Die große Komplizenschaft

Medientagebuch Immer wieder Roter Teppich: Über die Filmberichterstattung im Fernsehen

Über keine andere Kultursparte wird im Fernsehen so viel berichtet wie über Film. Gut, es gibt zwei, drei Literatursendungen. Aber die Oper, der Tanz, das Theater? Ihnen wird keine eigene Sendezeit eingeräumt. Allenfalls tauchen sie in Kulturmagazinen auf, wo das Kino freilich ebenso eine große Rolle spielt. Selbst Popmusik, von der man glauben sollte, dass sie mindestens so massentauglich wie das Kino ist, führt im Fernsehen ein Mauerblümchendasein. Dagegen nimmt die Filmberichterstattung geradezu inflationäre Züge an.

Kein Morgen- oder Mittagmagazin, das auf Stars und Sternchen verzichten wollte. Keine Promi-Sendung ohne Klatsch aus Hollywood und Palaver am roten Teppich. Keine Talkshow ohne Eigenwerbungs-Gespräche mit Schauspielern, wann immer sie in einem aktuellen Streifen auftreten. Selbst Nachrichtensendungen, wie das heute journal oder die Tagesthemen, mögen inzwischen auf Filme von nationaler Relevanz nicht mehr verzichten. Oftmals bestreiten sie die einzig positive Botschaft am Tag, bevor zum Wetter übergeleitet wird.

Wenn die PR-Maschinerie der Verleiher und Produzenten erst einmal ins Rollen gekommen ist, führt kein Weg am Film vorbei. Die größeren Festivals werden mit Sonderberichterstattung bedacht, die Macher geehrt und die Gäste hofiert. Wenn es irgendwo Filmpreise hagelt, ist eine pompös in Szene gesetzte Fernsehgala meist nicht weit. Wann immer es beim Filmvolk etwas zu feiern gibt, ist das Fernsehen mit von der Partie. Aus seiner Perspektive kann das derart erst hervorgerufene "Event" gar nicht groß genug ausfallen - der lieben Quote wegen. Immer mehr wird Fernseh- zur Event-Kultur und beugt sich den Maßstäben von Mehrheits- und Machtverhältnissen.

Noch einen weiteren Grund für die extensive Filmberichterstattung gibt es: eine Komplizenschaft zwischen Kino und Television. Allzu oft nämlich tritt das Fernsehen als Auftraggeber oder Koproduzent von Spielfilmen in Erscheinung. Fast kein Kinofilm entsteht hierzulande ohne Fernsehgelder. Das mag die Filmkultur beflügeln, hat gleichzeitig doch auch einen gewissen Beigeschmack. Zumindest wenn die subventionierten Filme in der Berichterstattung besonders ausführlich vor- und besonders gut wegkommen. So gab es in der Startwoche von Sönke Wortmanns WM-Dokumentarfilm Sommermärchen kaum eine Nachrichten-, Sport- oder Kultursendung in der ARD ohne schwärmerischen Hinweis auf das "Kino-Ereignis". Wo das Fernsehen einmal nicht in Sachen Selbst-Promotion in Erscheinung tritt, macht es sich bereitwillig zum Sprachrohr Hollywoods.

Viele Film- und Kulturredaktionen, vor allem die seriösen, klagen über diesen Missstand, den sich das Fernsehen freilich selbst eingebrockt hat. Sie werden von Verleihern lediglich als verlängerter Arm der PR betrachtet und alle mit denselben Filmausschnitten beliefert, die sich zusammen mit hofberichtartigem Interviewmaterial auf dem Electronic Press Kit, kurz EPK genannt, befinden. An zusätzliches Material heranzugelangen oder an eigene Interviews, um unabhängig berichten zu können, ist ungleich aufwändiger. Deswegen versuchen die Sender, sich auf Festivals wie der Berlinale oder in Cannes und Venedig mit möglichst vielen Interviews einzudecken, die über das Jahr verstreut in den Beiträgen auftauchen.

Und so gleichen sich Filmsendungen nur allzu häufig. In Kino Kino vom Bayerischen Rundfunk (BR) oder beim Filmvorführer vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) werden einige aktuelle Wochenstarts vorgestellt und kommentiert. Hierzu bedient man sich der vorfabrizierten Filmausschnitte auf den EPKs und, falls zur Hand, selbst gedrehter Interviewsequenzen. Einige News rund ums Kino sowie Jubiläen von Schauspielern und Regisseuren runden das Programm ab. Beide Sendungen unterstreichen ihre Service-Funktion: vor allem wollen sie den Zuschauer über Aktuelles im Kino auf dem Laufenden halten.

Das ZDF wartet neben seinem wöchentlichen Filmtipp Neu im Kino, der auch nach obigem Muster gestrickt ist, pro Jahr mit sechs halbstündigen Sendungen für das Kennwort Kino auf. Festivalberichterstattungen aus Berlin und Cannes gehören ebenso dazu wie ein regelmäßiger Jahresrückblick Deutscher Film und Programm begleitende Themensendungen zu Schwerpunkten auf 3Sat. Für eine achtteilige Filmreihe mit Werken von Bernardo Bertolucci ist etwa eine Dokumentation über den italienischen Regisseur entstanden, die im Dezember ausgestrahlt wird.

Solche Formate wenden sich schon nicht mehr an die Masse, sondern an dezidiert Filminteressierte. Demzufolge führen sie ein Nischendasein spätabends im Programm. Ebenfalls sechs Mal im Jahr geht beim Kulturkanal 3Sat, alternierend mit den ZDF-Produktionen, das vom Westdeutschen Rundfunk (WDR) verantwortete Kinomagazin auf Sendung, eine reine Gesprächssendung, bei der allein der Regisseur oder Schauspieler zu Wort kommt. Die interviewenden Filmjournalisten sind weder zu sehen, noch zu hören. Das Verfahren, das ein bisschen an eine psychoanalytische Gesprächssituation denken lässt, fördert mitunter intensive Erkenntnisse zutage. Regisseuren wie Christian Petzold oder Sebastian Schipper ist die Freude an einem Gespräch "in Augenhöhe" anzumerken, bei dem sie sich in aller Ausführlichkeit ausbreiten dürfen.

Noch besser versteckt im Programmdschungel, meist einiges nach Mitternacht, lässt sich nur mit einigem Geschick die wohl eigenartigste Filmsendung entdecken: der Filmtip vom WDR, eine Art Hochamt der Cinephilie. Die meist monothematische Sendung, die sich mit einem Film auseinandersetzt und einmal "Schule des Sehens" genannt worden ist, folgt einem strengen Regularium. Nur Filme, deren komplette Kopie zur freien Auswahl von Ausschnitten vorliegt, tauchen auf. Nie wird über den Originaldialog der Filmszenen einfach "drübergeredet", stattdessen bedient man sich für den filmkritischen Kommentar der Abfolge von Standbildern. An einer Selbstinterpretation von Beteiligten ist der Filmtip nicht interessiert. Was zählt, ist die auktoriale Wahrnehmung des Kritikers.

Solche Sendungen erlangen, als Resultat aus hohem Anspruch und schlechter Platzierung, eine wesentlich geringere Reichweite als die Magazine. Dass der öffentlich-rechtlicher Rundfunk indessen einen dezidierten Kulturauftrag innehat, der auch Minderheiten berücksichtigen muss, daran sei bei der Entscheidung über den akut gefährdeten Filmtip erinnert.


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00:00 17.11.2006

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