Die große Schuld

USA Barack Obama hat eine Justizreform angestoßen. Im Hintergrund steht die nie aufgearbeitete Sklaverei, deren Folgen bis heute nachwirken
Konrad Ege | Ausgabe 30/2015 8
Die große Schuld
Als erster US-Präsident hat Obama in El Reno (Oklahoma) eine Haftanstalt besucht
Foto: Saul Loeb/AFP/Getty Images

In den USA ging die Sklaverei vor 150 Jahren zu Ende, doch sie lastet weiter auf einer Nation, die sich nie mit dem Erbe dieses menschenverachtenden Systems auseinandergesetzt hat. Das Vermögensgefälle zwischen Schwarz und Weiß ist weiter krass. Jamal hat weniger Chancen auf einen Job als John. Laut Justizministerium sind beinahe drei Prozent aller afroamerikanischen Männer im Knast. Tief sitzt der zur Rechtfertigung der Sklaverei benötigte Rassismus, wonach Schwarze bestenfalls Menschen zweiter Klasse sind.

Doch es mehren sich Anzeichen, dass die US-Gesellschaft einen Anlauf nimmt zur Aufarbeitung. Präsident Barack Obama hat bei seiner neuen Initiative zur Reform des Strafvollzugs vom „Erbe der Sklaverei“ gesprochen. Besonders bei der Justiz kämen Rasse und Vermögen als „Quelle der Ungerechtigkeit“ zum Ausdruck. Afroamerikaner würden häufiger verhaftet und härter bestraft als weiße Amerikaner. Eines von neun schwarzen Kindern habe einen Vater, der im Gefängnis sitzt, so Obama.

Die Bewegung Black Lives Matter (Schwarze Leben zählen) zwingt zum Hinsehen auf die überproportional hohe Zahl Schwarzer, die von Polizisten erschossen werden. Nach dem rassistisch motivierten Mord an neun schwarzen Kirchgängern in South Carolina sah sich der Bundesstaat genötigt, die Konföderierten-Flagge einzuholen – das Symbol der Südstaaten, die im Bürgerkrieg (1861–1865) für den Erhalt der Sklaverei kämpften. Die eher konservative Regionalzeitung Times-Dispatch in Richmond (Virginia), seinerzeit Hauptstadt der Konföderation, sorgt für Aufsehen mit einer Kolumne, in der eine Wahrheits- und Versöhnungskommission zu Sklaverei und Rassismus verlangt wird: Die im weißen Amerika verbreitete Haltung, Jahrhunderte der Sklaverei, gefolgt von der Rassentrennung, hätten keine Spuren hinterlassen, sei eine Beleidigung derer, „die Geschichte gemacht und erlebt haben“.

Entladen am Pier 17

Dann diese Szene Ende Juni im New Yorker Finanzdistrikt, Ecke Wall Street/Water Street: Bürgermeister Bill de Blasio enthüllt eine Gedenktafel für die versklavten Afrikaner, die im 18. Jahrhundert zum Bau dieser Metropole gezwungen wurden. Sklaven schufteten nicht nur auf Baumwoll- und Zuckerplantagen im Süden. Sklaverei war ein nationales Projekt, das erst zum Südstaaten-Phänomen wurde, als der Norden sich der Industrialisierung zuwandte und die Ausdehnung der Sklaverei auf die im Western erschlossenen Territorien ablehnte. Auf der Wall Street gab es bis 1762 einen Sklavenmarkt, um aus ihrer Heimat verschleppte Afrikaner zu verkaufen. Sie wurden am Pier 17 am East River entladen, heute ein Touristenmagnet, genannt South Street Seaport.

Die Autorin Chirlane McCray erklärte bei der Enthüllung der Tafel: Auswirkungen der Sklaverei sehe man noch heute „in den Problemen, die uns zu schaffen machen, wie Rassismus, Segregation und Einkommensunterschied“. Die Zahlen sind bekannt: 39 Prozent der schwarzen Kinder in den USA wachsen in Armut auf, die afroamerikanische Armutsrate ist gut dreimal so hoch wie die weiße. Der Mittelwert des Vermögens weißer Haushalte ist laut Pew Reseach Center mit 141.900 Dollar mehr als zwölfmal so groß wie der schwarzer mit 13.700 Dollar.

Obwohl im weißen Amerika mit Hinweis auf individuelle afroamerikanische Erfolgsgeschichten gern behauptet wird, Schwarze müssten sich eben mehr anstrengen, bleibt es dabei: Riesenvermögen sind gemacht und vererbt worden durch Sklaverei. An der US-Ostküste ansässige Finanziers haben in die Sklaverei investiert, wie Brown Brothers Harriman. Die Bank stellt sich auf ihrer Webseite als „thought leader and solutions provider“ (Vorausdenker und Lösungslieferant) seit fast 200 Jahren vor. Mitte des 19. Jahrhunderts – damals noch als Brown Brothers & Co. – gab das Geldhaus Darlehen für Sklavenplantagen.

Davon direkt profitiert hat auch die Familie Bush: Prescott Bush (1895–1972), Vater von Ex-Präsident George H. W. Bush und Großvater von George W. und Jeb, war Partner bei Brown Brothers. Dass heutzutage Jeb Bush selber Millionär ist und wohl bessere Chancen hat, 2016 Präsident zu werden, als Nachfahren der Sklaven, die seinerzeit mit Brown-Brothers-Geld gekauft wurden, liegt auf der Hand. Der beim Magazin Atlantic beschäftigte Journalist Ta-Nehisi Coates schreibt, die Sklaverei sei nicht spurlos verschwunden nach dem Bürgerkrieg, der 1865 mit der Niederlage der Südstaaten zu Ende ging. Die Plantagen gingen nicht etwa an befreite Afroamerikaner über. Zwölf Jahre nach dem Bürgerkrieg verließen die nördlichen Soldaten den Süden, es begannen Jahrzehnte anhaltenden weißen Terrors mit tausenden Lynchmorden und rohem Rassismus.

Fällige Reparationen

Selbst progressive Reformen wie die staatliche Renten- und die Arbeitslosenversicherung Mitte der 30er Jahre, so Coates, halfen anfangs nur wenigen Schwarzen, denn Haushaltshilfen und in der Landwirtschaft Beschäftigte blieben ausgenommen – damals vor allem im Süden die Mehrzahl der schwarzen Arbeiterinnen und Arbeiter. Der amerikanische Wohlstand nach dem Zweiten Weltkrieg, der Traum vom Eigenheim, das im Wert steigt und an die Nachkommen vererbt wird, gründete sich auf staatliche Darlehensgarantien. Und die wurden bis in die 60er Jahre hinein selten gewährt für schwarze Wohngebiete. Bei der Immobilienkrise während der großen Rezession 2008/09 verloren schwarze und Latino-Eigentümer weit überproportional ihre Häuser. Der Grund: Ihre Hypotheken waren schlechter abgesichert als die vieler Weißer.

Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman hat kürzlich vom „langen Schatten der Sklaverei“ geschrieben. Republikanische Appelle an weiße Bürger, dass Regierungsprogramme Afroamerikaner begünstigten, würden viel zu oft funktionieren. Bei Obamas Gesundheitsreform konnten die Bundesstaaten entscheiden, ob sie bei dem Ausbau von Medicaid, der staatlichen Versicherung für die Ärmsten, mitmachen. 22 der 50 Bundesstaaten wollten nicht. In den ehemals konföderierten, den Sklavenstaaten, so Krugman, seien die Mindestlöhne niedriger und die Feindseligkeit gegenüber Gewerkschaften stärker. Mercedes Benz, BMW, Airbus und andere europäische Firmen haben diese Niedriglohnzone für sich entdeckt.

Nachsinnen über das Erbe der Sklaverei führt zur Frage der Wiedergutmachung. Ist es nicht endlich Zeit, über Reparationen nachzudenken? Die USA haben sich nie entschuldigt, nicht einmal anerkannt, dass man etwas schuldet. Skeptiker verweisen gern auf Schwierigkeiten: Wie würde ein Programm staatlicher Reparationen aussehen? Würde es nicht Schwarze und Weiße erst recht spalten?

Der Kongressabgeordnete John Conyers legt seit 1989, seinem ersten Jahr im Repräsentantenhaus, in jeder Legislaturperiode einen Gesetzentwurf zur Reparationsfrage vor. Es sei unstrittig, dass mehr als vier Millionen Afrikaner und deren Nachfahren von 1619 bis 1865 versklavt worden seien. Dadurch seien die USA auf den Weg gekommen, „die wohlhabendste Nation in der freien Welt zu werden“, so Conyers.

Bisher freilich hat der Entwurf noch nie eine Mehrheit gefunden. Spricht man über Sklaverei, geht es an die Urmythen vom Land der Freiheit, das etwas ganz Besonders sei in der Weltgeschichte. Der erste Präsident George Washington, dazu weitere Gründerväter besaßen Sklaven und waren offenbar bereit, mit dem Widerspruch zwischen ihrer Freiheit und der Sklaverei zu leben.

06:00 05.08.2015

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