Die große Lethargie

NSA-Skandal Traurig, aber wahr: Es ist ausgerechnet das Amerika von Barack Obama, das uns ausspioniert. Können wir uns daran gewöhnen? Zumindest scheint es nur wenige aufzuregen
| Ausgabe 27/2013

Der Skandal hat in den Medien seinen festen Platz. Er geschieht ja nicht einfach und wird dann von Journalisten aufgedeckt; er wird von den Medien selbst produziert. Deswegen ist, mag der Skandal auch unser tägliches Geschäft sein, der Begriff seltsam mehrdeutig. Sind damit skandalöse Vorgänge gemeint? Oder nur solche, die als haarsträubend wahrgenommen werden?

Die Affäre um das Abhören und Speichern von Millionen von Daten ist so ein Fall: Die USA scannen Kommunikationsdaten aus aller Welt, auch und nicht zuletzt von deutschen Bürgern. Die National Security Agency (NSA) hört Botschaften verbündeter EU-Staaten ab; sie späht EU-Politiker in Brüssel aus.

Und doch, das ist die erste Eigentümlichkeit, regt es nur wenige Leute auf. Die Politiker protestieren pflichtschuldig; die Zeitungen dagegen brüllen es in dicken Lettern heraus. Aber letztlich, seien wir ehrlich, empört es vergleichsweise wenige Leute. Denn kaum jemand hat doch etwas anderes von den amerikanischen Geheimdiensten erwartet. Unsere Spuren im Internet werden aufgezeichnet, gelesen, archiviert. Ach ja? Tolle Neuigkeit. Ein Skandal „unvorstellbaren Ausmaßes“? Wohl eher nicht.

Das Skandalöse ist etwas anderes: Die Bereitwilligkeit, noch die schlimmsten Vergehen hinzunehmen, weil sie niemanden mehr überraschen. Man kann das auch Abgestumpftheit nennen. Womöglich gibt es aber eine Verstörtheit, die bei manchen innere Abwehr produziert.

Die USA als Ort der Kritik und Sehnsucht

Vergleichsweise leicht haben es da noch diejenigen, die die USA schon immer kritisiert haben: Wer die Vereinigten Staaten auf Hiroshima, den Vietnam-Krieg, Ronald Reagan, die beiden Bush-Präsidenten und den Bankenskandal reduziert, der kann sich jetzt bestätigt fühlen. Das ist die politische Perspektive.

Aber gesellschaftlich betrachtet sind die USA für viele in Deutschland und Europa letztlich auch ein Sehnsuchtsort. Das Land ist im 20. Jahrhundert die Heimat von Millionen Emigranten geworden. Es ist das Geburtsland von Pop- und Gegenkultur. Bob Dylan, der Jazz aus New Orleans und der Blues aus Chicago, Highways, Land of the Free. Und seit ein paar Jahren wird es zudem von einem charismatischen Schwarzen regiert, der so packende Reden halten kann. Dieses Amerika späht uns aus, sammelt wütend unsere Daten, behandelt uns wie seine Feinde im kalten Krieg? Diese Widersprüche bekommen viele nicht zusammen.

Niemand soll sagen, dass diese Emotionen bei der Beurteilung der NSA-Spionage keine Rolle spielen. Was wäre wohl los, wenn heute noch George W. Bush das Land regieren würde? Unsere Urteile wären sicher viel eindeutiger, wahrscheinlich viel vernichtender.

Das paranoide Bewusstsein

Nicht erst seit dem 11. September 2001, seither aber verstärkt, werden immer krassere Einschränkungen der Bürgerrechte mit einer spezifisch amerikanischen Paranoia gerechtfertigt. Um Sicherheit zu garantieren ist dem paranoiden Bewusstsein alles erlaubt. Auch Präsident Barack Obama hat sich nicht gegen diese Entwicklung gestellt. Im Gegenteil: In seiner Amtszeit hat die Datenkrake ihre Tentakeln so weit ausgestreckt wie nie zuvor.

Wer heute amerikanische Zeitungen liest, wird trotzdem feststellen: Was uns aufregt, ist dort drüben den allermeisten ziemlich egal. Wenn es um den Prism-Skandal geht, ist in aller Regel nicht das kriminelle Abhören von Millionen Bürgern auf dem ganzen Globus gemeint – sondern der Geheimnisverrat des Whistleblowers Edward Snowden. Europa und die USA trennt eben doch mehr als nur der Atlantik.

Geheimdienste hören halt alles ab

Die bittere Lehre aus den Enthüllungen Snowdens lautet: Was getan werden kann, wird auch getan. Wenn es Geheimdiensten technisch möglich ist, Milliarden Kommunikationsdaten ausländischer Bürger auszuwerten, dann werden sie das tun. Wenn es möglich ist, Politiker anderer Länder abzuhören, werden sie das tun. Ob es sich dabei um befreundete Länder handelt, ist volkommen egal. Wer die Möglichkeit hat, die Verhandlungsstrategie eines Gegenübers, mit dem man übermorgen am politischen Pokertisch sitzt, vorab herauszubekommen, der wird dieser Verlockung nicht aus diplomatischen und schon gar nicht aus moralischen Gründen widerstehen. Man kann es ja sogar ein bisschen verstehen: Wenn Sie morgen eine Gehaltsverhandlung haben und Sie könnten heute schon vorab in irgendwelchen Mails lesen, was für Sie maximal herauszuholen ist, würden Sie der Verlockung widerstehen können? Eben.

Für manche mag es eine narzisstische Kränkung sein, dass die Amerikaner „uns“ misstrauen und dieses Misstrauen in diesem Abhörexzess ostentativ geworden ist. Wird es das Verhältnis der Deutschen zu Amerika langfristig beschädigen? Wohl eher nicht. Ob das schon eine gute Nachricht ist, darf allerdings bezweifelt werden. Denn am Ende wird sich voraussichtlich folgende Deutung durchsetzen: Geheimdienste hören alles ab. Ist halt so. Daran kann man nichts mehr ändern. Wer immer noch glaubt, irgendetwas bleibe privat, ist blauäugig und naiv.

Robert Misik ist Schriftsteller und Journalist

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