Die Geschichte wiederholt sich mit Gleichmut

Arbeit, Landschaft, Leute "Uckermark" von Volker Koepp - ein Versuch zur Heimatfindung

"So schönes Land zu haben mit so vielen traurigen Leuten darin."

(Kinogängerin, 38, aus Zürich zu Besuch in Brandenburg.)

Dass die DDR als Landschaft überleben würde, darauf hätte niemand gewettet. Nach der Abwicklung des Staatsgebildes bleiben die Landschaften schweigend zurück. Sie behalten ihre Geschichte für sich, da und dort wird ein Stück ausgespuckt, das aufzuheben die Letzten der Gegend angestellt sind. Wie es aussieht hat der Osten Deutschlands seine Chance in Zukunft als größtes Freilichtmuseum der Welt, lebende Exponate eingeschlossen, man muss sie nur zum Reden bringen. Dass die DDR für den Dokumentarfilm gebaut war, haben Regisseure wie Jürgen Böttcher, Winfried Junge, Volker Koepp (um nur drei zu nennen) schon zu Lebzeiten des Ländchens gezeigt.

Das Ideal der Gattung Dokfilm besteht darin, die Dinge sich selbst auswählen, anordnen, interpretieren, sie an der Kamera vorbeileben zu lassen. Volker Koepps Filme nähern sich diesem Ideal auf eingängige Weise; Bilder und Stimmen und Klänge spielen gleichberechtigt ihren Part in den wohltemperierten Dokumentarkompositionen. Das Schlimme schön zu zeigen ist ein dialektischer Kunstgriff nach Aristoteles, der in der medial durchsättigten Gegenwart eher zu Wirkung führt als der vorgeführte Schock. Auch ist die nachgelassene DDR-Landschaft nicht unbedingt das Areal des Schreckens, eher das der historisch kurzfristigen Groteske.

Uckermark setzt mit einem Erntemond vor nachtblauer Unendlichkeit ein, der, wie er dasteht, nur fürs Kino gefilmt sein kann, das die großen Gefühle für sich reklamiert. So hoch angesetzt muss die auftretende Belegschaft einiges bieten, um nicht von Natur an die Wand gespielt werden. Die da sämtlich für sich selbst auftreten, sind die Vertreter zweier Zweige des altmärkischen Geschlechts der Arnims, ein wichtig gewesener Theaterregisseur und immer noch wichtiger Denker, dann zwei Händevoll trauriger Zeitzeugen, die reden. Sie kommen alle, auf verschiedenen Wegen, zum Wort. Freundlich Gesinnte, die miteinander nichts anfangen können, man wird sie so schnell nicht vergessen. Fontane hat die Uckermark als Autor nur gestreift, den Typus als Fußnote aber vermerkt: Wenn nicht die Uckermärker wären, wär´ es im Oderland nicht auszuhalten.

Zwischen Uckermärkern muss unterschieden werden, zunächst nach Besitz, denn da sind welche die haben und andere, die nicht. Der in Gerswalde ansässige, 84 Jahre alte Herr von Arnim beispielsweise hat. Zwar musste die Familie im Frühjahr 1945 unter Hinterlassung von 45 Gutsbetrieben westwärts weichen, doch hat der Graf als "Gesetzgebungsjurist im Gesundheitsministerium Bonn" ein erfolgreiches Leben gelebt. Das lebt er als Mitglied in einem unüberschaubaren Dutzend gemeinnütziger Verbände weiter, denn seit der Wende ist er wieder da, und wo, wenn nicht im Osten, stehen die lohnenden Aufgaben an. "Die Wende" und "die Arbeit" sind in diesem Film die zumeist wiedergegebenen Wörter, mit Bitternis und mit Enttäuschung öfter als mit Zuversicht.

Der Sympathiebonus, den der freundlich-listige Koepp allen verleiht, macht ihre Verlorenheit in der Landschaft noch deutlicher. Da ist das Häuflein der Aufrechten, deren Tätigkeit im Wiederingangsetzen nicht mehr gebrauchter landwirtschaftlicher Instrumente von Dampfmaschine und Pflug bis zur Kaffeemühle besteht. Da stehen sie in ihren nachkriegsgeprägten Jahrhundertgesichtern, die es in dieser Gegend nicht mehr geben wird, vor einem restaurierten Messingschild "Heinrich Lantz - Mannheim. In allen Kulturstaaten", zu denen sie selbst als aussterbende Kultur gehören. Da zählen sie auf, was sie tun, nämlich sammeln, um zu tauschen, da antworten sie, nach amtlicher Arbeitsbezeichnung befragt, "SAS, nee, SAM" und wissen nicht, ob das Kürzel für "Sonderarbeitsbeschaffungsmaßnahme" oder anderes steht. 25 Prozent Arbeitslose zählt die Region 150 km von Berlin, ein Landstreif zwischen Feldberg und Prenzlau im Norden, Angermünde und Zehdenick Süd; sie zählen da nicht mit, sie durchlaufen den sogenannten zweiten Arbeitsmarkt, nach dem der erste garantiert nicht wiederkommt, sie sind alle "an die sechzich". Weltkriegskinder vom Jahrgang der Rolling Stones, des Bundeskanzlers, zum Vergleich. Sie tragen teils ihre alten, von VEB-Berufsbekleidung einheitlich vorgesehehen Hemden und Arbeitsanzüge, sie sind unfreundlich, nordtypisch mundfaul gelassen, sie sind Heimatmuseum.

Museumsanrainer sind die auf ihrer Trümmerterrasse frühstückenden von Arnims, mit dem 84er Arnim verschwägert. Seit gut zehn Jahren sind sie wieder im Land, "um die Sache hier zu übernehmen". Die Wiederkehr des Alten als das Neue, weil es anders nicht geht. Sie haben die Schwiegertochter, geborene Knigge, im Gepäck, die mit ihrem Mann die Landwirtschaft nach ihnen führen wird. Sie nehmen mit den Bediensteten von vor 1945 Kaffee und Kuchen, sie feiern Frieden und Erinnerung, und zur Familienfeier sammeln sich die Preußen. Befragt nach Zukunftsaussicht und Motiv ihres Hierseins, denkt der (angeheiratete) Graf, "von Beruf ehrlich gesagt Elektroingenieur", über die interessante Aufgabe nach, über die auch emotional besetzten Wurzeln, über Ideal, Tradition und Verantwortung. Die Frage nach den Wurzeln der arbeitslosen Ansässigen, derer, die 1945 nicht weichen mussten oder konnten, die ihre Jahre und Jahrzehnte hier gegen Lohn gearbeitet haben, stellt sich vermutlich nur dem ostdeutschen Betrachter von selbst. In der "schönsten Landschaft der Welt" kann auch nur ansiedeln, wer sich die schönste Landschaft leisten kann.

Leisten kann es sich (nach etlichen Verdiensten um das deutsche Schauspiel) Fritz Marquardt, der die Uckermark auf eigenem Grund bewohnt. Der Regisseur, der Autor, Zeichner, Landwirt, Philosoph, dem Heiner Müller - dessen Stücke Marquardt, nachdem die DDR-Kulturpolitik sie freigegeben hatte, immer nur zu spät inszenieren konnte - die Auszeichnung "Gegen den Zeitgeist" geschenkt hat, ist im Film der Kommentar zur Gegenwart von innen. Drei Sätze nur, die wichtig bleiben werden. Wir leben in einer Zeit absoluter Restauration. Um Sibirien zu überleben, muss man Kommunist sein. "Und im übrigen halte ich den Kommunismus für eine sehr bequeme Religion für Intellektuelle." Das soll unwidersprochen stehen bleiben.


Wie soll man hier leben? Schwierig, sagt der Graf, der jüngere, für alle wird es nicht reichen. Für 43, die zur Vorkriegs- wie zur Vorwendezeit auf dem Gut (der LPG) gearbeitet haben, ist ja nichts zu tun, und wenn man sie beschäftigt, dann nur für minimale Löhne und das geht nicht.

Schnitt, da kommen sie, die minimalen Löhne in Gestalt von fünf Frauen mit Tüten, nach den Kategorien der sozialen Marktwirtschaft beim Staat beschäftigt. Nicht ABM wie Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, nee, SAM, "Soziale Arbeitsmaßnahme" unterziehen sie sich, derart scheint die Auslegung am Vernünftigsten. Und was tun sie? Suchen den brachliegenden Acker ab "nach archäologischen Funden". Werden von "Qualifizierungsgesellschaften" herumgereicht, vor der endgültigen sozialen Invalidisierung noch ein bisschen am Laufen gehalten. Sind ausgebildete Betonwerker und Grünanlagenbauer, waren Krippenerzieher und Hauswirtschafter. Haben Kinder und tragen den Makel des kommenden Alters und der Herkunft mit sich. Dass SAM "Strukturanpassungsmaßnahme" bedeutet, ein Wort, dessen Abgrund sich erschließt, wenn man die Struktur besieht, davon reden sie nicht. Fünf Frauen, die Spuren von Geschichte suchen: die der von Arnims im uckermärkischen Grund, die ihre eigene ja nicht ausschließt. Die Suche nach Geschichte ist Arbeit, die letzte, ungelernte, ungelohnte, die bleibt. Dokumentarfilm lohnt noch.

Drei andere Frauen, Frauenfiguren aus Koepps Filmen, erscheinen unsichtbar mit Referenzen: Elsbeth, Edith und Renate aus Wittstock, von 1973 bis 1996 in sporadischem Abstand befilmt. Von Arbeit ausgefüllt und gezeichnet, von Orden und Verantwortung, die nichts mehr zählen, überhäuft: was bleibt, ist die Rente, und auch sonst nicht viel. Jetzt, "wo der Zusammenhalt fehlt", entdeckt man mit Unbehagen, dass der nötig war gegen die Idee, die gerade keine Zukunft hatte, ein grundloses, ausgehöhltes Wozu, von der realexistierenden Wirklichkeit als Absurdum vorgeführt, als Chimäre vorgeblendet. So gesehen war das Leben in der DDR mit Sicherheit die größere Herausforderung. So gesehen war die DDR für den Dokfilm gebaut. Besseren Stoff kriegst du in hundert Jahren nicht, solche Aufbauten, solche Stützen, vom Verschwinden kannst du erzählen, von Menschen und Material, den Sklaven der Umstände am Draht ihres Schicksals auf der Bühne der großen Ideologien zusehen, die nun abgewirtschaftet haben.

Das vom Soziologen Wolfgang Engler vorgeschlagene Kulturmodell der ostdeutschen Sonderzone "Utopie" - dank staatlich ausgeschenkten Bürgergeldes selbstbestimmte Arbeit an der Zeit zu leisten - hat in der Uckermark den allerschönsten Ort; die Hauptdarsteller dieses Films wird das nicht mehr erreichen. Wie die kommende Kultur ohne Arbeit aussehen könnte, weiß niemand; der Babypunk, der Einzelhandelskaufmann werden will, wird ordentlich Party machen, falls die Welt untergeht. Der Graf pflanzt dann für Luther einen Apfelbaum. Womöglich wird die Zukunft hier in beidem liegen, Apfelbaumparties einer arbeitslosen unterforderten Gesellschaft. Da dürfte auch der Dokfilm als Genre ausgedient haben.

"Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende Mensch." Das könnte man mit Ernst Bloch den ihrer Arbeit Ledigen flüstern, dem Reigen der Entselbstständigten, und den Wenigen, auf den Thron des Vermögens Geworfenen auch. Verantwortungsadel, Besitzadel, das sind Privilegien, die erarbeiteten Verdienst nicht mindern, aber welche Bindung an die Landschaft haben die hier Geborenen, die hier seit fünf Jahrzehnten Lebenden, als ihre Herkunft und die Erinnerung an ihre Arbeit? Andere Wurzeln haben sie nicht.

Da kommt der Winter mit Schnee auf Bäumen, die ihre nackten Äste wie Wurzeln in den Himmel strecken. Da steht die wuchtige Kirche, eine machtlose Zwingburg. Da steht Friedmund von Arnims Schloss, in dem die Nachfahren wohnen und Geschichtsfäden knüpfen. Da kommt Marquardt durch den Schnee. Ins Philosophiestudium ist er gezogen, um den Sinn des Lebens dort zu finden, ob es einen hat, falls ja, welchen. Er korrigiert Marx, der Hegel korrigiert hat: Die Geschichte kommt dreifach: als Tragödie, als Komödie und schließlich als Tragikomödie. Schnitt und da sind sie alle drei, auf Kufen aus Stahl und in Kindergestalt, über den zugefrorenen See. Vielleicht besteht eine Funktion der Philosophie darin, die Enttäuschung des Lebens verarbeiten zu lernen. Man muss nicht Bloch lesen dazu, man kann durchaus ins Kino gehen. Sehen Sie sich mal Uckermark an, die Wirklichkeit in anderthalb Stunden Kunst.

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00:00 13.12.2002

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