Die Glotze als letzte Instanz

Frankreichs überregionale Presse wankt Das Theorem von Emile de Girardin ist außer Kraft

Um 1830, vor der industriellen Revolution mithin, erschienen in Paris 18 Tageszeitungen. Ungefähr gleich viel sind 2005 übrig geblieben, dazwischen aber gab es gegen Ende des 19. Jahrhunderts einige Dutzend Blätter, 80 waren es gar in den Jahren nach der Befreiung Frankreichs und dem Ende des Zweiten Weltkrieges.

Im Jahr 1836 hatte Emile de Girardin die Formel für eine moderne industrielle Presse geprägt, die bald 150 Jahre Bestand haben sollte: Er senkte den Verkaufspreis seines Blattes La Presse gegenüber der Konkurrenz um die Hälfte, weil er davon ausging, auf diese Weise mehr Käufer und Leser gewinnen zu können, was wiederum höhere Anzeigeneinnahmen brachte, mit denen ein Teil der Produktionskosten gedeckt werden konnte. Als 30 Jahre später die Nachrichtenübermittlung durch Telegrafen sowie die Technik des Rotationsdrucks dazu kamen, konnte die Tagespresse praktisch ein Nachrichten- und Unterhaltungsmonopol beanspruchen. Nach 1880 erreichten in Paris immerhin vier Tageszeitungen eine Millionenauflage.

Doch sollte dieses Monopol nur wenige Jahrzehnte erhalten bleiben. Schon Ende der zwanziger Jahre begann sich der Hörfunk als Konkurrenzmedium zu etablieren, mit den sechziger Jahren trat des Fernsehen seinen Siegeszug an, mit den Neunzigern folgten das Internet und die Gratis-Zeitungen, mit denen Girardins Modell quasi radikal zu Ende gedacht - mehr noch: das einmal gefundene Zeitungsgerüst in jede Sprache und jedes Land übertragen wird. Die Formate 20 Minuten oder metropol gibt es unterdessen beinahe überall in Europa.

Finanzspritzen und Facelifting

Das einstige Monopol der Tagespresse musste einer Informations-, vor allem Reizüberflutung durch unterschiedlichste Medien weichen (das Schlagwort von der "Informationsgesellschaft", das die EU-Kommission so gern benutzt, entbehrt nicht des Zynismus). Und die Zeitungsökonomie hat sich - nicht zuletzt wegen schwindender Anzeigeneinnahmen - in einen permanenten Abwehrkampf verkehrt. In Frankreich leiden darunter besonders die drei großen nationalen Titel: der konservative, dem derzeitigen Regierungslager nahe stehende Le Figaro, die linksliberale, noch von Jean-Paul Sartre mitbegründete Libération und die linksbürgerliche, klassisch aufgemachte Le Monde. Im Unterschied zu deutschen überregionalen Zeitungen erscheinen die großen Drei im zentralistischen Frankreich nicht mit diversen Regional- und Lokalausgaben, sondern einzig und allein als nationale, in Paris produzierte Blätter, die draußen im Land als Mitteilungen aus dem Zentrum wahrgenommen werden. Schon deshalb liegen die Auflagen unter den Standards vergleichbarer deutscher, britischer oder gar japanischer Titel - Libération beispielsweise verbucht bescheiden anmutende 130.000 Exemplare pro Ausgabe.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, das Boulevardblatt France Soir wie auch die kommunistische Humanité besitzen aus unterschiedlichen Gründen schon seit Jahren keine wirklich nationale Ausstrahlung mehr. Im Bistro nebenan sieht man sie wegen des fehlenden lokalen Bezugs vergleichsweise selten, dort liest man Le Parisien, ein gehobenes, auf die Hauptstadt fixiertes Boulevardblatt, während die drei Großen von der bildungsbürgerlichen Elite bevorzugt werden.

Die Folgen dieser Enticklung waren und sind dramatisch. Le Figaro, der im Jahr 2004 von dem Industriellen Serge Dassault (Waffen und Raumfahrt) gekauft wurde, geht es noch am besten: Das Blatt bestreitet immerhin noch ungefähr 60 Prozent seiner Einnahmen aus der Werbung, bei Le Monde hingegen hat sich der vergleichbare Wert bei mageren 35 Prozent eingepegelt (gegenüber 40 bis 50 Prozent Anfang der achtziger Jahre), bei Libération liegt die Quote noch darunter, der Zeitung gelingt es im Augenblick nicht, ökonomisch gewichtige Anzeigen überhaupt noch in nennenswertem Umfang zu akquirieren.

Le Monde, die als eine der ganz wenigen Zeitungen weltweit in der Hauptsache ihren Journalisten gehört, benötigte in diesem Jahr frisches Kapital in Höhe von 50 Millionen Euro und wechselte den Redaktionsdirektor aus, der nach deutschen Gepflogenheiten mit dem Chefredakteur vergleichbar ist und als die Nr. 2 nach dem Herausgeber gilt. Bei Libération hat sich im gleichen Zeitraum Edouard de Rothschild aus der gleichnamigen Bankiersfamilie mit 20 Millionen Euro als Gesellschafter eingekauft und will nun 50 der 350 Redaktionsstellen streichen lassen, woraufhin die Journalisten erstmals in der mehr als dreißigjährigen Geschichte der Zeitung in einen dreitägigen Streik traten.

Alle drei Blätter haben neben der finanziellen Nachrüstung - ähnlich wie andere große europäische Zeitungen - neue Einnahmequellen erschlossen, sind auf branchenfremdem Terrain unterwegs und verscherbeln mit ihren Wochenendausgaben wohlfeil Bücher, CDs und DVDs. Beim Figaro gibt es zudem eine Enzyklopädie, Le Monde kooperiert mit dem deutschen Kunstbuchverlag Taschen in Köln und verkauft billige Kunstbände sowie Filme auf DVD. Gleichfalls haben die großen Drei ein oder mehrere "Faceliftings" überstehen müssen: Libération schon vor geraumer Zeit, Le Figaro Anfang Oktober, Le Monde Anfang November 2005. Das Resultat einer solchen Inventur läuft allenthalben auf einen größeren Durchschuss hinaus, eine größere Schrift, also weniger Buchstaben und Zeilen auf einer Seite, mehr farbige Fotos, mehr grafische Symbole. Keine Kampfansagen mehr an das legasthenische Zeitalter, sondern "leserfreundliche Auftritte". Was das bedeutet, ist bekannt: Hin zum stehenden Fernsehbild - die Glotze als letzte Instanz. Von den Sehgewohnheiten hängen letztlich - so glauben die Zeitungsmacher - auch die Lesegewohnheiten ihrer doch eher gebildeten und vergleichsweise elitären Leserschaft ab. Wollte der Autor von sich auf die übrigen Leser schließen, müsste er anfügen: Wenn sie sich da nur nicht täuschen.

"Le Monde 2" und Lifestyle

Allein Le Monde hat auch inhaltlich aufgerüstet. Seit über einem Jahr gibt es am Samstag (in Paris und der Pariser Region am Freitagnachmittag eine Mittagszeitung, was die Trennung zwischen Kapitale und Provinz akzentuiert) als Supplement zur Zeitung das Magazin Le Monde 2 für zusammen zwei Euro fünfzig mit leidlich reizvollen Reportagen, substanziellen historischen Retrospektiven, billig bezogen aus dem eigenen Archiv zu Themen wie Indochina oder Erster Weltkrieg. Das Menü komplettieren - intelligent angereichert - Lifestyle und entsprechende Anzeigen. Der Figaro hatte schon immer sein eigenes Magazin, das allerdings Paris Match sehr viel ähnlicher sieht als die Zugabe von Le Monde. Aber schließlich unterscheiden sich die Leser von Le Figaro und Le Monde nach wie vor sozial, weltanschaulich und politisch klar voneinander. Der Schreiber erinnert sich im Übrigen gern des Tages, als er nach dem Umzug in ein bürgerliches Wohnquartier für Le Monde 1,20 Euro bezahlt hatte, den Preis des Figaro - während das edle Blatt seinen Kunden nun 20 Cent mehr abverlangt.


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00:00 16.12.2005

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