Die Gretafrage

Fridays for Future Klimaretter seien Demokratieverächter, las man jetzt. Dabei ist es das Wirtschaftssystem, der Planet und Freiheit bedroht
Die Gretafrage
So etwas wie die Gesellschaft gibt es nicht. Es gibt nur einzelne Männer und Frauen und es gibt Berge von Sand

Foto: David Tesinsky / Polaris / Laif

Immer häufiger lassen sich Stimmen vernehmen, die vor einem zu schnellen ökologischen Umbau unserer Gesellschaft warnen. Er gehe zulasten demokratischer Verfahrensweisen, deren Mühlen nun einmal langsam mahlten, und würde ökonomisch Schwächere zusätzlich benachteiligen. Den Wortführern in der Klimadebatte wird manipulativer Alarmismus vorgeworfen. Der Soziologe Armin Nassehi verurteilt sie in Bausch und Bogen unter der Überschrift „Denkfaule Demokratieverächter“ (Süddeutsche Zeitung vom 3. August 2019), der Philosoph Wolfram Eilenberger wittert gar eine „totalitäre Angst vor dem Untergang“ und zieht Parallelen zur Rhetorik des Rechtsradikalismus (Deutschlandfunk am 11.August 2019).

Sicher wünscht man dem gebannten Blick aufs Planetarische mehr verantwortungsethisches Augenmaß und weniger weltanschaulichen Eifer. Aber: Was sich im Rigorismus von Teilen der Klimabewegung heute ausdrückt, ist die tiefe Frustration über die verlorenen Jahrzehnte, in denen weitreichende Transformationen noch relativ leicht zu bewerkstelligen gewesen wären – und die Angst, keine zweite Chance mehr zu bekommen. Schon lange betonen VordenkerInnen einer sozio-ökologischen Wende, dass das Verschleppen umweltpolitischer Reformen zu immer größeren sozialen Konflikten und schließlich in eine veritable Demokratiekrise führen würde. Dem Wahlvolk wollte man diese Einsicht nur nicht zumuten und so hat man sich aufs Verschleppen versteift. Jetzt wundert man sich darüber, dass man mit dem Rücken zur Wand steht: Die dringenden ökologischen Reformen können kaum mehr umgesetzt werden, ohne soziale Spannungen in Kauf zu nehmen. Das hat die Gelbwestenbewegung in Frankreich demonstriert.

50 Jahre Club of Rome

Nassehi betont zurecht: „Es gibt nicht nur externe Limitationen natürlicher Ressourcen oder der Belastbarkeit des Planeten […], es gibt auch innere Begrenzungen, wie eine Gesellschaft mit internen und externen Gefährdungen umgehen kann.“ Aber: Der Bericht des Club of Rome jährt sich zum 50. Mal und in diesen Jahrzehnten haben sich die politischen Entscheidungsträger fast ausschließlich mit diesen „inneren Begrenzungen“ beschäftigt – und die äußeren zukünftigen Generationen überlassen. Die Gefahr für die Demokratie besteht nicht in der apokalyptischen Rhetorik, sondern in der hartnäckigen Verweigerung, unsere demokratischen Systeme an die veränderten Bedingungen im 21. Jahrhundert anzupassen: Wir können es uns heute nicht mehr leisten, die Entscheidungsprozesse der Demokratie mit denen des Konsumismus zu verwechseln. Zu lange haben wir Demokratie mit einer Ideologie des Individualismus gleichgesetzt, der die Chefstrategen des Neoliberalismus dann wohlklingende Mäntelchen wie „offene Gesellschaft“ und „Freiheit“ umgehängt haben. Jetzt, da die materielle und ökologische Basis dieser selbstzerstörerischen Interpretation des Humanismus an unüberwindbare Grenzen stößt, müssen wir darüber nachdenken, was diese Ideale wirklich bedeuten.

Die Kritiker der Kassandrarufe wollen sich der Gretafrage nicht stellen, ja sie verstellen den Blick auf die eigentlichen Ursachen: Sie unterstellen der politischen Rede über den Klimawandel soziale Kälte und totalitäre Vereinheitlichung, dabei sind diese Tendenzen in erster Linie Folgen einer fatalen Unterordnung demokratischer Prozesse unter das Primat der Ökonomie. Wir sind die Erben einer ökonomistischen Demokratieverachtung, die systematisch das Eingebettetsein des menschlichen Lebens in das Leben des Planeten ausblendet. Bereits 1970 schrieben die Biologen Anne und Paul Ehrlich: „Kein geologisches Ereignis seit einer Milliarde Jahren schuf eine ähnliche Bedrohung für das irdische Leben, wie sie durch die explosive Ausdehnung der menschlichen Bevölkerung entstanden ist.“ Es gibt nur wenige naturwissenschaftliche Erkenntnisse seit 1970, die den Ehrlichs nicht recht gegeben hätten. Sind die „denkfaulen Demokratieverächter“ nicht eher diejenigen, die unsere Polis mit einer kleinkarierten Lobbykratie verwechseln? Was an diesen Einlassungen zur Klimadebatte aus dem geisteswissenschaftlichen Milieu verstört, ist die hartnäckige idealistische Ignoranz gegenüber den materiellen und ökologischen Bedingungen der Demokratie. Deren ‚Idee‘ scheint bewahrenswerter als der Kampf um die materiellen und ökologischen Bedingungen für eine funktionierende Demokratie in der Zukunft. Die konkreten Manifestationen dieser Idee erscheinen dabei als nicht jeneseits des Kapitalismus denkbar. Dabei bietet die Klimakrise die historisch einzigartige Gelegenheit, die Verwechslung von Demokratie mit dem zerstörerischen individualistischen Anthropozentrismus des Neoliberalismus aufzukündigen.

Amitav Ghosh hat an der Kultur des Westens eine fatale Verkrustung des Weltbezugs durch die Logik des kaufmännischen Probabilismus und Interessensausgleichs kritisiert. Dieser Weltbezug lasse keinen Raum für Kräfte und Realitäten jenseits des Wahrscheinlichen; eine kollektive Einbildungskraft, die sich unwahrscheinliche, aber reelle Gefahren ausmalen kann, verkümmere. Deswegen sei die Klimakrise auch und vor allem eine Krise der Einbildungskraft. Die eigentliche Bedrohung für die Demokratie liegt somit darin, dass unsere Imagination zu schwach ist, um uns die biosphärischen Kippmomente, die in unserer Lebenszeit stattfinden werden (oder schon stattgefunden haben), vorstellen zu können; ihre Faktizität wird uns nun erst in dürren Zahlengerippen von der Wissenschaft nachgereicht. Sich den Untergang der eigenen Kultur vorstellen zu können, ist nicht, wie Eilenberger räsoniert, faschistoid, sondern Ausweis der zivilisatorischen Fähigkeit zur Demut und, damit verbunden, historischer Resilienz. Dass die Moderne diese Fähigkeit durch instrumentelle Vernunft ersetzt hat, ist unsere Achillesferse. Wir seien, schrieb Max Frisch bereits vor 40 Jahren bissig, besessen von „Seelen“ und der „Gesellschaft“ – als sei „das Gelände dafür gesichert, die Erde ein für allemal Erde, die Höhe der Meeresspiegel geregelt ein für allemal.“

Ein Paradox der Argumentation mancher Besitzstandswahrer des ökologisch reformresistenten Demokratiebegriffs liegt im unterschwellig patrizischen Geist. Werteorientiertes Handeln sei Privileg derer, die es sich leisten können und die keine Subsistenzprobleme haben; also einer Kaste, die sich – der Sorge um Broterwerb entledigt – in freier Verantwortung dem Gemeinwesen widmet, wie dies Hannah Arendt im Begriff „Handeln“ zu fassen suchte (im Gegensatz zu „Arbeiten und „Herstellen“).

Moral ist keine Statusfrage

Werte-orientiertes Handeln sei, so scheint Nassehi zu suggerieren, die Nebenwirkung sozialer Besserstellung. Als könne man erst ab einem gewissen Einkommen werte-orientiert entscheiden, etwa bewusst auf Flugreisen oder Fleisch verzichten. Ein enorm verkürzter Wertebegriff, der empirisch nicht gedeckt ist: Studie über Studie belegt, dass intrinsisch motiviertes moralisches Handeln nicht vom sozialen Status und Milieu abhängt. Letztendlich verbirgt sich in den wohlfeilen Philippika gegen den vermeintlichen Hochmut der Klimabewegung der Hochmut der Intellektuellen, die Teilen der Bevölkerung moralisches Verantwortungsbewusstsein absprechen.

Darüber hinaus ist auch der Vergleichsrahmen oft national gesteckt. Der viel beschworene kleine Mann, mit dem man sich gerne solidarisiert ohne ihn näher zu definieren, gehört im internationalen Vergleich einer höchst privilegierten Klasse an. Der moralische Eifer, mit dem Einschränkungen bei Dingen, die den meisten Erdenbewohnern als Hyperluxus erscheinen, hierzulande als Gefahr für den sozialen Frieden gebrandmarkt werden, steht überspannten Redewendungen in der Klimadebatte in nichts nach. Die kollektiven Bedürfnisstrukturen, die zu verstetigen sich alle Noch-Volksparteien verschworen haben, sind das historische Produkt der Großen Beschleunigung (1945 – 70). Diese Bedürfnisstrukturen sind keine Menschenrechte. Sie treiben in einen unaufhaltsamen Konflikt zwischen ökologischem und industriellem Metabolismus, den bereits Marx dem Kapitalismus vorhergesagt hatte. Seit 40 Jahren wird an dem Verblendungszusammenhang gebastelt, dass es diesen Konflikt nicht gäbe. Die Intelligenz bastelt fleißig mit und verheddert sich in performativen Widersprüchen: Sie möchte die Öffentlichkeit vor der vermeintlichen Hysterie der Klimaaktivisten bewahren und sät selbst durch übersteuerte Vergleiche Hysterie. So verpufft wertvolle Energie in Scheingefechten.

Bernhard Malkmus unterrichtet deutsche Literatur und Philosophie in Newcastle/Nordengland. Er ist Ko-Direktor der dortigen Anthropocene Research Group

06:00 23.08.2019
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