Die Globalisierung am Hindukusch

Vormals friedliche Bilder sieht man nun anders Die freie Welt behauptet ihre Freiheit auf Kosten der unfreien

Die Spirale der Geschichte ruiniert die Zentren, indem sie sich durch die Randzonen malt. In dieser Gangart, die sich aus dem Blickpunkt einer Generation der Sinngebung entzieht, liegt der Zweifel am Fortschritt begründet.

(Heiner Müller, 1983)

Das nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Lagers postulierte Ende der Geschichte hat sich nicht als Ende, sondern Anfang einer nächsten Utopie gezeigt. Der Utopie eines Weltfriedens und einer Freiheit auf Kosten eines in Unfrieden und Unfreiheit lebenden Teils dieser Welt.

Vom Horizont kommen die Flugzeuge. Was sich mit dem Trümmerkrater an der Wallstreet ins Licht der Kameras schiebt, tritt aus dem Schatten der zurückliegenden Kriege und hat seine Konturen in der Geschichte. Die nach Abschätzung der Katastrophe ausgerufene "neue, fürchterliche Zeit", nach der "nichts mehr sein wird, wie es war", schwebt als giftgefüllte Sprechblase über uns allen. Großer Gott, steh uns bei. Gott gehört den Toten. Furcht, Triumph und Drohgebärden, das metaphysische Arsenal der Chaos- und Verschwörungstheorien, die programmierten Reaktionen, der Abgrund der Gefühle sind bei den Lebenden. Washington und New York erleben die Apokalypse, der Rest der Welt taumelt in surrealer Ekstase. Schock-Dada. Im Nahen Osten und den Landschaften der Dritten Welt ist die Apokalypse zuhause, das Echo schallt nun durch Manhattan.

Die Katastrophennachricht setzt das Regelwerk des Alltags außer Kraft. Die Phantasien des Schlimmstmöglichen relativieren die aus den Verdrängungsmechanismen "unserer" Zivilisation geborene Trostlosigkeit. Wer auf der Welt eine Kerze für die Katastrophentoten entzündet, findet sich in übergeordneten Zusammenhängen wieder. Staatsapparate besinnen sich ihres dialektischen Grundsatzes nach Hegel: der Staat braucht Feinde wie die Mühle Korn, wozu ist er sonst da. Das Feindbild wird als Negativutopie entdeckt. Das befreiende Moment der fernab und vermittelt erlebten Katastrophe wird in politisch formulierten Betroffenheitsnoten kaschiert, Rettungsanker für rückhaltlose Minister, denen Schulterklappen wachsen, Sternstunde für die Medien, für Katastrophenliebhaber ein Fest. Ein Geschenk für jeden Autor, der darüber schreibt - und auch das muss aufgeschrieben werden. Man ordnet sich ein, wird Teil des historischen Moments, der Autor wächst mit seinen Themen. Und selbst direkt Betroffenen, Getroffenen und Überlebenden erscheint der Vorgang überhöht und unwirklich.

In Wirklichkeit - eine Wortkombination, die auszusprechen kaum noch möglich scheint - ist nur deutlich geworden, was ist. Globalismus ist nicht nur die wirtschaftliche und soziale Verflechtung der Welt, vielmehr Clinch der Welten, Klassen, wo sie noch vorhanden sind, Kulturen. Das notwendige Werkzeug der Entflechtung - Dialog und ein Zukunftsentwurf, der niemanden ausschließt - rostet im Müll der gescheiterten Utopien. Insofern bietet das amerikanische Unglück die vielleicht letzte Chance zu Dialog statt Krieg. Wie es aussieht, wird sie vertan. Wer dem Terror den Krieg erklärt, erklärt ihn sich selbst, wenn er die Ursachen für Krieg und Terror ignoriert.

"Wir sind alle Amerikaner!" Was der Boulevard auf seine Titelbalken stempelt, haben die Terrorpiloten zuvor für die Mehrheit der Erdbevölkerung widerlegt. Vorläufig in den Vereinigten Staaten von Amerika statt auf ähnlich vehemente Weise in den Vereinigten Staaten Europas. Dass keine Religion soviel Gläubige besitzt wie die jüngste unter allen, der Islam, sollte nicht als Bedrohung verstanden werden. Neben den Panzern vor Deutschlands Synagogen werden wohl die Panzer vor den Moscheen auffahren, aber vermutlich wird kein höherer Politiker einen Gottesdienst dort besuchen, das könnte falsch ausgelegt werden

Die globalistische Gesellschaft eint Himmel und Hölle auf Erden, und vor dem Schritt zur Reproduzierbarkeit des Menschen, der die Wegzüchtung des definierten Bösen verspricht, bietet die Überlagerung historischer Schichten, der Technologien, der Eigentums- und Besitzverhältnisse genügend Reibefläche für das leicht entflammbare Miteinander. Zur zivilisierten Welt gehört auch Berlusconis Italien mit Polizeitruppen, die zum Sturm auf Globalismusgegner mit "Uno, due, tre - viva Pinochet / Quattro, cinque, sei - morte ai ebrei!" ansetzen. "Es lebe Pinochet" und "Tod den Juden" ist der skandierte Schlachtruf, von dem kein Medium berichtet hat, zu übersetzen. Es ist anzunehmen, dass die italienische Garde weder Chilenen noch Araber rekrutiert. Wenn in New York Verkehrsflugzeuge durch die Wolkenkratzer fegen, stoppt die Polizei auf der Prenzlauer Allee in Berlin Autos mit dunkelhäutigen Verdächtigen, verbietet in Frankfurt/Oder antiglobalistische Demonstrationen, verhaftet in Göttingen einen Schwarzfahrer wegen "Verunglimpfung des Andenkens Toter", überbieten die Medien einander in Pietätsrekorden, addieren sich Schweigeminuten, etablieren sich die Trauerkitschgemeinden.

Im Newstrailer von BBC-World werden Aufnahmen der zerbombten Vorstadt von Kabul und den Ruinen im Gazastreifen mit Bildern der trümmerübersäten Straßen New Yorks überschnitten. Das soll auf die Simultaneität der Nachrichten verweisen, aber es zeigt mehr. Erst wenn die Wallstreet auf dem erdnahen Niveau der Trümmermeilen von Kabul gelandet ist, wird in den Augen der Araber und Moslems (und nicht nur der fundamentalistischen Verrückten) Gerechtigkeit auf Erden sein. Es ist das Niveau der in Papphütten und Mülltüten hausenden Penner, eine Sehenswürdigkeit New Yorks, die nun verblasst. Armut und Elend sind nicht das Privileg Arabiens und des Islam.

Der amerikanische Mythos muss neu erzählt werden. Die schrecklichen Piloten haben sein "dramatis personae" neu verteilt. Der Selfmademan kommt aus den Arabischen Emiraten, studiert technische Wissenschaften in Deutschland, lernt fliegen in Florida und liest den Koran, der das Bilderverbot diktiert. Er lässt sich von den Verlockungen des Westens nicht betören und eines dienstags Morgen fliegt er los. Er hat die kapitalistische Lektion gelernt, sein Stamm kauft die um 50 Prozent gefallenen Aktien von American Airlines, Boeing, Continental. Die Anleitung zum Selberbauen von Molotowcocktails in Flugzeuggröße mit Pilotenschein und Taschenmesser ist in der Welt. Wie man das verhindert, ist keine Frage von Staatsgewalt, sondern von Bewusstsein, dessen utopische Ferne bei der Lektüre von Schillers Briefen Über die ästhetische Erziehung des Menschen aufscheint: "Der reine Mensch, der sich mehr oder weniger deutlich in jedem Subjekt zu erkennen gibt, wird repräsentiert durch den Staat, die objektive und gleichsam kanonische Form, in der sich die Mannigfaltigkeit der Subjekte zu vereinigen trachtet." Der reine Mensch ist weit, und die Behauptung des Reinen hat bislang mehr Blut und Opfer gefordert als ein Staat allein sie tragen könnte.

Terror ist kein Privileg der Islamisten. Im Grund, auf dem die multikulturelle Vielfalt, der Liberalismus Nordamerikas steht, stecken die Knochen der Millionen Ureinwohner, vergessener Indianerstämme, der Millionen Schwarzen, auf deren Rücken die Wirtschaftsmacht der Welt das wurde, was sie ist. Terror im Namen der Freiheit, Expansionspolitik und seit dem Kubakrieg vor hundert Jahren Außenpolitik auf dem Schlachtfeld. Dass dieses Schlachtfeld nicht mehr im Ausland liegt, zeigen die Trümmerhaufen in New York und Washington nun so gut wie die verslumten Stadteile seit langem. Die globalisierte Welt ist die Metropole, deren Vorstadt nirgendwo und deren Zentrum überall ist.

Die Welt lässt sich nicht teilen in zivilisiert und nichtzivilisiert, es sei denn, das Klassensystem der ersten, zweiten, dritten Welt wird aufrechterhalten. Der Angriff auf "die Freiheit selbst", die "gesamte freie Welt" erinnert daran, dass die freie Welt auf Kosten der unfreien ihre Freiheit behauptet. Was ist Freiheit? Was ist Macht? Macht ist dort, wo Informationen in einem global diffusen Gefüge hergestellt und ausgeteilt werden. Der wiederholte Versprecher eines Korrespondenten von der "neuen fürchterlichen Zeitrechnung" macht den Anspruch auf die Deutungshoheit deutlich. Walter Benjamin hat das Problem im zurückliegenden Jahrhundert für die kommenden benannt: "In jeder Epoche muss versucht werden, die Überlieferung von neuem dem Konformismus abzugewinnen, der im Begriff steht, sie zu überwältigen."

Im Zug der rhetorischen Mobilmachung bekommt das Wort vom Welt-Bild seinen nüchternen Klang. "Auf den ersten Blick ist New York die letzte intakte europäische Stadt, eine Jungfrau unter den Städten: keine Bombe vom Himmel hat es berührt, es hat keine Panzer gesehen." Heiner Müllers Feststellung hat die Geschichte korrigiert, die Jungfrau war eine Hure. Neunzehn Gotteskrieger haben es der Welt gezeigt. Die Freiheitsstatue trägt bei Kafka schon ein Schwert und am Heiligtum der Toleranz kleben Pech und Federn, Meere von Blut und die hunderttausend Tonnen Fleisch und Beton im Nabel der Welt. Der Name New York steht im Katalog stigmatisierter Städte, zu denen jede europäische Hauptstadt gehört. Und Coventry und Dresden, Hiroshima, Belfast, Beirut, Santiago de Chile, Algier, Jerusalem, Tel Aviv. Und einige vormals friedliche Bilder sieht man jetzt anders.

"Bevor man stirbt", sagt Müller, "sollte man New York gesehen haben, einen der großen Irrtümer der Menschheit." Die fliegenden Muslime haben sich diesen Vorsatz erfüllt. Dass die Globalisierung den letzten Muslim in den Steinwüsten am Hindukusch erfasst hat, ist gewiss.

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00:00 21.09.2001

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