Die Glocken der Marienkirche

1. September 1939 Der Kampf um die »Polnische Post« in Danzig

Am frühen Morgen des 1. September 1939 griffen deutsche Soldaten das Polnische Postamt in der Freistadt Danzig an. In einem ungleichen Kampf verteidigten sich die Mitarbeiter der Post stolze 14 Stunden lang ... Heute erinnern an dieses Ereignis das Museum für Post und Fernmeldewesen und ein interessantes Denkmal aus dem Jahre 1979, bestehend aus einem Monument nach Entwürfen von Wincenty Kucma und einem Epitaph nach Plänen von Maria und Zygfryd Korpalski. Es zeigt einen verwundeten Postbeamten über verstreuten Postsendungen; er reicht der Siegesgöttin Nike ein Maschinengewehr ...«

Den Verfassern des Reiseführers Danzig Ostpommern (Dorling Kinderley Verlag, Starnberg 2000) unterlaufen sowohl bei der Grobskizze der Ereignisse vom 1. September 1939 wie auch der Beschreibung des Denkmals für die Postverteidiger zwei aufschlussreiche Fehler. Ein erster Angriff in den frühen Morgenstunden des 1. September 1939 auf die Polnische Post ging nicht von »deutschen Soldaten«, sondern Angehörigen des Polizeikorps Danzig aus. Für den Fortgang der Ereignisse - besonders den Prozess gegen die Postverteidiger vor einem deutschen Kriegsgericht - sollte das nicht unerheblich sein. Schließlich reicht der »verwundete Postbeamte« der Siegesgöttin kein Maschinengewehr. Auch der militärisch weniger bewanderte Betrachter des Monuments stellt mühelos fest, dass es sich um einen schlichten Karabiner handelt.

Abschied I

Danzig am 31. August 1939, Leonard Wizsniewski (*) verlässt bereits gegen fünf Uhr morgens seine Familie in der Weidengasse 15. Im Treppenhaus ist noch still um diese Zeit, nur eine magere Katze beobachtet ihn misstrauisch, es riecht nach faulenden Abfällen, alten Möbeln und Urin. Auf dem Treppenabsatz vor Wizsniewskis Wohnung verfällt auf drei Rädern stehend der alte Kinderwagen, der einmal für den jetzt fünfjährigen Sohn Marek erstanden wurde. Ein Umzug in den Danziger Stadtteil Langfuhr, die bessere Gegend im Norden, davon hat Wizsniewski immer geträumt, aber ein solcher Ortswechsel ist für einen Angestellten der Polnischen Post im Spätsommer 1939 abwegiger denn je. Das gutbürgerliche Langfuhr wird nahezu ausschließlich von Deutschen bewohnt, die Heim-ins-Reich-Hysterie im Freistaat mit seiner gewaltigen Backsteingotik kocht gerade über. Gauleiter Albert Forster ist vor einer Woche auf dem Berghof zum »Staatsoberhaupt« ernannt worden. »Adolf Hitler ist unser Führer. Seine Befehle sind uns seit Jahren genauso heilig, wie den 80 Millionen im Großdeutschen Reich«, steht am 23. August im »Danziger Vorboten«. Gewitterschwüle Morgenluft schlägt Wizsniewski auf der Weidengasse entgegen, nur ein paar Minuten zu Fuß sind es bis zum Heveliusplatz - dort steht die Polnische Post.

Der Versailler Vertrag von 1919 hat der ehemaligen Hauptstadt der Provinz Westpreußen seit 1920 den Status eines »Freistaates« verliehen, beschirmt vom Patronat des Völkerbundes, der seine Verantwortung durch einen Hohen Kommissar wahrnehmen lässt. Als der polnische Staat 1918 eine Wiederauferstehung erlebt, soll die »Internationalisierung« Danzigs einen Zugang zur Ostsee garantieren, aber auch den wirtschaftlichen Stoffwechsel mit dem polnischen Umland fördern. Erscheint schon diese Vorstellung angesichts einer zu 95 Prozent deutschen Bevölkerung konfliktträchtig, ist es die Regelung, Ostpreußen nur noch über einen »Polnische Korridor« mit dem Deutschen Reich zu verbinden, erst recht. Die »Heim ins Reich«-Parole grassiert flächendeckend lange bevor sie Hitlers Statthalter Albert Forster bei jeder sich bietenden Gelegenheit in der Langgasse oder der Waldoper von Sopot zu intonieren pflegt.

Die 18 »polnischen Einrichtungen« Danzigs reichen nach 1920 von einem Generalkonsulat, über ein Polytechnikum, die Eisenbahnverwaltung, die Polnische Post am Heveliusplatz bis zu einem Munitionsdepot nebst Stützpunkt auf der Halbinsel Westerplatte in der Weichselmündung. Der Post ist die Rechtshoheit über den Postverkehr zwischen der Stadt und dem polnischen Staat übertragen, doch gilt sie nicht als exterritoriales Gelände (einer diplomatischen Mission vergleichbar) - Schutz verspricht allein die Präsenz des Hohen Kommissars in Danzig.

An diesem 31. August 1939, da Leonard Wizsniewski seinen Arbeitsplatz entgegen trabt, ist das noch für 24 Stunden der Schweizer Carl Jacob Burckhardt, dem Gauleiter Forster gerade ausrichten lässt, aus »Sicherheitsgründen« sei es angeraten, der Stadt möglichst schnell den Rücken zu kehren. Mit dem Auszug des Hohen Kommissars kapituliert der Völkerbund noch vor dem ersten Schuss. Für Polen trifft zu, was Außenminister Jozef Beck in seiner letzten Rede vor dem Sejm in Warschau ausspricht: Wir werden allein kämpfen und allein sterben. Auch für die Polnische Post in Danzig wird diese Prophezeiung von tragischer Konsequenz sein. Anfang April 1939 hat sich dort Konrad Guderski aus Warschau als »Inspektor für den Paketdienst« vorgestellt - doch soll der Armeehauptmann keinen Schalterdienst verrichten, sondern die Verteidigung des Gebäudes im Falle eines deutschen Angriffs vorbereiten. Konrad lässt im Keller Waffen und Munition einlagern (vorzugsweise Maschinengewehre und Granaten, kaum Karabiner - hier »irrt« das Denkmal und der Reiseführer korrigiert es gewissermaßen), den bereits zugemauerten Durchgang zum benachbarten Polizeirevier mit Holzbohlen verbarrikadieren und jüngere Beamte aus dem benachbarten, polnischen Gdingen das Personal verstärken. Über seine militärischen Instruktionen informiert Guderski zunächst nur Postdirektor Jan Michón: Sollten die Deutschen versuchen, das Gebäude einzunehmen, muss es unter allen Umständen gehalten werden, bis Entsatz eintrifft - Entsatz durch die 1. Armee von General Bortnowski, der im Süden von Danzig steht. Am 30. August 1939 allerdings ist diese Planung nur noch Makulatur. Mit einer Generalmobilmachung hat sich die Regierung in Warschau zu der Gewissheit durchgerungen, dass die deutsche Bedrohung nicht nur auf Danzig und den »polnischen Korridor« zielt, sondern dem ganzen Land gilt. Folglich wird die Pomerellen-Armee umgruppiert, der Marschbefehl nach Danzig kassiert. Am Heveliusplatz erfährt man davon nichts mehr. Noch bevor das erste deutsche Geschütz auf die Polnische Post feuert, wird der erbitterte Kampf um das Gebäude nicht nur in den Rang eines lokalen Scharmützels zurückgestuft - er ist für die Verteidiger schon jetzt aussichtslos.

Angriff

Leonard Wizsniewski kann die Post nach Dienstschluss nicht verlassen, Direktor Michón hat Bereitschaft für die gesamte Tagesschicht verfügt, Waffen werden ausgegeben, Wizsniewski sitzt hinter einem leichten Maschinengewehr im ersten Stock. Längst ist alles in ihm zusammengestürzt, er hätte sich von seiner Frau und den beiden Söhnen noch einmal verabschieden sollen, nun ist es zu spät, das Leben aus der Verankerung gerissen. Der Heveliusplatz treibt davon wie ein Floß im Sturzbach, kein Halten in Sicht. Seit 3.30 Uhr an diesem 1. September 1939 sind sämtliche Verbindungen mit Warschau gekappt, die Telefone schweigen, auch Strom gibt es nicht mehr. Von draußen werden der Festung die Zugbrücken hochgezogen. Wizsniewskis Fingerknöchel sind weiß, als er seine Hände um die beiden Haltegriffe des Maschinengewehrs legt. Freies Schussfeld und gute Sicht, sobald der Morgen graut.

Kurz nach fünf Uhr krachen die ersten Salven. Zwei Stoßtrupps der Danziger Schutzpolizei gehen vor, das Postgebäude soll von seinem rechten Seitenflügel her aufgerollt werden. Heftiges MG-Feuer schlägt den Angreifern entgegen. Die Polizisten sind überrascht von der Wucht der polnischen Abwehr. Dieses erste Gefecht dauert nur einige Minuten, dann zieht sich das Kommando wieder zurück, zwei der Angreifer sind tödlich getroffen, es gibt außerdem fünf Schwerverletzte. Der Polizeiabteilung wird klar, dass ein Sturmangriff nur unter erheblichen Opfern zur Einnahme des Gebäudes führen kann. Erst jetzt wird damit begonnen, die Häuser rings um den Heveliusplatz, in der Rittergasse und am Altstädter Graben zu evakuieren. Dazu kann eine Kampfpause genutzt werden, in der den Postverteidigern über einen Lautsprecherwagen mitgeteilt wird, sie hätten sich bis spätestens neun Uhr zu ergeben, ansonsten werde Artillerie eingesetzt.

Zeitgleich übernimmt die »Gruppe General Eberhardt« aus der 3. Armee die Leitung der Operation. Eine Zäsur im Kampf um die Post, denn mit dem folgenden Einsatz von Wehrmacht und SS-Heimwehr wird nach der späteren Lesart eines deutschen Kriegsgerichts der Widerstand der Postler zur »Partisanenaktion gegen reguläre Truppen«. Kurz nach 9.00 Uhr beginnen zwei Feldhaubitzen, auf das Portal der Post zu feuern - eine mächtige Rauchsäule steigt empor. Wieder wird ein Ultimatum gestellt, wieder verstreicht es, wieder tritt eine Kampfpause ein, diesmal zwischen elf und zwölf Uhr mittags. Sie endet, nachdem das Glockengeläut der Marienkirche über den Platz gezogen ist. Ein weiterer Sturmangriff bleibt erneut stecken. Noch einmal Trommelfeuer kurz nach 17 Uhr. Die drinnen können sich nur noch im dritten Stock des Gebäudes halten und liegen in Deckung, als ein Tankwagen heranfährt, blitzschnell Benzin in die Kellerräume der Post pumpt, die sofort in Brand geschossen werden.

Abschied II

Wizsniewski hat auf der Flucht in den dritten Stock den toten Hauptmann Guderski vor dem Paketraum liegen sehen, er hastet die Treppe hinauf, an der Wand Deckung suchend, längst sind auch die Wasserleitungen zerschossen, die Füße streicheln Briefmatsch auf gefliestem Korridorboden, Briefmatsch überall, Papierschlamm, Lebensschleim, darin können ja Ratten ersaufen, nur jetzt noch nicht untergehen, nicht vor aller Augen auf der Weidengasse untergehen, mit dem Tod fremd gehen. Wizsniewski hört seine eigene Stimme, ein dünnes klagendes Wimmern, die Post halten, bis Entsatz kommt, bis Bortnowski kommt, der General kommt und alles niederwalzt. So heiß und schön war ein Danziger Spätsommer nie. Eine Feuerwand schießt im Treppenhaus empor, zerreißt die Luft, so glühend heiß war ein Danziger Spätsommer nie...

Durch die Benzinexplosion in der Post sterben acht Menschen, die Überlebenden kapitulieren und verlassen mit erhobenen Händen das Gebäude, angeführt von Direktor Michón, der ein weißes Taschentuch über den Kopf hält und von der SS-Heimwehr im Posthof sofort erschossen wird. Die anderen Postverteidiger kommen in die Danziger Viktoria-Schule - seit 24 Stunden Sammellager der Gestapo für verhaftete Polen - oder werden, sofern sie verwundet sind, in ein Militärlazarett eingeliefert. Bereits eine Woche später, am 8. September 1939, stehen 28 Postler vor dem Feldkriegsgericht der 3. Armee, die restlichen zehn noch nicht verhandlungsfähig. Gegen 20.00 Uhr, nach kurzer Verhandlung, verhängt Kriegsgerichtsrat Kurt Bode 28mal die Todesstrafe. Der Heveliusplatz habe - so die Begründung - wie die gesamte Stadt Danzig am 1. September im Operationsgebiet der 3. Armee gelegen, Widerstand paramilitärischer Formationen erfülle daher den Tatbestand der »Freischärlerei« und verlange die Höchststrafe. Dass es nie eine offizielle Kriegserklärung des Deutschen Reiches an den polnischen Staat gab, wird nicht erwähnt. Der zweite Prozess gegen die restlichen zehn Postverteidiger endet am 29. September 1939 mit dem gleichen Urteil. Die Erschießung durch ein Exekutionskommando der Wehrmacht findet am Morgen des 5. Oktober 1939 in der Nähe des Friedhofs von Saspe statt, im Norden von Langfuhr. Leonard Wizsniewski ist nicht unter den Hingerichteten, er war in der Post verbrannt.

(*) Name geändert.

00:00 31.08.2001

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