Die Geschichte vom leeren Osten

Glaskugel Prognosen darüber, wie wenig Menschen in 50 Jahren in Ostdeutschland leben, verändern die Politik. Fragt sich nur, in wessen Interesse?

Statistisch betrachtet ist die Ehe Hauptursache aller Scheidungen. Kennen Sie schon? Kein Wunder. Witze über Statistik gibt es wie Sand am Meer. Und es kommen immer neue dazu.

Unlängst hat die Behörde Eurostat herausgefunden, dass Chemnitz Anfang 2030 die älteste Stadt des Kontinents sein wird, dann leben dort genau 37,7 Prozent Einwohner über 65 Jahren. Eurostat? Richtig, das ist jene EU-Einrichtung, die sich jahrelang falsche Zahlen über die Verschuldung Griechenlands hat liefern lassen.

Auch hierzulande wird die Illusion der Präzision praktiziert – vom Bundesamt für Statistik. Gerade haben die Wiesbadener Experten mitgeteilt, dass im Jahr 2060 in ganz Ostdeutschland 37 Prozent weniger Menschen leben werden, als 2008. In Sachsen-Anhalt zum Beispiel soll es dann nur noch genau 1,347 Millionen Einwohner geben – etwa eine Million weniger als heute.

Horrormeldungen dieser Art sind nicht neu. Aber so negativ wie dieses Mal waren sie bisher nie. Der Osten – in 50 Jahren eine leere, von ein paar Alten bevölkerte Brache. Der Letzte macht das Licht aus. Wenn es denn wirklich so einfach wäre mit den statistischen Voraussagen. Zugegeben, gerade in den neuen Ländern ist der Exodus keine Erfindung von Demographen. Seit der Wende hat der Osten einen Schwund von knapp zwei Millionen Menschen verzeichnet – drei Millionen wanderten ab, aber nur eine Million kam hinzu. Das Ganze war begleitet von einem durch die Angst vor Erwerbslosigkeit bestärkten Absturz der Geburtenzahlen in den neunziger Jahren.

Dresden mit blauem Auge

Die Entwicklung zum „leeren Osten“ verteilt sich aber keineswegs einheitlich über die „blühenden Landschaften“. Ballungszentren wie Dresden und Leipzig sind mit einem blauen Auge davon gekommen, dort stiegen die Einwohnerzahlen seit 2000 sogar wieder an. Potsdam hat heute sogar mehr Einwohner als zur Wendezeit. Nicht zuletzt durch geschickte Eingemeindungen vor den Toren der Stadt hat in anderen kommunen zumindest der Abwärtstrend an Kraft verloren oder ist gestoppt.

Der Blick zurück ist vielerorts dennoch niederschmetternd. Bevölkerungsrückgänge seit der Wende zwischen 20 und 25 Prozent in Cottbus, Zwickau, Rostock, Schwerin und Gera, fast 30 Prozent in Halle – das klingt nach einer schweren Hypothek für die nächsten Jahre. Viele Jüngere, vor allem Frauen, sind derzeit „Mangelware“. Wenn demnächst in ostdeutschen Unternehmen die Leistungsträger in Rente gehen, gibt es vielerorts kaum Ersatz.

So weit, so schlecht. Ob man daraus Prognosen, die weit in die Zukunft reichen, ableiten kann, ist allerdings fraglich. Schon früher lag man oft falsch – und das bei wesentlich kürzeren Zeitspannen. Gerd Bosbach, Statistik-Professor in Koblenz, hat immer wieder auf die Fehler seiner Zunft hingewiesen. Die Bevölkerungsrechnung des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahre 2003 etwa hat sich bereits heute als falsch herausgestellt – nach nur sieben Jahren. Auch früheren Projektionen in die ferne Zukunft erging es nicht besser.

Blick in den Rückspiegel

Aber ist deshalb alles zurückzuweisen, was uns Experten an Prognosen über die Zukunft präsentieren? Keineswegs. Statistiken sind ein Blick in den Rückspiegel, während man nach vorn fährt. Manches sieht man voraus. Wirklich neuen Situationen steht man jedoch stets unvorbereitet gegenüber. Warum gibt es die langfristigen Prognosen dann aber trotzdem?

Sollte man etwa misstrauisch werden, wenn immer mehr Schätzungen über die fortschreitende Entleerung ostdeutscher Regionen die Zwecklosigkeit öffentlicher Förderung von Investitionen und Infrastruktur suggerieren? Eindeutig ja! Ist der Bevölkerungsschwund in diesem Teil der Republik gar so groß, dass es schon bald neuer Begründungen für Migrationsschübe auswärtiger Arbeitskräfte bedarf, die selbstverständlich nicht einfach zu hiesigen Tarifen beschäftigt werden können? Nicht ausgeschlossen!

Neben der allgegenwärtigen Globalisierung ist die Demographie eines der Hauptargumente, wenn Begründungen für neuen Sozialabbau gesucht werden. Dabei hätten die Statistiker eigentlich viel Sinnvolleres zu tun: Wo bleiben zum Beispiel exakt hochgerechnete Zahlen zur vorprogrammierten Altersarmut im Osten, wo bald die „Generation Langzeitarbeitslos“ in die Rente drängt? Wer misst auf Kommata genau die demnächst von Amts wegen berechneten Renten der wachsenden Gruppe von Menschen mit prekären Erwerbsbiographien? Solche Statistiken würden eigentlich zum schnellen Handeln aufrufen – nicht zu weiterem Verzicht.

Das Beispiel Riester-Rente

Gerade Langzeitprognosen sind für Außenstehende aufgrund der vielen, eingerechneten Annahmen kaum nachzuvollziehen. Präsentiert werden sie aber stets mit dem Gestus der Unfehlbarkeit. Dabei geht es in Wahrheit um Politik und Interessen – weniger um Demographie.

Wie schnell man von angeblich seriösen Prognosen enttäuscht werden kann, mussten beispielsweise die Mehrzahl der mehr als 13 Millionen „Riester-Sparer“ erleben. Ihnen war der Nutzen der privaten Zusatzrentenversicherung mit demographisch-statistischen Argumenten geradezu eingehämmert worden. Entsprechend groß war die Resonanz.

Doch seit Ende vergangenen Jahres ist klar: Die staatlichen Zulagen werden von den Gebühren der Versicherer aufgefressen. Die meisten „Riester-Sparer“ müssten im Schnitt ein Alter von über 90 Jahren erreichen, um nach langer Beitragstreue die persönliche Gewinnzone zu erreichen. Rein statistisch betrachtet wird das für viele schwierig: Die durchschnittliche Lebenserwartung lag 2007 für neu geborene Jungen bei 76,6. Und selbst die Mädchen kommen nur auf 82,1 Jahre.

13:32 18.04.2010

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