Die Goldgrube ist erst einmal ausgeräumt

HANDY-FLAUTE UND UMTS-FLOP Wird das mobile Internet den nächsten großen Gewinnschub bringen und eine Branche aus der Depression holen?

Jetzt zittert die Telekom-Branche, und die Mobilfunk-Ausrüster haben den Blues, denn ihre Aktien sind gegenüber dem Jahreshoch drastisch gefallen. Entsprechend erschöpft hat sich die Ressource, über Aktien-Emissionen ständig neues Geld zu bekommen. Wegen ihrer riesigen Verschuldung wird es so für viele Mobilfunk-Firmen immer schwieriger und vor allem immer teurer, Kredit zu erhalten. Gewaltige Kapitalsummen sind in den vergangenen Jahren in den Mobilfunk geflossen, und es gibt keine Anzeichen, dass die Investoren ihr Geld wiedersehen, geschweige denn auf eine ordentliche Rendite hoffen dürfen.

Andererseits braucht die Branche dringend weiteres Kapital für die teuren Lizenzen und den Ausbau der Mobilfunk-Netze nach dem künftigen UMTS-Standard. 260 Milliarden Dollar müssen die europäischen Marktführer dafür in naher Zukunft aufbringen. Vor einer Gewinnschwelle wird man allerdings erst in fünf bis sieben Jahren stehen - nach anderen Prognosen noch später.

Der GSM-Mobilfunkstandard und seine Weiterentwicklung zum UMTS-Standard, der künftig per Handy eine ständige schnelle Internet-Verbindung bieten soll, galten bislang als das europäische Technologie-Vorzeigeprojekt und riesiger Vorteil gegenüber US-Wettbewerbern, die durch konkurrierende, inkompatible Standards bis heute im Hintertreffen sind. Nicht zufällig sind die Größen des europäischen Mobilfunks - die Telekom mit Voicestream und Vodafone mit Verizon Wireless - in den USA auf Einkaufstour und nicht umgekehrt. Aber die Anzeichen häufen sich unübersehbar, dass der Mobilfunkboom zunächst vorbei ist. Um so mehr wird die Erwartung nicht aufgegeben, mit dem mobilen Internet eine Neuauflage der GSM-Erfolgsstory zu erleben. Die Frage ist allerdings, ob die UMTS-Investitionen sich jemals rentieren. Was ein mobiler Internet-Zugang per UMTS die Kunden letztlich kostet, ist noch völlig offen.

Lizenz zum Gelddrucken eingebüßt

Die Turbulenzen um den Zukunftsmarkt mobiles Internet begannen mit WAP (Wireless Access Protocol). Der WAP-Service - als Zwischenschritt auf dem Weg zum UMTS-Standard definiert - sollte vor einem Jahr Appetit auf das mobile Internet machen, doch ein Jahr nach seiner Geburt erweist sich WAP als Flop. Anfangs gab es kaum WAP-fähige Handies. Seit es sie gibt, hält das Gemenge aus niedriger Übertragungsrate, primitiven Applikationen und hohen Gebühren den Andrang auf WAP in Grenzen. Bislang gibt es knapp zwei Millionen WAP-Surfer in Europa - 20 Prozent der noch im Vorjahr prognostizierten Kunden.

Um nun aber die gigantischen UMTS-Investitionen auch nur teilweise wieder einzuspielen, verlangen die Telekom-Konzerne jetzt auch von ihren Lieferanten - von Nortel über Alcatel, Nokia, Ericsson bis zu Siemens - sich an den enormen Kosten der neuen UMTS-Infrastruktur zu beteiligen. Jüngstes Beispiel: Ericssonbekam einen Milliardenauftrag von Mobilcom und musste diesem im Gegenzug einen Kredit in noch größerer Höhe einräumen.

Wie auch immer, die Zeichen der Marktsättigung sind untrüglich: Ende 2000 waren knapp 50 Millionen Deutsche Mobilfunk-Kunden, ein Jahr zuvor lag diese Zahl erst bei 23 Millionen. Die Verdopplung binnen Jahresfrist kam vor allem durch Geräte inklusive Prepaid-Karte für unter 100 Mark zustande. Damit wurde das Handy endgültig zum Massenprodukt, auch und vor allem für Schulkinder und Großeltern. Die Marktsättigung steht bevor, und die Mobilfunk-Betreiber D1 und D2 stecken durch die subventionierten Handys in den roten Zahlen, denn die Klientel ist geprägt von Wenig-Telefonierern, die Durchschnittsumsätze pro Mobilfunk-Kunde sinken überall in Europa. Deshalb hat die britische D1-Mobilfunktochter One2One Lockangebote mit gestützten Handys für kaum 100 Mark gestoppt, die in der Herstellung ab 300 Mark aufwärts kosten. D1, D2 und Viag Interkom planen analoge Schritte für den deutschen Markt.

Gleichzeitig stehen auch die Handy-Hersteller mit dem Rücken zur Wand: der Markt ist gesättigt, die Kosten für die Entwicklung der nächsten Handy-Generation expandieren. Seit 1999 wollten Siemens, Philips und Alcatel unbedingt in einem Markt mitmischen, der bislang von Nokia, Ericsson und Motorola dominiert war. Zunächst gelangen Siemens auch dreistellige Millionengewinne im Handy-Geschäft, inzwischen aber liegen die Verluste des Unternehmens in eben dieser Höhe - das gleiche Bild bieten Ericsson, Philips und Alcatel.

Derzeit verdient nur Nokia mit einem Marktanteil von weltweit 31 Prozent (die Gewinnmarge liegt bei stolzen 20 Prozent). Gerade hat der Konzern angekündigt, durch aggressive Preissenkungen das beherrschte Marktsegment auf 40 Prozent auszudehnen. Schließlich gibt es neue Konkurrenz aus Japan und von Computerherstellern wie Compaq, HP oder Apple, die auf den gleichen Markt drängen - nicht mit Handys, aber mobilen Rechner-Zwergen, mit denen man auch telefonieren kann.

In der Folge dieses Trends dürfte es demnächst weltweit neben Nokia nur noch eine Handvoll Handy-Hersteller geben - darunter wahrscheinlich Motorola (derzeit 15 Prozent Marktanteil), das Joint Venture von Ericsson und Sony (10 Prozent), Matsushita (8 Prozent), Siemens (7 Prozent) und Samsung (5 Prozent). Während europäische Hersteller das Feld räumen, drängen zudem die japanischen Hersteller wie Sony und Matsushita/Panasonic nach, die immerhin Erfahrung mit der Produktion von Internet-fähigen Handys und vor allem mit Konsumelektronik haben. Sie wollen die ersten Produkte noch vor Nokia auf den Markt bringen. Es fragt sich nur, ob das mobile Internet den nächsten großen Profitschub bringt.

Das "überall Online"-Versprechen

Es gibt bislang kaum Anhaltspunkte, das Internet per Handy oder Palmtop könnte schnell zum großen Geschäft werden, allein schon die Kosten (derzeit liegt der WAP-Standard bei 15 bis 40 Pfennig pro Minute) dürften um ein Vielfaches höher sein als bei der Internet-Nutzung per stationärem PC. Gleichzeitig muss man (noch) unzumutbare technische Restriktionen wie einen minutenlangen Seitenaufbau und eine komplizierte Bedienung in Kauf nehmen. Auf der Cebit 2001 dauerte es bei einer Präsentation zehn Minuten, bis eine kleine Mail samt Excel- Tabelle aus dem Internet auf dem Handy-Display erschien. Die Übertragung funktionierte nach dem GPRS-Verfahren, das immerhin erheblich schneller ist als der WAP-Standard. Ob künftig der UMTS-Standard technische Wunder in Gestalt schneller Datenübertragung und hoher Bandbreiten erbringt, wird allgemein bezweifelt.

Ohnehin scheint das Potenzial zahlungskräftiger Nutzer für teure Dienste per UMTS-Handy wie Bank- und Börsengeschäfte, Reisebuchungen und Reisenavigation begrenzt. Wie ein Nokia-Manager ernüchtert feststellte: "Die meisten Menschen mit viel Zeit haben meistens kein Geld und umgekehrt." Nach dem Erfahrungen der japanischen Mobilfunkgesellschaft NTT DoCoMo, die schon seit 1999 per Handy ständigen schnellen Zugang zum Internet bietet, nutzen die 18 Millionen Kunden den Dienst vor allem, um Horoskope, Spiele und Bildschirmmotive für Handys herunterzuladen. Schließlich steckt die Mobilfunk-Branche samt Ausrüstern in der Falle, weil durch die Riesensummen für die UMTS-Lizenzen und noch einmal dieselben Kosten für den Netzausbau frisches Kapital fehlt, um mit dem nötigen Tempo inhaltliche Angebote zu entwickeln, mit denen die UMTS-Technologie attraktiv wird. Es fehlt zudem Geld für gezielte Preissubventionen, damit wie beim Siegeszug des Mobilfunks ad hoc ein Massenmarkt entsteht. Und es fehlt Geld für den schnellen Netzausbau, damit das Versprechen von "überall Online" Realität wird.

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00:00 25.05.2001

Ausgabe 42/2021

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