Die Götter müssen entrückt sein

Jünger der Oberfläche Ein Werbefotograf entdeckt seinen Blick fürs Übersinnliche

Manche Dinge sind einfach höher als jede Vernunft. Und irgendwo zwischen Himmel und Erde schwebend, sind sie zudem schwer ins Bild zu setzen. Mit Mitteln klassischer Dokumentar- oder Porträtfotografie jedenfalls ist ihnen zumeist nicht beizukommen. Der Hamburger Werbefotograf Ralf Tooten hat sich davon nicht Bange machen lassen. In seinem gerade erschienenem Fotobuch Augen der Weisheit hat er versucht, das Spirituelle Gesicht der Religionen - so der Untertitel - vor den Auslöser seiner Kamera zu bekommen.

Ketzerischer geht´s kaum noch. Denn in einem sind sich zumindest die drei großen Schriftreligionen einig: Das Bildermachen gehört verboten. Vom Judentum über das Christentum bis zum Islam - überall gilt die Order: "Du sollst dir kein Bildnis machen". Dem Kern der Religionen also mit dem Fotoapparat beikommen zu wollen, ist, wenn schon nicht halsbrecherisch, so doch ein äußerst irdisches Verlangen.

Ralf Tooten, der bei Clemens Hartzenbusch eine Ausbildung zum Architektur-Fotografen bekommen und sein erstes Honorar als Standfotograf für Volker Schlöndorff und Margarethe von Trotta verdient hat, ist über solche Zweifel in jeder Hinsicht erhaben. Auf gut 100 Fotografien hat er die führenden Köpfe von Weltreligionen und spirituellen Splittergruppen in Pose gesetzt. Von Papst Johannes Paul II. bis zum Dalai Lama. Die Reihung der Porträtierten ist dabei ebenso zufällig wie ihre religiöse Stellung. Neben intellektuellen Köpfen wie der Hamburger Theologin Dorothe Sölle oder dem Islamwissenschaftler Nasr Hamid Abu Zaid finden sich so schillernde Gestalten wie der selbst ernannte Schweizer Yogi Shin Shiva Svayambhu oder der New Yorker Bernard Roshi, der die Welt mit sogenanntem "Street-Zen" zu beglücken sucht.

Gemein ist den von Tooten Fotografierten zunächst nur, dass sie alle ein irgendwie gottgefälliges Leben zu führen vorgeben. Doch Tooten geht es nicht um die Darstellung ihrer charakteristischen Kulte und Riten, sondern einzig um die Menschen und ihre verschiedensten Bekenntnisse. Dialog der Religionen heißt für den Fotografen da zunächst Gleichmacherei. Egal ob der 109jährige chinesische Tao-Meister oder der nepalesische Knaben-Priester: Fast alle werden von Ralf Tooten aus leichter Unteransicht und auf äußerst grobkörnigem Fotopapier festgehalten. Schließlich wusste schon Walter Benjamin, dass einzig im Antlitz eines Menschen der einst so wichtige Kultwert der Bilder überleben kann.

Hier aber beginnt bereits das Dilemma. Denn der Fotograf - von Berufs wegen unfähig, das Wesen der Dinge ins Visier zu bekommen - dreht den Weg der Erleuchtung schlichtweg um. Umschrieb der Mystiker Meister Eckehart die Erkenntnis des Göttlichen etwa noch mit den Worten: "Gott wirkt ohne Mittel und ohne Bild, und je mehr du ohne Bild bist, um so empfänglicher bist du für sein Einwirken", so bleibt im Zeitalter der technischen Bilder nur die Rolle Rückwärts: Mache möglichst viele Bilder und untersuche sie auf ihre metaphysischen Spurenelemente hin.

Unter diesen Voraussetzungen scheint es, als wäre das Medienzeitalter alles andere als gottgefällig. Denn auch Tooten kann nicht mehr sein als ein Jünger der Oberfläche. Liebevoll schält er die Gesichter aus jeglichen lokalen und kulturellen Zusammenhängen, atomisiert und kartographiert sie - doch Transzendentes sucht man in den Gesichtsfalten und Grübchen der Frömmelnden und Erleuchteten meistens vergebens. Die Erkenntnis hätte es mehr gefördert, wenn der Fotograf sich schlicht an die Erfahrungen des Apostels Paulus gehalten hätte, nach der man erst blind werden muss, um Gott zu sehen. Ein Fotobuch jedenfalls scheint ein äußerst ungünstigster Ort für ein Damaskuserlebnis zu sein.

Dabei ergibt die Reserviertheit vieler Religionen und philosophischer Strömungen gegenüber den Bildern durchaus einen Sinn. Von den jüdischen Propheten bis hin zur hellenistischen Philosophie hat man die bildliche Reproduktion der Welt immer wieder als heidnische Flausen abgelehnt. Besonders Platons Höhlengleichnis ist ein energisches Pamphlet gegen falsche Idolatrie und eine Warnung vor den unzähligen Fallstricken der Erkenntnis. Bilder, so die Lektion des Philosophen, haben die schlechte Angewohnheit, dass sie sich zwischen dem Betrachter und der Welt schieben können. Dienen sie zunächst nur der Erklärung der Wirklichkeit, so dauert es nicht lange, und sie werden zur Wahrheit selbst. Aus Wegweisern werden so am Ende gar Hindernisse und Sichtblenden.

Dieser Warnruf hallt noch bis in die moderne Medienkritik hinein. So eröffnet etwa die New Yorker Essayistin Susan Sontag ihre berühmten Betrachtungen über die Fotografie mit den Worten: "Noch nicht zu höherer Erkenntnis gelangt, hält die Menschheit sich noch immer in Platons Höhle auf und ergötzt sich - nach uralter Gewohnheit - an bloßen Abbildern der Wahrheit".

Nicht anders Ralf Tooten. In seinem verständlichen Wunsch, die Religionen einander näher zu bringen, schafft er es lediglich, ihre oberflächliche Optik ein wenig anzugleichen. Sein Umgang mit der Gottesfrage bleibt letztlich immer der eines Werbefotografen. Und für den ist Bildbearbeitung bekanntlich schon Weltveränderung. Der Mann, der normalerweise unsere Vorstellung von Kaffeemarken und Telefonanbietern in Szene setzt, stößt bei Gott halt an Grenzen. Mit Pop- und PR-Ratgebern im Gepäck erinnert seine dreijährige Fotoreise zu den bekanntesten Religionsköpfen irgendwie an die 70-minütige Erdumrundung Gagarins. Der gab später bekanntlich etwas treuherzig zu Protokoll, dass er Gott im Weltraum nicht gesehen habe.

Zugegeben: Das befreiende Lächeln, dass viele der Abgebildeten in Tootens Buch präsentieren, ist bestechend. Mehr als Werbung in eigener Sache aber können die Menschen auf den hart gezeichneten Fotografien nicht bieten. Auch wenn man bei der schroffen Körnung manchmal das Gefühl bekommt, Raum und Zeit würden sich auflösen, um die Sicht freizulegen für eine Welt hinter den Dingen. Theodizee aber ist auch im 21. Jahrhundert noch immer keine Frage von Tiefenschärfe.

So hat man nach Durchsicht des fast 200 Seiten starken Bildbandes zwar noch immer keinen blassen Schimmer davon, welches Gesicht nun besonders vom Geiste Gottes durchkreuzt worden ist, an diesseitigen Erkenntnissen aber ist man reicher: Auch in der Popkultur werden religiöse Motive nicht nur gecovert und durchgejammed, sondern sind auch in Rheinform immer noch höchst anregend. Und wer im Heilsweg via Street-Zen und Semiotik irgendwie das Feeling für den Tiefgang verliert, für den bleiben die "Augen der Weisheit" halt verschlossen. Der Weltuntergang ist das dann nicht. Schließlich hat schon Homer mehr von den Göttern gesehen, als jegliche Fotografie bisher auch nur andeuten konnte. Und dass der Mann dann bekanntlich noch blind war, scheint in gewisser Weise konsequent.

Ralf Tooten: Augen der Weisheit. Das Spirituelle Gesicht der Religionen. Mit einem Essay von Michael von Brück. Herder Verlag, Freiburg 2002, 196 S., 59 EUR

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00:00 06.12.2002

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