Die Gotteskriegerin

Porträt Linda W. stahl ihrer Mutter Geld, um mit dem Islamischen Staat zu kämpfen. Jetzt will sie nach Hause
Christine Keilholz | Ausgabe 30/2017

Er hat sie gekannt, die junge Frau, die heute als Gotteskriegerin durch die Medien geistert. Christoph Semper ist Jugendsozialarbeiter im sächsichen Pulsnitz. Als in dem Städtchen in der Oberlausitz klar wird, dass in Linda W. eine tiefgreifende Veränderung vorgeht, da reagiert ihr Umfeld. Semper sagt, alle hätten auf das Mädchen einzuwirken versucht. Schule, Freundinnen – und auch er. „Wir haben immer wieder geguckt, wie man da beraten kann“. Doch in Sachsen sind die Erfahrungen mit Dschihadismus spärlich. Linda, sagt Semper, „war hier in Pulsnitz ein absoluter Einzelfall“.

Über Deutschlands zurzeit spannendste 16-Jährige ist wenig bekannt. Linda W. ist auf eigene Faust in den Krieg gezogen. Sie war in ihrem jungen Leben bereits verheiratet und ist nun verwitwet. Möglicherweise hat sie mitten im umkämpften Irak ein Baby bekommen. Sie geriet als Überlebende in die Hände des Feindes – was wahrscheinlich ihre Rettung ist. Während Linda gerade bei der irakischen Armee in Bagdad als Kriegsgefangene in Haft sitzt, machen ihre Schulfreunde Sommerurlaub. Während sie eine Schusswunde auskuriert, sagt ihr Vater in Sachsen: „Ich bin zusammen gebrochen, als ich erfuhr, dass Linda lebt.“ Reiner W. ist Bauarbeiter.

Fotos von Linda zeigen ein Mädchen ohne besondere Eigenschaften, hübsch, mit glatten, rotbraunen Haaren. Die Eltern sind geschieden. Linda lebte bei ihrer Mutter in Pulsnitz, der Vater 50 Kilometer entfernt in Großenhain. Als irakische Soldaten sie vor zwei Wochen in Mossul in einem Hauskeller fanden, war sie eine von etwa 20 Frauen, die mit Kindern und Waffen auf eine Art Endkampf gefasst waren. Seitdem sitzt sie in einer Kaserne in Bagdad ein. Der irakische Journalist Amir Musawy konnte direkt mit Linda sprechen. Er fand ein verstörtes Mädchen, das nach Hause will. Heim nach Pulsnitz, ein Ort mit 7.500 Einwohnern, bisher nur bekannt für Pfefferkuchen. Es gibt dort zwei Grundschulen und die Oberschule, auf die Linda ging. Sie war eine gute Schülerin. Notendurchschnitt 2,1. Auch schlaue Mädchen können Opfer der ausgeklügelten Menschenfänger-Maschinerie werden.

„Direkter und ungestörter Zugang bis ins Kinderzimmer“

Irgendwann erscheint Linda mit Kopftuch in der Schule. Sie hört nicht mehr Pop, sondern orientalische Musik. Die Lehrer versuchten es mit Gesprächen. Doch die Gefahr kam aus einer Quelle, die schwer steuerbar ist. Über längere Zeit chattete das Mädchen mit Werbern des IS. Die Masche ist den Sicherheitsbehörden lange bekannt. Der Verfassungsschutz warnt vor häufig weiblichen Dschihadisten, die junge Mädchen über Facebook und WhatsApp ködern. Sie locken mit blumigen Versprechungen: Komm zu uns, gibt deinem Leben einen Sinn, wir bauen eine bessere Welt, werde Ehefrau eines Helden, werde Mutter von Helden! Der Islamische Staat braucht Frauen – verunsicherte Teenager aus Frankreich, Österreich, Deutschland sind Opfer.

Im virtuellen Raum werden gezielt Minderjährige angesprochen. Der Kontakt erfolgt über WhatsApp-Gruppen oder verschlüsselte Messenger wie Telegram. In den Chats erhalten sie eine klare Rolle und eine Ansprache durch Führer. Ihnen wird jemand zur Seite gestellt, der sich ihnen sehr persönlich zuwendet. Oft sind das Jugendliche, die ihre eigene Geschichte erzählen. Sie zeigen ihren Chatpartnern, dass sie genauso angefangen haben.

Jugendliche wie Linda W. können dann schnell Vertrauen aufbauen, weil sie Anschluss finden. Die Methode ist nicht nur bei der Anwerbung von IS-Kämpferinnen bekannt. „Digitale Kommunikation bietet direkten und vor allem ungestörten Zugang bis ins Kinderzimmer“, sagt die Psychologin und Missbrauchsexpertin Julia von Weiler von „Innocence in Danger“. Die Cybergroomer setzen bei den Problemen und Fragen der Jugendlichen an. Sie geben ihnen etwas, was sie im realen Leben oft nicht bekommen: Anerkennung. Und sie haben etwas zu bieten, was in der provinziellen Enge einer Kleinstadt oft nicht zu haben ist: Abenteuer. Das Umfeld tut sich oft schwer damit. „Wie will man gegen eine Sehnsucht ankämpfen, die in einem jungen Menschen steckt?“, sagt von Weiler.

Claudia Dantschke vom Verein Hayat, der Jugendliche und Eltern berät, weiß, dass der Zufall eine Rolle spielt. „Das Religiöse ist nicht das Primäre, was sie suchen. In der Phase könnten sie auch bei gewalttätigen Tierschützern, bei Linksextremisten, bei Neonazis oder eben bei den Dschihadisten landen.“ Der so genannte Pop-Dschihadismus aber ist viel hipper für deren Suche nach Bestätigung. Die Masche funktioniert. Die Ausreisen junger Frauen in die Kriegsgebiete haben zugenommen. 2016 waren es laut Verfassungsschutz an die 180 – darunter wenige minderjährig.

In dieses Abenteuer wollte sich auch die 15-jährige Linda stürzen. Christoph Semper, der Sozialarbeiter vor Ort, sagt, ihre schleichende Radikalisierung war „für alle Beteiligten ein völlig neues Thema“. Von den knapp 900 Deutschen, die sich 2016 zum IS aufmachten, kam nur eine Handvoll aus Sachsen. Bei Linda halfen alle Bemühungen nichts. Anfang Juni 2016 fälschte sie eine Bankvollmacht für ein Flugticket nach Istanbul. Ein Jahr lang fragte sich die Stadt, ob sie es ins Kriegsgebiet geschafft hat. Gerüchte kursierten.

Jetzt kocht die Gerüchteküche erneut. Was, wenn Linda zurückkommt? Wie gefährlich ist das Mädchen? Der Verfassungsschutz schreibt Rückkehrern aus Dschihad-Gebieten ein „nur schwer zu bewertendes Gefährdungspotenzial“ zu. Sorgen, die sich auch Pulsnitzer machen. Es wäre „fatal für sie, wenn sie zurückkommt und hier nicht zur Ruhe kommen kann“, sagt Sozialarbeiter Semper. Selbst wenn Linda nach Deutschland ausgeliefert würde – was nicht klar ist –, droht ihr hier ein Verfahren wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Der Weg in den Krieg ist leichter als der zurück ins normale Leben.

06:00 09.08.2017

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