Die Gottesmaschine

Sadismus contra Todesstrafe Erinnerungen an den Marquis de Sade als politischen Denker

Vor 190 Jahren, am 2. Dezember 1814, starb Donatien Alphonse Francois de Sade: Ja, der Marquis, dessen Name so sehr zum "Begriff" wurde, dass er keine Vornamen zu haben scheint. Wer Sade sagt, sagt Sadismus. Gewaltverherrlichung, Menschenverachtung, Mord, Sodomie, Pädophilie, Anomalie, Perversion, Pornographie und so weiter. Man lese bei Krafft-Ebing nach, dem Psychiater, der in seiner 1886 erschienenen Psychopathia sexualis Sade für das von ihm kreierte Krankheitsbild des Sadismus instrumentalisiert: Für die "Assoziation von Wollust und Grausamkeit auf psychisch-degenerativer Grundlage", die bei Potenz zur Tötung des Opfers der Lüste führe, bei Impotenz zum Blutigstechen und anderem. Krafft-Ebing setzt die Entartungslehre der Psychiatrie auf der Basis der Evolutionstheorie fort. Auf sie beruft sich auch die Rassenideologie, die sich mit der Entartungslehre der Psychiatrie verbindet. Ihre Ziele der Vernichtung sind 1924, als die Psychopathia sexualis in der 17. Auflage erscheint, längst formuliert. Doch obwohl die Identifizierung von Sade und Sadismus in diesem Kontext zu sehen ist, wurde sie bisher - nimmt man Foucault und den Anti-Psychiater David Cooper aus - nicht revidiert.

Berührung verboten

Selbst bei seinen Verfechtern ist Sade als "sexuell Pervertierter" Konsens. Einen Bezug zu Gott, so Klossowski, zur Ordnung, so Barthes, zum Verbot, so Blanchot, zur Literatur, so Beauvoir, schließt das nicht aus, obwohl er in sich gespalten ist: Sade suche Gott, aber als Atheist; sei ein Fanatiker der Ordnung, aber als Umstürzler; halte das Verbot aufrecht, aber als Denker der Überschreitung; er wolle den Mord, kompensiere ihn aber in der Literatur. Sein "Wahnsystem" habe Methode, die aber nach Maßgabe der eigenen beurteilt wird. Dennoch bringen diese und andere Verfechter den durch das 19. Jahrhundert hindurch unter Verschluss gehaltenen Sade nach dem Zweiten Weltkrieg wieder zur Sprache. Es ist eine Rezeption, die vor dem Ersten Weltkrieg nicht nur mit der psychiatrischen Entartungslehre, sondern auch mit ihrem künstlerischen Gegenentwurf, der Entdeckung Sades durch Apollinaire beginnt: Seine Schriften-Auswahl von 1909 liegt der Feier Sades durch die Surrealisten in den zwanziger Jahren zugrunde. Doch ob stigmatisiert oder adoriert, beides verweist auf eine Verdrängung Sades, die unter ihrer Deckadresse des "sexuell Pervertierten" ein Berührungsverbot verbirgt, denn wie immer sein Werk inzwischen zirkuliert, er selbst blieb tabu.

Warum wird Sade, der mehr als 40 Jahre seines Lebens hinter den Mauern von Gefängnissen und, zuletzt, hinter den Mauern der Irrenanstalt von Charenton verbringt, auch heute, nach 190 Jahren, noch nicht aus dieser Haft entlassen? Die "Grabinschrift für D. A. F. Sade, Gefangener in jedem Regime", gibt eine erste Antwort: "Der Du vorübergehst, knie nieder und bete neben dem unglücklichsten der Menschen. Der Despotismus mit seinem grässlichen Haupt führte zu allen Zeiten Krieg gegen ihn. Unter den Königen bemächtigte sich dieses Scheusal seines ganzen Lebens. Unter der Schreckensherrschaft überlebte es und trieb Sade an den Rand des Abgrunds. Unter dem Konsulat kehrte es zurück, und wieder ist Sade sein Opfer." Eine zweite Antwort gibt Charles Nodier, der vermerkt, als er Sade in Charenton inspiziert: Sade sei der "Inbegriff der außergerichtlichen Opfer der Hohen Justiz". Seine Begründung: "Man wußte nicht, wie man dem Gericht mit seiner öffentlichen Verhandlung ein Verbrechen zumuten sollte, das die moralische Verfassung der gesamten Gesellschaft dermaßen in Zweifel zog." Der Kontext beider Antworten ist aus dem, was Sade über die Untersuchung seines Kopfkissens in der Bastille schreibt, abzulesen: Es wurde umgestülpt, als habe er Staatsfeinde darin verborgen; er brauchte es aber wegen seines Nasenblutens.

Als säße er in Stammheim ein

Warum die Inhaftnahme Sades noch immer nicht aufgehoben ist, lässt sich also auf dieselbe Weise beantworten, als säße er in Stammheim ein. Rechnet man ab seinem Todesjahr 1814, hat er, der 1740 geboren ist, noch keine drei Mal lebenslänglich hinter sich. Es ist aber klar, dass alle drei Herrschaftsformen, - das ancien régime, die Jakobiner, und die napoleonische Konsulats- und Kaiserzeit -, Krieg gegen ihn führten; es ist zudem klar, dass das Verbrechen, was öffentlich hätte verhandelt werden müssen, nicht ihn betraf, sondern die moralische Verfassung der gesamten Gesellschaft; es gilt außerdem, dass Sade der Justiz als außergerichtliches Opfer unterworfen ist, also ohne einen Grund, der sich zu seiner Verurteilung geeignet hätte, dann bleibt für sie nur ein Ersatz-Grund. Er wird im ancien régime von Sades Schwiegermutter geliefert, die den königlichen "lettre de cachet" erwirkt, der ihn 1778 nach Vincennes, dann in die Bastille bringt. 1789 aus ihr befreit, wird Sade unter den Jakobinern Vorsitzender der "Section des Piques" in der Position des Staatsanwalts. Er weigert sich jedoch, Todesurteile zu unterzeichnen und wird 1793 mit dem Ersatz-Grund, er sei ein "Gemäßigter", erneut inhaftiert. In der napoleonischen Konsulats- und Kaiserzeit gibt sein "Irresein" den Ersatz-Grund dafür ab, dass man ihn 1801 in Charenton interniert.

Wäre also Sade jemals ein Prozess gemacht worden, bei dem die moralische Verfassung der gesamten Gesellschaft verhandelt worden wäre, hätten die Denunziationen des ancien régime ebenso wie der terreur der Jakobiner und das Polizei- und Zensursystem der per Staatsstreich erlangten Alleinherrschaft Napoleons öffentlich zur Debatte gestanden: Folter-, Tötungs- und Verfolgungsmethoden, die in Sades Werk tatsächlich auf jeder Seite zur Debatte stehen. Wenn also Charles Nodier das Unzumutbare einer solchen Verhandlung darin sieht, "daß man kaum wagen konnte dieses Verbrechen zu charakterisieren", hat er Recht. Sade charakterisiert es trotzdem; er macht das Unvorstellbare hinter den Mauern von Schlössern, Gefängnissen und Irrenanstalten vorstellbar. Sein Werk ist als ein niemals abgehaltenes Gericht zu lesen, das eine literarische Form erhält, damit es die Öffentlichkeit, die ihm verweigert wird, dennoch erreicht. Die Voraussetzung dieses Gerichts ist jedoch der Justiz, der Sade unterworfen ist, diametral entgegengesetzt. Im Dreh- und Angelpunkt seines Werks lautet diese Voraussetzung: Nein zur Todesstrafe.

Verneinung der Strafe

Dieses Nein ist absolut. Seine "unmöglichen" Konsequenzen, deren Möglichkeit Sade vertritt, machen es verständlich, warum er für alle Herrschaftsformen untragbar ist. Das heißt erstens: Mit der Verneinung der Todesstrafe werden alle Strafen verneint, da sie das Paradigma aller Strafen ist. Das heißt zweitens: So wie die Todesstrafe die Tötung per Gesetz praktiziert, so üben alle Strafen eine Tötung aus. Der Unterschied ist lediglich der, dass die Tötung bei der Todesstrafe endgültig ist, bei allen anderen Strafen nicht. Sie üben die Tötung im Leben zur Aufrechterhaltung der moralischen Verfassung der gesamten Gesellschaft aus. Sie foltern, sie quälen, sie werden, wie die "Peinliche Befragung", nie beendet, sondern stets nur unterbrochen und fortgesetzt. Sade verhandelt diese moralische Verfassung als verbrecherische Verfassung, indem jedoch nicht das Verbrecherische, sondern seine Verfassung zur Debatte steht: Seine Codierung durch den Kodex der Gesetze. Das Böse kann das Gute sein, wenn es als Gutes codiert ist, und umgekehrt, denn das "Verbrecherische" des Verbrechens hängt immer von seiner Codierung ab. Das heißt drittens: Das "Verbrecherische" selbst ist weder gut noch böse, erst die Strafe macht es zu einem Verbrechen. Mit ihm ist die Strafe identisch, weil sie es ist, die es codiert.

Der Inbegriff dieser Strafe ist die Todesstrafe, da sie die Tötung, die sie zu ahnden behauptet, selbst begeht. Weil sie die Tötung, die per Gesetz verboten ist, per Gesetz reproduziert, ist es dieses Gesetz selbst, das ihr Verbrechen produziert. Sades Nein zur Todesstrafe ist darum ebenso ein Nein zu diesem Gesetz. Für das in seinem Werk abgehaltene Gericht folgt daraus: Es ist kein Strafgericht, sondern ein Gericht über die Strafe. Denn sie reproduziert das von ihr negierte Verbrechen desto mehr, je mehr sie die moralische Verfassung der Gesellschaft aufrecht erhält. Sade schlägt angesichts dieses "Unglücks der Tugend", die stets das Gegenteil ihrer selbst hervorbringt, ein mephistophelisches Gelächter auf. Gleichzeitig setzt er dem Aberwitz eines per Gesetz produzierten Verbrechens die Vernunft eines Gerichts entgegen, das nicht richtet. Statt dessen hat es bei abgeschaffter Todesstrafe für eine Verminderung der Gesetze zu sorgen, da nur so eine Verringerung der Verbrechen zu erreichen ist: "Man halte mich nicht für einen gefährlichen Neuerer; man behaupte nicht, die Milde meiner Sittenlehre fördere die Neigung der Übeltäter zu den Verbrechen. Sollten diese großen Ideen jemanden korrumpieren, desto schlimmer für ihn."

Es kam für Sade am schlimmsten. Unter den Jakobinern wegen seiner Weigerung, Todesurteile zu unterzeichnen, aufs neue inhaftiert, schreibt er an seinen Anwalt: "Sie wollten mich dazu bringen, Abscheulichkeit, Unmenschlichkeit ins Werk zu setzen: ich habe das niemals gewollt." Wer einen Beweis braucht, hier ist er: Sade hätte als Vorsitzender der "Section des Piques" auch seine Schwiegermutter der Guillotine überliefern können, doch sein Nein zur Todesstrafe ist absolut. Er weist die Rache an ihr und ihrem Stand, dem Amts- und Geldadel des ancien régime, einem Hauptangriffsziel seines Werks, ebenso zurück wie die Rache der Jakobiner, die ihn 1793 selbst zum Tod verurteilen: "Meine ›nationale‹ Haft, die Guillotine vor Augen, hat mir hundert mal mehr geschadet als alle nur denkbaren Bastillen." Dieses Mehr bezieht sich nicht nur darauf, dass die Revolution auf ihrem Höhepunkt, der Köpfung des Königs und der Ausrufung der Republik 1793, sich in ihr Gegenteil verkehrte; und auch nicht nur darauf, dass Sade der Todesstrafe dafür unterliegen soll, dass er nicht getötet hat; sondern der wahre Grund für dieses Mehr an Schaden in seiner "nationalen" Haft ist die Guillotine, die er vor Augen hat. Ihr "Gesetz", das den Kopf des Königs ersetzt, produziert das völlig neue Verbrechen der Tötung auf Befehl für eine "nationale" Sache, die mittels einer Tötungsmaschine vollzogen wird.

Gesetz der Guillotine

Im Gegensatz zur persönlichen Rache, deren Motiv sich in der Tat eines Mordes ausdrückt, ist die Tötung mittels dieser Maschine ohne Motiv und Tat zu haben: Sie vollstreckt den Befehl unpersönlich. Diese "Unmenschlichkeit" schließt das Motiv der Rache nicht aus, doch sie wird als "nationale" Sache automatisch betrieben, worin nach Sade ihre "Abscheulichkeit" besteht. In den Szenarien des 4. Buchs der 120 Tage von Sodom wird sowohl die Tötung dargestellt, deren Motiv sich in einer Tat ausdrückt, als auch die Tötung, die sich ›von selbst‹ vollzieht, das heißt: Morde stehen Mordmaschinen gegenüber, in denen Motiv und Tat verschwunden sind; noch geht es um Opfer-Martyrien, und schon um abstrakte Verbrechen, wie sie 150 Jahre später die NS-Tötungsmaschine produziert. Sade hat zwar 1788, als er die 120 Tage von Sodom in der Bastille schreibt, die Guillotine noch nicht vor Augen: Ihre Tötungsmaschine ist jedoch darin, dass die Todesstrafe das Verbrechen reproduziert, das sie zu ahnden behauptet, angelegt. Die Guillotine führt nur den Unterschied ein, dass sich die Todesstrafe nicht mehr auf Gott, wie im ancien régime, sondern auf den Menschen beruft: Er steht ab jetzt für die Tötung auf Befehl im Namen einer "nationalen" Sache bereit.

Den Beweis dafür, dass Gott mit einer Maschine austauschbar ist, die im Fall der Guillotine als sein strafender Blitz erscheint; diesen Beweis führt bei Sade bereits 1782 ein Sterbender im Gespräch mit einem Priester: "Dein Gott ist eine Maschine, die du fabriziert hast, damit sie deinen Leidenschaften dient, und du läßt sie nach ihren Wünschen sich bewegen." Warum der Mensch sich durch Gott ersetzt, um in dessen Position das größtmögliche Verbrechen, die Vernichtung der Welt, zu begehen, steht als Frage im Zentrum von Sades Werk, wo dieses Verbrechen in den 120 Tagen von Sodom vom Gerichtspräsidenten ausgesprochen wird: "Daß man die Sonne packen könne, um die Welt in Brand zu stecken, das wären wahre Verbrechen." Erst die "Bombe" wird sie, zeitgleich mit der NS-Tötungsmaschine, unter der Bedingung realisieren, die Sade prognostiziert: Die Verwandlung lebender Wesen in Erdklumpen, das sind dabei "kleine Späße". In dem Maß aber, wie die Gottesvorstellung der Religion sich in einer "Geschichte der Seele" niederschlägt, in dem Maß ist ihre Erforschung Sades erklärtes Ziel, um die Religion auszuhebeln. Denn diese Geschichte soll eine "neue Sittenlehre" begründen, da sonst in Zukunft auf der Basis der Religion "die gleichen Kolosse", wie in der Vergangenheit, "errichtet werden, doch mit dem grausamen Unterschied, daß sie diesmal mit solcher Kraft eingemauert sein werden, daß weder diese Generation noch die folgenden sie umzustürzen vermögen."

Sigmund Freud wird diese verinnerlichte Gottesmaschine in derselben Zeit, in der Krafft-Ebing Sade und Sadismus identifiziert, als neurotischen Zwangsmechanismus analysieren. Sade setzt ihr 1795, der Guillotine entronnen, in seiner Rede Franzosen noch eine Anstrengung, wenn ihr Republikaner bleiben wollt, eine "nationale Erziehung" entgegen, die in ihrem Ansatz Freud vorwegnimmt: "Wenn ihr dem Menschen nicht die Mittel bietet, um die Dosis an Despotismus zu verbrauchen, die in sein Herz gesenkt ist, wird er sich auf die Objekte seiner Umgebung werfen." Das erste dieser Mittel ist darum "die gänzliche Freiheit der Wollust", da nur ihr "unmoralischer Zustand ein solcher der ständigen Bewegung ist; nur er bringt den Bürger der notwendigen Revolte näher, in der dieser die Regierungsform stets halten muß". Nur so wird sie, die auf der Gleichheit des Besitzes und einer völligen Ächtung körperlicher Strafen bei abgeschaffter Todesstrafe basiert, sich nicht als unmenschliche Gottesmaschine des Menschen konstituieren.

Heute steht im Kampf gegen den Terror aufs neue der Despotismus einer Gottesmaschine an: In ihr verbirgt sich die Rache derer, die im globalen Maßstab mit der Todesstrafe drohen. Darum gilt es, sich an Sade und seine noch immer geltende Inhaftnahme zu erinnern, da die Gründe dieser Inhaftnahme für die Wiederkehr der Gottesmaschine grundlegend sind.


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00:00 03.12.2004

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