Die Gesetze der Effizienz

Überfliegerin Die designierte Kanzlerin Angela Merkel als ideales Subjekt für Biografien

Das lassen sich politologelnde Publizisten nicht entgehen: Eine Frau betritt die letzte Stufe der Machtleiter. Weder besonders jung noch schön. Bei ihr verfangen die üblichen Sprüche, die den Erfolg von Frauen begleiten, nicht. Das scheint nach Erklärung zu rufen. Der Berg der Bücher über Angela Merkel ist seit ihrer Kanzlerkandidatur beträchtlich gewachsen. In den meisten sucht man vergeblich nach mehr als ein paar Hausnummern, die in jeder Zeitung nachzulesen waren. Alle versprechen sie "Hintergründe" - begnügen sich aber mit dem Lesen aus dem Kaffeesatz. Wer war wann Berater, wer wurde zu welchem Zeitpunkt ausgewechselt. Könnte das was bedeuten? Was heißt es, wenn sich eine, die als "Kohls Mädchen" den doppelten Proporz, Frau und neue Bundesländer, verkörpern sollte, nicht mehr mit dem Schulter klopfenden Wohlwollen der alten Männer und dem herablassenden "Dafür, wie die Frau dreinschaut, macht sie ihre Sache doch ganz gut" zufrieden gibt und sich über die Funktion hinaus als bestens verwendbare Allzweckwaffe profiliert? Darüber liest man leider nichts. Dagegen wird immer wieder der Vergleich "Eiserne Lady" à la Maggie Thatcher verhandelt und verworfen - Frau Merkel liebt ihn auch nicht.

Ganz typisch für diese Art der Betrachtung ist ein Band von Nicole Schley Angela Merkel - Deutschlands Zukunft ist weiblich. Weibliche Elemente der Merkelschen Politik sind in dem Werk der freischaffenden Politologin kaum beschrieben, wahrscheinlich gibt es sie auch nicht. Hinweise, dass Frauen in einer von ihr geführten Regierung andere Akzente setzen könnten, sucht man vergebens, lediglich die Tatsache, dass da eine Frau an die Macht drängt, ist Rechtfertigung für den Titel. Falls man Zukunft nicht nur als die kommende Legislaturperiode definiert, findet sich kein Hinweis darauf, was eine weibliche Zukunft sein könnte, zumal Angela Merkel selbst immer wieder betont, bundesdeutsche Frauenbewegung und deren Emanzipationsbegriff blieben ihr fremd. Dass mit ihr dennoch eine unüberwindbar geglaubte Schwelle überschritten wird, steht außer Frage, welche Bedeutung diesem Schritt beizumessen ist, spielt in dem Buch aber nirgends eine Rolle. Internationale Vergleiche - Richtung skandinavische Länder, Indien - werden vermieden, lediglich das Muster Thatcher wird immer wieder herangezogen, dann aber als nicht zu halten verworfen.

Die meisten dieser Porträts verweisen auf eine "schwierige Kindheit", auch etwas, was Angela Merkel selbst nicht behauptet. Aber es entspricht dem üblichen - gerade auch von der CDU bemühten - Klischee von Kindheit in der DDR. Wesentlich seltener findet sich ein Vergleich mit ihrem studierten Fach, das offenbar einen anderen Zugang zu politischen Problemen mit sich bringt. Physik und Politik haben, so scheint es, mehr Gemeinsamkeiten als vermutet: Von berechenbaren Grundlagen aus Möglichkeiten entwerfen, messen, testen, weiter entwickeln und daraus Produkte machen. Technische oder eben andere - politische. Das hat Angela Merkel als Physikerin studiert und in ihrem DDR-Umfeld kultiviert. Mal williger, mal widerwilliger. Mit der Distanz zur östlichen politischen Landschaft verhielt es sich so wie jetzt auch: Nach Analyse der Gegebenheiten können Entscheidungen unterschiedlich ausfallen. Mal FDJ-Sekretärin, mal Kritikerin des politischen Systems, das widersprach sich nicht. Ebenso wenig wie die wahlkampftaktischen Ausfälle gegen die SPD und deren Programm etwas mit dem freundlichen Umgang der Protagonisten während der Koalitionsverhandlungen zu tun haben. Sie alle sind Adenaueradepten: "Wat kümmert mich mein Jeschwätz von jestern", in der Lage, die gestern vorgetragenen Überzeugungen in Gänze zu verschlucken und nicht daran zu ersticken. Diese Fähigkeit des "flexiblen Umgangs mit den Fakten" ist wahrscheinlich eine von Merkels nützlichsten Eigenschaften für ein Amt an der Spitze. Sie erweist sich nicht zum ersten Mal als außerordentlich hilfreich. Die Trümmer der DDR reichten ihr als tragfähiges Fundament, um darauf eine Karriere zu gründen, die Zerschlagung des Kohl-Klüngels bot haltbare Sprossen für den Weg an die Spitze der CDU.

Diese Fähigkeit zu "unidelogischem Umgang" mit Politik, so heißt es in den neuen Biografien, soll wohl beschreiben, dass Rücksichten auf Gewachsenes, Klüngelverhalten, aber auch Zielvorstellungen für politisches Handeln im gegenwärtigen Zeitraum überflüssiger Ballast sind. Es ist eine Formulierung, mit der inzwischen die beiden ostdeutschen Vorsitzenden der großen alten Parteien der Bundesrepublik bedacht werden. Erstaunlicherweise wird dabei weniger auf ihre ostdeutsche Herkunft als vielmehr auf die bislang gepflegten bundesdeutschen Zusammenhänge angespielt, von denen Merkel wie Platzeck frei seien.

Nachzulesen ist das in einer anderen Biografie, einfach Angela Merkel genannt und - das lässt stutzen - nicht wie andere von der CDU empfohlen. Obwohl der Autor, Gerd Langguth, lange im Bundesvorstand der CDU und zuletzt als Geschäftsführender Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung gearbeitet hat, ist das Porträt wahrscheinlich für Werbezwecke zu differenziert. Der Professor für politische Wissenschaften an der Universität Bonn ist einer der wenigen, die Sorgfalt sowohl auf die Recherche, wie auf die Deutung der Fakten, die Beschreibung von Zusammenhängen und die Entwicklung der Person Merkel verwenden. Sein Buch ist eine Fundgrube, sowohl für die persönlichen wie die politischen Motive einer Frau, die an die Macht will. Nicht, weil sie eine Frau ist, nicht, weil sie für Frauen eine gesellschaftliche Akzeptanz durchsetzen will, sondern weil sie sich selbst nur in Spitzenleistungen verwirklicht sieht. Und die waren ihr auf anderen Gebieten versagt.

Bevor Langguth seine Sicht offeriert, liefert er eine Menge Material, mit deren Hilfe der Leser seiner Interpretation folgen oder sie ablehnen kann. Er vermeidet jene Eindimensionalität, die nur noch Prädikate wie "gut" oder "schlecht" möglich macht und verwendet unpopuläre Begriffe, "die Droge Macht" formuliert er zum Beispiel, und er charakterisiert Angela Merkel als eine Politoholic, die sich durch keine formalen Regeln behindert sieht - es waren nie ihre - und sich selbst gnadenlos analysiert. Nicht, um die eigenen Grenzen zu erfahren, sondern um sich darüber zu erheben, Regel eines Lernprozesses, den sie - so Langguth - im Eilschritt absolvierte. Durchaus planvoll, Zufälle schließt sie nach Möglichkeit aus. Gesellschaften funktionieren in ihrer Vorstellung - wie alle übrigen Systeme in der Natur auch - nach den Gesetzen der Effizienz, nur was sinnvoll ist, setzt sich fort.

Diese Denkart ist zugleich Stärke und Schwäche. Sie verhindert Verkrustungen, begründet aber auch bedenkenloses Über-Bord-Werfen von scheinbar Untauglichem. Da in der Gesellschaft - anders als in der Physik - Eckdaten über einen längeren Zeitpunkt selten unverändert bestehen bleiben, die Ergebnisse von Veränderungen hingegen erst nach Jahren sichtbar werden, können die "Versuchsanordnungen", sprich sozialen Einschnitte, weit radikaler ausfallen, als Sozialpolitikern selbst in der CDU lieb ist. Natürlich ist Angela Merkel zu klug, um historische Erfahrungen völlig außer Acht zu lassen, aber gefühlt ist da nichts, sagt Langguth; was einige der Personalentscheidungen erklären könnte, die ihr die Wahl fast verdorben hätten.

Warum die beiden großen Parteien in Zeiten ernsthafter Krisen auf Naturwissenschaftler aus der DDR zurückgreifen, könnte auch damit erklärt werden, dass in deren Vita die Erfahrung: Was macht man, wenn ein Staatswesen in unruhiges Fahrwasser gerät? schon einmal vorgekommen ist. Platzeck wie Merkel waren in der Lage, der Systemkrise im Osten nicht Verlustängste, sondern Vorwärtsstrategien zu entnehmen und Impulse zu entwickeln, die Auswege weisen. Keineswegs, weil sie in erster Linie Gegner der DDR waren (das waren ganz andere, die heute längst nicht mehr in der Politik sind), sondern weil sie eine gewisse Distanz zur genauen Beobachtung und Analyse der neuen Möglichkeiten nutzten. Das könnte den Parteien und auch einer Regierung durchaus von Nutzen sein, wenn es denn mit einem Bild von der Zukunft gepaart wäre. In diese Richtung aber liefert keine der Biografien Hinweise - über das unmittelbar Nötige Hinausweisendes ist nicht zu finden. Und das, obwohl Merkel mit ihrem Intellekt bestechen und nur mühsam akzeptieren will, dass sich jemand über andere Eigenschaften oder gar über Äußerlichkeiten definiert.

Langguth versucht am Ende seiner Biografie eine Art Charakterisierung in zehn Punkten - Machtwille, "ideologiefreie" Naturwissenschaftlerin und Generalistin ohne historische Fixierung, dem Vater verpflichtet, die Trennung von privat und öffentlich pflegend, geprägt von Gegenbildern zur DDR, Reglementierungen abhold, fähig zu rationaler Einsicht, bei schonungsloser Wahrnehmung der Frauenwelt, Verkörperung gesamtdeutscher Geschichte, auf dem Weg zur ersten Kanzlerin. Dieser Aufschlüsselung entspricht, mit welchen Begriffen die große Koalition, die Merkel nun leiten wird, angekündigt wurde: Vernunftehe, Lebenspartnerschaft auf Zeit, soziale Einschnitte.

Vieles an Angela Merkel ist mit ihrer Herkunft zu erklären, allerdings anders, als die Billigporträts es vorgeben. Nicht Unterdrückung ist ihre Basiserfahrung, sondern Anpassung, Adaption von Möglichkeiten, Kompromiss.

Nicole Schley: Angela Merkel - Deutschlands Zukunft ist weiblich, Knaur Taschenbuch, München 2005; 205 S., 7,95 EUR

Gerd Langguth: Angela Merkel. DTV, München 2005, 395 S., 14,50 EUR


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00:00 18.11.2005

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