Die grüne Guerilla

Urban Gardening Nirgendwo auf der Welt ist städtisches Gärtnern so vielfältig wie in Deutschland. Über eine politische Avantgarde

Es ist die natürlichste Sache der Welt. So formuliert es der Londoner Guerilla-Gärtner und Buchautor Richard Reynolds sinngemäß in seinem Botanischen Manifest: Wenn einem das eigene Land zum Gärtnern fehlt, während andere mehr als genug davon besitzen, dann sei es doch ganz logisch, aus diesem Mangel heraus brachliegendes Gelände zu bewirtschaften, also: zum Guerilla-Gärtner zu werden.

Neben der unverblümten Kritik an den Eigentumsverhältnissen klingt hier der Sex-Appeal des selbstbemächtigten Urban Underground an: Man genießt die Aura, die Grenzen des Erlaubten zu überschreiten, um dann ganz und gar unorthodox das eigene Umfeld zu gestalten. All das hat das Guerilla Gardening als eine Unterströmung der neuen urbanen Gartenbewegung in der medialen Aufmerksamkeitsskala in den letzten Jahren ganz nach oben geschoben.

Urban Gardening war von Anbeginn an ein internationales Phänomen. In Ländern des Südens ist der mobile Anbau in den Slums und an den Rändern der Megastädte eine nahe liegende Überlebensproduktion. Und im heute weitestgehend de-industrialisierten und in der Folge dramatisch geschrumpften Detroit beispielsweise ersetzt die urbane Landwirtschaft Arbeitsplätze und besetzt die räumlichen Arrangements der untergegangenen Autoindustrie. Das alles ist nicht zu vergleichen mit der westeuropäischen Urban-Gardening-Bewegung, die spielerisch ans Werk geht. Dass die derzeit interessantesten und facettenreichsten Formen in deutschen Großstädten zu beobachten sind, hat auch damit zu tun, dass unser Land noch vergleichsweise reich ist und man sich das Spiel mit der Erprobung neuer Wohlstandsmodelle auch habituell leisten kann.

Es geht um Autonomie

So sind die Deutschen im Urban Gardening fast unbemerkt zur Avantgarde geworden. Dabei ist es höchst bemerkenswert, dass diese neue und noch junge Ökobewegung die kleinbäuerliche Wirtschaft und Kultur wiederentdeckt hat, ohne sich aufs Land zurückziehen zu wollen. Urbane Landwirtschaft ist hier der Ausgangspunkt einer Suche nach dem „besseren Leben“ in der Stadt, das nicht auf der Ausbeutung von Tieren, Böden und Menschen in der immer noch sogenannten Dritten Welt beruht, sondern mit saisonalen und regionalen Qualitäten experimentiert und die lebendigen Beziehungen und Netzwerke zwischen Menschen und Natur intensivieren will. Weit jenseits des monetären Gewinns.

Oft wird vorgebracht, dass das Urban Gardening beispielsweise eine Stadt wie München niemals ernähren könne. Dabei ist das vorläufig auch gar nicht das Ziel. Derzeit liegt die Bedeutung der noch weitestgehend nicht kommerziell betriebenen urbanen Landwirtschaft in der Erfahrung und Einübung einer Logik, die nicht auf Verwertung, sondern auf Versorgung ausgerichtet ist.


Hier geht es um ein anderes Vergesellschaftungsmodell. Autonomie bedeutet für diese Bewegung nicht, hohe Löhne zu erzielen, um sich die lebensnotwendigen Dinge kaufen zu können, sondern Wissen, handwerkliches Können und soziale Netzwerke zu leben und zu erproben, um mit weniger materiellen Ressourcen, dafür aber nach den eigenen Vorstellungen und mit den eigenen Händen ein Mehr an Lebensqualität zu erreichen. Es war eben immer schon politisch, bäuerlich zu sein.

Lebensraum für alle

Nicht, dass das Phänomen des großstädtischen Gärtnerns als solches neu wäre. Schon in den siebziger Jahren eroberten sich türkische EinwanderInnen die Brachflächen der Innenstädte, um Bohnen und anderes Gemüse anzubauen. Ebenfalls ohne zu fragen. Ihre Motivation war dabei nicht Protest, sondern eine für sie naheliegende Strategie der Subsistenz, also der Versorgung aus eigener Kraft .

Die in den letzten Jahren in vielen großen Städten entstandenen Gemeinschaftsgärten, Kiezgärten, Interkulturellen Gärten und Nachbarschaftsgärten zielen mit dem Garten als Medium zugleich auch direkt auf die Stadt als Lebensraum und senden visuelle Vorstellungen von Urbanität, die das Auge zunächst irritieren. Der Gemüseanbau in ausgedienten Bäckerkisten und umgebauten Europaletten auf dem stillgelegten Berliner Flughafen Tempelhof oder am Kreuzberger U-Bahnhof Moritzplatz, an der Hamburger Großen Freiheit in St. Pauli oder unter dem Münchener Olympiaturm fordert zu einer neuen Lesart von Stadt auf.

Zu den wesentlichen Adressaten gehören dabei die Stadtplaner und -verwalter, die man bei der Gestaltung des öffentlichen Raums darauf aufmerksam machen will, dass die Stadt kein Container für noch mehr Autobahnen und Shopping-Malls ist, sondern ein Lebensraum für alle, in dem auch über die Grundlagen der Existenz debattiert werden sollte. Die politischen Formen der Generation Garten zeichnen sich weniger durch Forderungskataloge als durch Performanz, durch punktuelle und symbolische Interventionen im öffentlichen Raum aus.

Open Source

Jene vieldeutigen Slogans wie etwa „Keine Pflanze ist illegal!“ oder „Widerstand ist fruchtbar“, die die grünen Inseln flankieren, machen klar: Der Garten als ein weltabgewandtes Refugium im Privaten war gestern.

Zudem bieten Gemeinschaftsgärten eine Plattform für ganz unterschiedliche Wünsche: Da kann man die Hände mal wiederin die Erde stecken, sich gesund ernähren, die Leute aus der Nachbarschaft kennenlernen, Wissen austauschen und aneignen, Neues lernen sowie praktische Beiträge zum Thema „Local Food“ leisten. Die Urban Gardening-AktivistInnen halten Bienen, reproduzieren ihr Saatgut selbst, stellen Naturkosmetik her, färben mit Pflanzen, übernehmen Parks in Eigenregie, reklamieren Gemeinschaftsdachgärten und organisieren Festtafeln unter freiem Himmel. Sie verwandeln Brachflächen und zugemüllte Parkdecks in Orte der Begegnung.


Die Bewegung ist jung, bunt und sozial eher heterogen. Auffallend viele Mittelschichtskinder mit akademischem Hintergrund gärtnern Seite an Seite mit MigrantInnen, Hartz-IV-Empfängern und Künstlern. Da die allermeisten keine oder wenig Erfahrung mit Handwerk und Garten haben, ist Dilettantentum an der Tagesordnung. Das ist durchaus gewollt, denn die Leitidee in Gemeinschaftsgärten ist Open Source.

Freude am Tun

So kommt eine Menge an Wissen zusammen und wird produktiv gemixt. In urbanen Gärten ergibt sich ständig die Gelegenheit und eben auch Notwendigkeit zum Austausch. Das Zusammentreffen der unterschiedlichsten Talente und Bedarfe schafft eine lebendige und immer unaufgeräumte Atmosphäre. Hier regiert nicht die Effizienz, sondern die Freude am Tun und die Neugier auf das, was entsteht.

Die urbane Gartenbewegung tritt bewusst als Hybrid auf die Bühne. Sie vermischt virtuelle Vernetzungslogiken und zeitgemäße Vorstellungen von Teilhabe und Gemeinschaft mit bäuerlicher Denke. Es ist dieser Mix, der mit den gängigen Modernisierungsvorstellungen bricht und uns Hinweise gibt, dass wir in Zeiten des Umbruchs leben.

Für Anhänger von Fortschrittsideologien, die in den etablierten politischen Parteien, insbesondere linker Provenienz, ungebrochen vorherrschen, muss das verwirrend klingen. Zum Weltbild des historischen ­Materialismus gehört eine lineare gesellschaftliche Entwicklung, in der die Kleinbauern obsolet sind, denn angeblich verweigern sie sich dem Fortschritt, „kleben an der Scholle“ und vertreten nur ihre Partikularinteressen. Kleinbauern galten immer schon als rückständige Fortschrittsfeinde und damit tendenziell als reaktionär. Dass ausgerechnet urbane Trendsetter heute die vermeintlich historisch überwundenen bäuerlichen Lebensformen umdeuten, sollte die Linke nachdenklich stimmen.

Für den großen russischen Agrarökonomen und Bauernforscher Alexander Tschajanow, der von Stalin verfolgt wurde, weil er sich gegen die Kollektivierung der Landwirtschaft wendete, war die bäuerliche Tätigkeit eine „in ihrem Wesen radikal von der kapitalistischen verschiedene Wirtschaft“. In seinem Anfang der zwanziger Jahre erschienenen Hauptwerk Die Lehre von der bäuerlichen Wirtschaft belegt Tschajanow, dass der Bauernwirtschaft eine „ganz andersartige Auffassung von der Vorteilhaftigkeit und eine ganz andere Art des Rechnens“ zugrunde liegt. Man könnte auch sagen, sie folgt einer Rationalität, die nicht an Wachstum, sondern an Erhalt, nicht an effizienter Nutzung von freier Zeit, sondern an Kooperation mit den Zeitzyklen der Natur orientiert ist. Was in der alten Industriegesellschaft, die auf beständige Optimierung der Ressourcenausbeute, Effizienzsteigerung sowie Raum- und Zeitverkürzung setzt, in der Tat überkommen schien, wird heute hochgradig kompatibel für die aktuelle Debatte um die Postwachstumsgesellschaft, in der die Suche nach postmateriellen Wohlstandsmodellen, nachhaltigen Lebensstilen, Entschleunigung und Lokalisierung der Produktion als ökologische Notwendigkeit postuliert wird.

Christa Müller ist Soziologin und leitet die Stiftungsgemeinschaft anstiftung & ertomis. 2011 gab sie das Buch Urban Gardening. Über die Rückkehr der Gärten in die Stadt heraus

14:00 31.05.2012

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