", sagte er.


00:00 14.11.2003

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