Die Geschichte gehört den Siegern

Das Unverbesserliche des "Bösen" Der Tod Yassir Arafats im Spiegel der US-Medien

Noam Chomsky...


... geboren 1928, forscht und lehrt seit 1955 am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und sorgt seither mit seinen linguistischen Theorien für Aufsehen. Zugleich hat er sich als politischer Essayist einen Namen gemacht, dessen Gesellschaftsbefunde wegen ihrer schneidenden Klarheit bestechen. Seit Jahren analysiert er die Omnipotenz Amerikas und vertritt die Auffassung, andere Länder seien dem als Opfer oder Vasallen ausgeliefert. Diese These prägt seine Schriften zum Kosovo-Krieg von 1999, zur Lage im Nahen Osten wie auch zum Anti-Terror-Krieg der USA und ihrer Verbündeten seit 2001.

Der Tod Yassir Arafats zeigt in mehrfacher Hinsicht, wie wichtig es ist, die Definitionsmacht über die Geschichte zu besitzen, und nach welchen Prinzipien diese Geschichte geschrieben wird. Dabei ist der fundamentale Grundsatz, dass "wir gut sind" und alles, was "wir" tun, den höchsten Prinzipien gehorcht, auch wenn es in der Praxis manchmal zu Irrtümern kommt.

Diesem Credo entsprechen noch einige andere Leitsätze. Der erste besagt, auch die von uns unterstützten Staaten sind im Kern gut, wenn auch nicht "so gut" wie "wir": Soweit sie den Auffassungen der USA folgen, werden sie von "vernünftigen Pragmatikern" regiert. Ein weiteres Prinzip besagt, dass unsere Feinde von Grund auf böse sind. Wie böse genau, hängt davon ab, wie intensiv wir sie gerade angreifen oder Pläne schmieden, dies zu tun. Der Status solcher Staaten kann sich sehr rasch ändern. So waren Mitglieder der jetzigen US-Regierung und ihre Mentoren aus der Ära von Reagan sowie Bush senior von Saddam Hussein durchaus angetan und halfen ihm, so lange er lediglich Kurden vergaste, Dissidenten folterte und einen schiitischen Aufstand niederschlug, durch den er 1991 beinahe gestürzt worden wäre. Saddam trug damit zur "Stabilität" - sprich: "unserer" Vorherrschaft - bei. Dieselben Verbrechen verwandelten sich in den Beweis abscheulicher Bösartigkeit, als "wir" die Zeit gekommen sahen, im Namen Gottes den Irak zu überfallen und dort ein Regime zu etablieren, das man als "demokratisch" bezeichnen wird, so lange es uns gehorcht und so zur "Stabilität" beiträgt.

Die angeführten Prinzipien sind simpel und für jeden verständlich, dem Karriere und Ansehen das Wichtigste sind. Die Konsistenz, mit der sie zur Anwendung kommen, ist hervorragend dokumentiert. In totalitären Gesellschaften ist nichts anderes zu erwarten - in freien Gesellschaften, in denen man sich kaum auf Furcht als Motiv berufen kann, ist dies ein höchst bemerkenswertes Phänomen.

Die Tyrannei des Vetos

Ich werde mich bei meiner Analyse der Arafat-Nachrufe auf die einflussreichste Zeitung der Welt, die New York Times (NYT), und den Boston Globe (BG) beschränken, der vielleicht mehr als andere lokale Blätter der USA die Meinung der gebildeten liberalen Elite spiegelt.

Die Titelkolumne der NYT vom 12. November beginnt mit einer Darstellung Arafats als "Symbol der Hoffnung der Palästinenser auf einen lebensfähigen, unabhängigen Staat und zugleich das wichtigste Hindernis seiner Realisierung". Arafat habe leider nie das Niveau des ägyptischen Präsidenten Sadat erreicht, der - wie es der israelischen Ex-Minister Shlomo Avineri in der NYT vom 13. November schreibt - "durch einen Friedensvertrag mit Israel den Sinai zurückgewann", da er fähig gewesen sei, "auf die Israelis zuzugehen und ihre Ängste und Hoffnungen anzusprechen".

Man könnte sich vielleicht wichtigere Hindernisse für die Gründung eines palästinensischen Staates vorstellen, aber diese können wegen der eingangs skizzierten Prinzipien ebenso wenig debattiert werden wie die Wahrheit über Sadat, die Avineri bestens kennt. Ich möchte einige dieser Hindernisse ansprechen.

Seit das Recht der Palästinenser auf einen eigenen Staat Mitte der siebziger Jahre auf die internationale Agenda kam, war die Regierung der USA stets "das wichtigste Hindernis" für einen solchen Staat. Die NYT kann in dieser Hinsicht getrost Anspruch auf Rang zwei erheben. Das wurde spätestens 1976 klar, als Syrien im UN-Sicherheitsrat eine Resolution einbrachte, die eine Zweistaatenlösung für den Nahostkonflikt verlangte - und die USA einen adäquaten Beschluss durch ihr Veto blockierten. Das gleiche Bild zeigte sich auch in den folgenden Jahren, nicht nur im Sicherheitsrat, auch in der Vollversammlung, die ihre Nahost-Resolutionen regelmäßig mit Mehrheiten von 150 : 2 verabschiedete.

Die NYT weigerte sich hartnäckig, darüber zu berichten, dass Arafat in den achtziger Jahren immer wieder Verhandlungen forderte und dabei auf den Boykott der Israelis stieß. Im Gegensatz zur NYT schrieb die israelische Presse an prominenter Stelle über Arafats Bemühungen, die Shimon Peres seinerzeit mit der Begründung ablehnte, Arafats PLO könne einfach "kein Verhandlungspartner sein". Kurz darauf beschrieb der NYT-Jerusalem-Korrespondent und Pulitzerpreisträger Thomas Friedman, der mit Sicherheit die hebräischsprachige Presse lesen konnte, die frustrierende Lage der israelischen Friedenskräfte, die von der eigenen Regierung nicht gehört würden. Zugleich vermerkte er, dass sich Shimon Peres über das Fehlen einer "Friedensbewegung in der arabischen Bevölkerung, wie wir sie in der jüdischen Bevölkerung haben" beklagte, und gab dessen Fazit wieder: Solange die PLO "eine gewalttätige Organisation bleibt und sich weigert, zu verhandeln", könne man mir ihr nicht verhandeln. Den Leitlinien einer korrekten Berichterstattung folgend, firmierte Shimon Peres in den Artikeln von Friedman als "vernünftiger Pragmatiker". Das ist nur ein winziger Ausschnitt aus einer Bilanz, die so eindeutig ist, dass sie unmöglich übersehen werden kann. Es sei denn, man hält sich konsequent an die Version jener, die Geschichte als ihr Eigentum betrachten.

Das Scheitern von Camp David

Der ausführliche Nachruf der NYT-Nahost-Spezialistin, Judith Miller vom 11. November 2004 pflegt die gleiche Tonlage wie der Leitartikel vom 12. November. Miller zufolge "lehnte Arafat bis 1988 die Anerkennung Israels immer wieder ab und bestand statt dessen auf bewaffnetem Kampf und Terror. Für den diplomatischen Weg entschied er sich erst nach seinem Schulterschluss mit dem irakischen Präsidenten Saddam Hussein während des Kriegs am Persischen Golf von 1991."

Damit gibt Miller die offizielle Lesart akkurat wieder. In Wirklichkeit hatte Arafat schon vor 1991 wiederholt Verhandlungen mit dem Ziel einer gegenseitigen Anerkennung angeboten, während Israel - besonders in Gestalt der gemäßigten "Pragmatiker" - dies mit Billigung Washingtons rundweg ablehnte. 1989 berief sich die Koalitionsregierung Shamir-Peres mit ihrem Friedensplan auf einen überparteilichen Konsens, dessen erstes Axiom lautete, es könne keinen "weiteren palästinensischen Staat" zwischen Jordanien und Israel geben, da Jordanien bereits ein "palästinensischer Staat" sei. Das zweite besagte, das Schicksal der besetzten Gebiete müsse "nach den grundlegenden Leitlinien der israelischen Regierung" geregelt werden. Dieser Plan wurde von den USA vorbehaltlos akzeptiert und mutierte Ende 1989 zu dem von Außenminister James Baker präsentierten "Baker-Plan".

Ganz im Gegensatz zu Millers Darstellung und dem offiziellen Geschichtsbild war es aber die US-Regierung, die erst nach dem Golfkrieg bereit war, Verhandlungen in Betracht zu ziehen, da man erkannt hatte: die USA würden nun einseitig ihre Lösung durchsetzen können. Dies brachte die zunächst gar nicht ernst gemeinten Verhandlungen von Madrid zwischen 1991 und 1993 auf den Weg und führte schließlich zu den Osloer Verträgen zwischen Israel und der PLO-Führung um Arafat.

Es war von vornherein klar, dass dieses Abkommen einem Verrat an den palästinensischen Interessen gleichkam. Die am 13. September 1993 unterzeichnete "Prinzipienerklärung" (PE) legte fest: das Endergebnis der Verhandlungen würde allein auf der UN-Resolution 242 von 1967 (*) basieren, womit das wichtigste diplomatische Thema im Nahen Osten seit Mitte der siebziger Jahre - nämlich das nationale Recht der Palästinenser im Rahmen einer Zweistaatenlösung - ignoriert wurde. Aus dem Wortlaut des Oslo-Abkommens ging klar hervor, dass es ein Mandat für die Fortsetzung der israelischen Siedlungspolitik gab. Die damalige politische Führung Israels um Yitzhak Rabin und Shimon Peres sah denn auch keinerlei Anlass, dies zu verheimlichen. Wie Rabin zugleich durchblicken ließ, hatte man Arafat die Rolle eines Polizisten Israels in den besetzten Gebieten zugedacht. Solange er dieser Aufgabe gerecht wurde, galt er als Pragmatiker und genoss die Unterstützung der USA und Israels, die sich weder für die Korruption noch die Repressalien unter seinem Regime interessierten. Sobald er die palästinensische Bevölkerung nicht mehr unter Kontrolle halten konnte, weil immer mehr Land an Israel verloren ging, verwandelte er sich wieder in einen üblen Schurken und ein Friedenshindernis.

Unterdessen setzte Israel - mit amerikanischem Beistand - die Besiedlung und Integration der besetzten Gebiete ungebremst fort. Im letzten Jahr von Clintons Amtszeit, erreichte diese Landnahme ihren absoluten Höhepunkt, wodurch die Hoffnung auf eine diplomatische Lösung weiter schwand.

Millers NYT-Nachruf mündet in das erwartete Finale: In Camp David (**) habe Arafat im Juli 2000 das großzügige Friedensangebot von Clinton und Barak "verworfen" und sich selbst danach noch geweigert, die Clinton-"Parameter", wie sie im Dezember 2000 auf dem Tisch lagen, zu akzeptieren. Damit habe Arafat den definitiven Beweis angetreten, nach wie vor eine gewaltsame Lösung zu suchen. Ein deprimierender Befund, mit dem die friedliebenden Staaten USA und Israel hätten leben müssen.

Tatsächlich sollte nach den Vorschlägen von Camp David das Westjordanland in völlig voneinander getrennte Kantone geteilt werden. Kein palästinensischer Führer hätte das akzeptieren können, wie seinerzeit ein Blick auf die Landkarten verriet, die leicht zugänglich waren - allerdings nicht für die New York Times und den Rest des US-Medien-Mainstreams.

Nach dem Scheitern von Camp David begriff Clinton übrigens, dass Arafats Vorbehalte durchaus begründet waren. Das zeigte sich nicht zuletzt an den erwähnten "Parametern", die zwar vage formuliert waren, aber einer möglichen Lösung viel näher kamen als die in Camp Davon verhandelten Positionen. Clinton untergrub damit höchst selbst die Legende vom sturen Arafat. Für die offizielle Geschichtsschreibung ist das freilich unerheblich.

Die Chuzpe des Rosstäuschers

Über Clintons Aussagen zu den Reaktionen von Arafat und Barak auf die "Parameter" kann man sich aus so obskuren Quellen wie der angesehenen, von der Harvard University und dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) herausgegebenen Zeitschrift International Security informieren, die zu dem Schluss kommt, dass "die palästinensische Version der Ereignisse von 2000/2001 wesentlich zutreffender ist als die israelische" - das heißt, die Version der USA und der New York Times. Danach nutzten hochrangige israelische und palästinensische Unterhändler Clintons "Parameter" als "Basis für weitere Bemühungen" und diskutierten Anfang 2001 im ägyptischen Taba ihre "Vorbehalte". Daraus ging ein vorläufiges Abkommen hervor, das einigen der in Camp David geäußerten palästinensischen Bedenken entgegenkam - ein weiterer Umstand, der die offizielle Version widerlegt.

Die Taba-Gespräche wurden dann von Israel abgebrochen, so dass wir nicht wissen, wohin sie hätten führen können. Ein detaillierter Bericht des EU-Gesandten Miguel Moratinos wurde im Übrigen von beiden Seiten als zutreffend akzeptiert und in israelischen Zeitungen an prominenter Stelle behandelt. Ich bezweifle aber, dass die Medien in den USA überhaupt davon Notiz nahmen.

Es bringt wenig, sich weiter mit Millers Version zu beschäftigen. Wenden wir uns statt dessen dem liberalen Boston Globe zu. In ihrer Ausgabe vom 12. November halten sich die BG-Herausgeber an dasselbe Grundprinzip wie die NYT, aber immerhin räumen sie ein, wenn es noch keinen palästinensischen Staat gäbe, könne das "nicht nur Arafat angekreidet werden". Die politischen Führer Israels seien daran "auch nicht ganz unschuldig". Die maßgebende Rolle der USA dagegen kann nicht erwähnt, ja nicht einmal gedacht werden.

Außerdem druckt der Globe am 11. November eine Kolumne, mit der wir erfahren, dass Arafat "zu jener kultisch verehrten Gruppe charismatischer, autoritärer Führer von Mao Zedong in China über Fidel Castro in Kuba bis Saddam Hussein im Irak" gehörte, "die sich aus den weltweit grassierenden antikolonialen Bewegungen nach dem Zweiten Weltkrieg herausbildete." Das ist aufschlussreich, steckt doch ein Körnchen Wahrheit in dieser Porträtierung, wie das auch der Fall gewesen wäre, wenn man in einem Leitartikel zu den imperialen Begräbniszeremonien für den zum Halbgott stilisierten Ronald Reagan diesen als Mitglied einer "kultisch verehrten Gruppe" von Massenmördern von Hitler über Idi Amin bis Shimon Peres beschrieben hätte, die ohne Hemmung und unter großer Beihilfe der Medien und Intellektuellen mordeten. Wer nicht imstande ist, diese Analogie zu begreifen, sollte sich ein wenig intensiver mit Geschichte beschäftigen.

Die Erlösung des Landes

Neben alldem präsentiert die NYT schließlich noch einen ausführlichen Gastkommentar zum Tod Arafats, verfasst von dem israelischen Historiker Benny Morris, der gleich zu Beginn keinen Zweifel lässt: Arafat sei ein Rosstäuscher, der von Frieden und dem Ende der Besatzung gesprochen habe, aber in Wirklichkeit "Palästina erlösen" wollte. Das allein demonstriere dessen unverbesserliche Bösartigkeit. Morris scheint zu glauben, seinen Lesern würde nicht auffallen, dass er die schreckliche Formel von der "Erlösung Palästinas" dem Arsenal der zionistischen Ideologie entlehnt. Deren Kernprinzip während mehr als eines Jahrhunderts war die "Erlösung des Landes", ein Prinzip, das immer ein zentrales Konzept der zionistischen Bewegung war: die Vertreibung der ursprünglichen Bevölkerung, um das Land zum Nutzen seiner wahren Eigentümer "zu erlösen". - Es gebührt Israel zur Ehre, dass Morris´ Haltung zu dieser Frage scharf verurteilt wurde. In den USA hingegen glaubt man offenbar, er sei erste Wahl, um das Ableben eines verhassten Feindes zu kommentieren.

(*) Die Resolution 242 forderte nach dem Sechstage-Krieg vom Juni 1967 den Abzug Israels aus allen dabei besetzten Gebieten und formulierte internationale Garantien für die Existenz des israelischen Staates, allerdings keine analogen Erklärungen für einen Staat der Palästinenser.

(**) Im Juli 2000 verhandelten Yassir Arafat und der damalige israelische Premier Ehud Barak auf Einladung von Bill Clinton 14 Tage in Camp David, ohne zu einem Ergebnis zu kommen.

Dies ist eine redaktionell gekürzte Fassung. Im Originalumfang können Sie sich den Text ansehen.

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00:00 10.12.2004

Ausgabe 38/2020

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