Die Gewinner und die Geschlagenen

Algerien In 50 Jahren Unabhängigkeit verlor sich der Traum vom besseren Leben in einem freien Land. Geblieben ist das vordemokratische Ausbalancieren von Macht und Widerstand
Die Gewinner und die Geschlagenen
Algerische Schauspieler stellen im Musical "Hero" den Kampf gegen die französische Besatzung nach

Foto: Brendan Smialowski/AFP/Getty Images

Wie viele andere Arbeiter streikten vor dem 5. Juli, dem 50. Jahrestag der Unabhängigkeit Algeriens, auch die Tierpfleger des Zoos von Ben Aknoun. Der 1978 als grüne Lunge für die Hauptstadt angelegte Freizeitpark ist sicher einer der größten und landschaftlich schönsten Tiergärten der Welt. Die überwiegend schon seit Jahrzehnten hier beschäftigten Pfleger stammen zum großen Teil aus entfernten Gegenden, haben aber nie eine Wohnung in Algier erhalten, um ihre Familien nachzuholen. Ähnlich wie viele Erdölarbeiter, aber ohne deren hohes Gehalt, pendeln auch die Tierpfleger zwischen der Heimat und ihren wenig komfortablen Schlafbaracken im Zoo. Bis heute ist ihnen eine vor zwei Jahren erkämpfte Lohnerhöhung nicht ausgezahlt worden. Auf Chancen zur beruflichen Weiterbildung hoffen sie vergebens. Qualifiziert und gut bezahlt sind in diesem Zoo nur die Direktoren oder die Tierärzte.

Die Kluft zwischen normalen Arbeitskräften einerseits und der Technokratie andererseits ist typisch für Algerien und wird weiter typisch bleiben. Das Druckpotenzial der Tierpfleger, die Zustände zu ändern, bleibt überschaubar. Natürlich sichern sie trotz allem die Betreuung der Tiere. Aber einen Arbeitskampf zu riskieren, erscheint kaum denkbar, weil ihnen keine Gewerkschaft unter die Arme greift. Auch lässt sich kaum feststellen, ob das Management des Tiergartens selbst oder eine übergeordnete Behörde für ausbleibende Gehaltszahlungen zuständig ist. Der Zoodirektor argumentiert, ihm würden seit Jahren die Mittel gekürzt – er könne nichts machen.

Die eiserne Hand

In diesem riesigen Park, der in die Wälder der Kabylei hineinragt, versteckten sich in den neunziger Jahren Guerilla-Kämpfer der Islamischen Heilsfront FIS. Damals wagte sich kein Besucher hierher. Nachdem die Armee das Gelände gesäubert hatte, wie es hieß, kampierten im Zoo Familien, die von überall her vor den Terroristen geflohen waren. Obwohl die Besucher langsam zurückkehrten, wurde seit den Heimsuchungen von einst nichts mehr renoviert. Es ist fraglich, ob der Zoo von Ben Aknoun noch eine Zukunft hat. Das attraktive Areal könnte früher oder später Bauspekulanten zugeschanzt werden, die ein Luxusviertel errichten.

An der Geschichte dieses Parks und seiner Gehege lässt sich ablesen, wie die Utopie vom besseren Leben in einem unabhängigen Land trotz mehrfacher Anläufe gelitten hat. Als 1988 – immerhin ein Jahr vor dem Zusammenbruch des Ostblocks – Algeriens Staatssozialismus einem Mehrparteiensystem wich, drohte aus dem Land kurzzeitig ein islamistischer Gottesstaat zu werden. Erst gab es einen Militärputsch, bald darauf einen jahrelangen Bürgerkrieg, der weit über 100.000 Opfer gekostet hat und als traumatische Erfahrung im kollektiven Bewusstsein bleibt. Die Konsolidierung wurde durch einen Kompromiss zwischen Staatsmacht und Islamisten erreicht. Die meisten Gotteskrieger – wenn auch bei Weitem nicht alle – gaben die Waffen ab, nachdem man ihnen die Teilhabe am entstehenden neoliberalen Wirtschaftssystem zugesichert hatte. Erneuert wurde zugleich das seit der Staatsgründung existierende Zugeständnis, dass der Islam das Bildungswesen von der Schule bis zur Universität gestalten darf. Auch als sich Algerien sozialistisch nannte, blieb eine tiefe Kluft zwischen den Bildungsmöglichkeiten der Eliten, die ihre Kinder im Ausland studieren ließen, und einer dürftigen, autoritär gefärbten Bildung der Volksmassen, die in bigotter Enge gehalten wurde.

Intellektuelle und Vertreter der Mittelschichten, die im Bürgerkrieg für einen laizistisch-demokratischen Staat kämpften, sehen sich heute als Verlierer der vergangenen Jahrzehnte. Auch die Dorf- und Stadtteilmilizen, die wesentlichen Anteil an der militärischen Niederlage der Islamisten hatten, betrachten sich angesichts glänzender Geschäftserfolge ihrer Gegner von einst als Geschlagene. Obwohl sie bis zur Stunde unter Lebensgefahr Dienst tun, erhalten sie statt eines militärischen Solds nur dürftige Gehälter, als wären sie kleine kommunale Angestellte.

Der seit 1999 regierende Präsident Abdelaziz Bouteflika suggeriert, ein überzeugter Demokrat zu sein. Es soll der Eindruck entstehen, seiner eisernen Hand sei es zu verdanken, wenn überhaupt einige Errungenschaften der demokratischen Wende von 1988 erhalten blieben. In der Tat herrscht eine relativ weitgehende Druck- und Pressefreiheit, wodurch auch die Positionen von Regimegegnern öffentlich werden, zum Beispiel die der kabylischen Exilregierung in Frankreich. In El Watan, einer der größten Zeitungen, wurde vier Tage vor den Parlamentswahlen vom 10. Mai mit einem ganzseitigen Artikel zu deren Boykott aufgerufen. Sich bei diesem Votum zu verweigern, habe „absolute politische Priorität“, weil Bouteflika nach dem Motto „Ihr müsst ausführen, was ich beschlossen habe“ das Parlament auf eine „Registrierkammer“ reduziert habe, schrieb Ali Yahia Abdenour, der als Anwalt für die Rechte der Islamisten weltweit bekannt ist. Abdenour prophezeite für den 10. Mai, es werde Fälschungen geben. Wie bei allen Wahlen der zurückliegenden Jahre.

Es mag daran liegen, dass Algerien seit dem 11. September 2001 Verbündeter der USA im Kampf gegen den Terrorismus ist, dass Hillary Clinton danach prompt zur erfolgreichen Wahl gratulierte. Obwohl die Grüne Allianz, das Wahlbündnis der legalen islamischen Parteien, mit einem mageren Stimmanteil an dritter Stelle lag und die Ergebnisse anfocht, lobten die internationalen Wahlbeobachter – sie kamen größtenteils aus der EU – die Organisation und den ruhigen Verlauf der Abstimmung. Solchem Urteil wollte die kritische Presse im Land nicht folgen. Sie verbreitete, dass die offiziell mit 43 Prozent angegebene Wahlbeteiligung in Wirklichkeit vielleicht bei 20 Prozent gelegen habe. Ali Abdenour, der noch einmal in El Watan Position bezog, meinte dazu, es habe einen Boykott gegeben, der die Disziplin des mehrheitlich islamistischen Elektorats bewiesen habe. Diese Wähler seien den Urnen ferngeblieben, weil die zugelassenen islamischen Parteien von der Macht „instrumentalisiert, manipuliert, marginalisiert, gespalten und erniedrigt“ würden.

Farce sondergleichen

Die unter internationaler Aufsicht abgehaltene Wahl ergab 220 von 462 Sitzen für die ehemalige Einheitspartei FLN und 68 Mandate für das verbündete Rassemblement National Démocratique (RND). Doch das war wohl selbst der Nationalen Wahlkommission nicht ganz geheuer. Sie entschloss sich zu der weltweit wohl einmaligen Geste, den Parteien, die traditionell zur Opposition gehören – wie dem trotzkistischen Parti des Travailleurs (PT) und dem Front des Forces Socialistes (FFS) – zusätzliche Sitze zu verschaffen. Diese sollen die offiziell bei der Wahl errungenen Mandate „ergänzen“. Der zweite Höhepunkt der Farce bestand darin, dass nicht nur bei den Verlierern, sondern auch beim Gewinner FLN sofort der heftigste interne Richtungsstreit ausbrach. Deshalb konnte bislang keine neue Regierung gebildet werden. Offenbar haben nur die Beamten, das Militär und das obere Segment der Unternehmerschaft gewählt und damit demonstriert, dass die Macht trotz aller islamistischen Revolten und demokratischen Reformen seit 1962 fast unverändert bei ihnen liegt.

Es genügt eben nicht, dass die Zivilgesellschaft formal frei ist – so formulierte es der in Frankreich lebende renommierte Historiker Mohammed Harbi auf einem von El Watan veranstalteten Kolloquium zur Bilanz der Unabhängigkeit. Die sich seit 1988 formierende algerische Zivilgesellschaft sei durch wenig Organisationskraft der Arbeitenden und der Unterschichten geprägt, sagte Harbi. Selbst der Widerstand unabhängiger Gewerkschaften artikuliere sich eher in punktuellen Revolten als in langen Märschen durch die Institutionen.

Der „politisch-finanziellen Mafia“, die keinen Arabischen Frühling in Algerien erleben will, können so eher materielle Konzessionen abgetrotzt werden. Dieser vordemokratische Mechanismus des Ausbalancierens von Macht und Widerstand sei gefährdet – das wird sogar offiziell eingeräumt –, wenn der Weltmarktpreis für ein Barrel Erdöl unter die Marke von 110 Dollar sinkt. Dann winkt ein bedrohlicher Austeritätskurs, bei dem zuallererst die unteren Ränge der Verwaltung verschlankt werden könnten. Freilich hat das schuldenfreie Algerien so üppige Devisenreserven, dass es einige Jahre mit mageren Öleinnahmen zurechtkäme. Christine Lagarde, die Direktorin des IWF, versucht längst, das Land zur Stützung des Euro heranzuziehen.

Sabine Kebir hat zuletzt über den Staatszerfall in Mali geschrieben

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13:07 30.07.2012

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