Die Guerilla hat viel Zeit

KOLUMBIEN Der "Entführungsfall Ingrid Betancourt" ist Teil einer neuen Phase des Drogen-Krieges

Neben Berichten über den überraschenden Ausgang der Parlamentswahlen vom Wochenende, bei denen sich viele unabhängige Kandidaten gegen die Traditionsparteien durchsetzten, ist Kolumbien zur Zeit vorzugsweise über ein Ereignis in den deutschen Medien präsent - die Entführung der Politikerin Ingrid Betancourt. Die 40-jährige Politikerin ist Kandidatin für die Präsidentschaftswahlen im Mai. 1989 wurden in Kolumbien drei Präsidentschaftskandidaten ermordet. Das Land hält mit jährlich 3.600 Entführungen den Weltrekord. Man spricht von einer "Entführungsindustrie".

Am 20. Februar musste Präsident Andrés Pastrana bekennen, der Friedensprozess, den es mit der Guerilla seit vier Jahren gab, ist gescheitert. Das Angebot, eine solche Verständigung einzuleiten und sich mit Manuel Marulanda, dem legendären Anführer der Bewaffneten Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (FARC), in dessen Enklave zu treffen, bescherten Pastrana 1998 einen überragenden Wahlsieg. Als Schlüsselmoment der begonnenen Detente galt die Errichtung einer "militärfreien Zone", die 40.000 Quadratkilometer groß war und von den FARC kontrolliert wurde. Am 20. Februar 2002 befahl Pastrana, dieses Gebiet zu bombardieren, um es wieder der Hoheit des Staates zu unterwerfen.
Die Operation hieß Thanatos, und die militärischen Erfolgmeldungen schienen lange vorher verfasst. Auch die TV-Bilder, die patriotische Feier bei der Einnahme eines Dorfes waren genau kalkuliert. Unmittelbar danach wurde die Brücke, die eine Verbindung zum Rest des Landes ermöglicht, gesprengt, während die FARC ungerührt weiter alle Straßen und Zugänge beherrschten. So zeigte sich - symbolisch und faktisch -, wie es um die Machtverhältnisse in der Guerilla-Region stand.

Gelder aus den USA finanzieren auch die Guerilla

Dieser neuen Phase des Krieges muss auch der "Fall Betancourt" zugeordnet werden. Ein Zeichen in einer Kette von Zeichen, die zusammen eine unmissverständliche Botschaft bilden. Alles andere ist Sensationsjournalismus. Die Regierung benutzt in ihren Kommuniqués den Begriff "Entführte", in der deutschen Presse wird von "Geisel" gesprochen. Die Guerilla bevorzugt - auch mit Blick auf andere Gefangene - das Wort von der "Austauschbaren". Ein FARC-Sprecher dazu: "Ingrid Betancourt hat die Reihen der Austauschbaren gefüllt. Wenn die Regierung sich bis Ende des Jahres nicht entschließt, werden wir die Entscheidungen treffen, von denen wir überzeugt sind." Die Botschaft könnte eindeutiger nicht sein. Die FARC hatten schon früher Hunderte von Soldaten und Offizieren als "Gefangene", ab jetzt sind es Parlamentarier und politische Führungskräfte, die gegen inhaftierte Guerilleros "ausgetauscht" werden könnten.
Die Kandidatin Betancourt gehört zu einer der Gruppen, die bei den Präsidentschaftswahlen "unter ferner liefen" antreten. Für das Votum Mitte Mai stehen zwei populistische Kandidaten im Vordergrund, von denen einer am 7. August die Präsidentschaft übernehmen dürfte: Alvaro Uribe und Horacio Serpa. Ersterer - ein rechtsgerichteter Law-and-Order-Mann, der eine Million Zivilisten bewaffnen und zu Paramilitärs befördern will - kann laut Umfragen mit 50 Prozent der Stimmen rechnen. Horacio Serpa kommt aus dem Mitte-Rechts-Lager und war Innenminister des "Narco-Präsidenten" Samper (1994-98), seine aktuelle Quote liegt bei 30 Prozent. Es gibt vier weitere Kandidaten, allerdings ohne nennenswerte Chancen. Ingrid Betancourt zählt nicht einmal zu dieser Kategorie. Ihre Kandidatur rührt aus dem ehrgeizigen Versuch, sich auf nationaler Ebene politisch zu profilieren. Das hat ihr dazu verholfen, Teil der neuen Phase eines Bürgerkrieges zu werden, der von denkwürdigen Paradoxa geprägt ist: Gelder aus den USA finanzieren die kolumbianische Armee und die FARC. Gleichzeitig privatisieren die US-Streitkräfte ihre Teilnahme an diesem Krieg. Logistische Aufgaben, Lieferungen und Operationen im Landesinneren (die chemische Vernichtung von Anpflanzungen etwa) werden zwischenzeitlich von nordamerikanischen Privatfirmen übernommen.
Bis zum 11. September 2001 lag die kolumbianische Regierung beim Ranking um Militärhilfe der USA weltweit auf dem dritten Platz, nach Israel und der Türkei. Dabei war der sogenannte Plan Colombia anfangs eher ein kleinteiliges Unterfangen, das von Southern (dem US-Südkommando) ausgedacht wurde, um die Kandidatur des Demokraten Al Gore zu unterstützen. Das Ganze sollte eine Antwort auf die Kritik der Republikaner an Clinton sein, nicht genug gegen die Koka-Produzenten getan zu haben. Nebenher sollten Aufträge an Hubschrauberfabriken oder an Unternehmen wie DynCorp gehen, deren Belegschaft größtenteils aus ehemaligen Militärs besteht, die sich auf den Einsatz von Giftstoffen aus der Luft verstehen. Für Kolumbien sah die Regierung Pastrana im Plan Colombia vor allem ein Instrument, um die angeschlagene Wirtschaft zu reaktivieren.

Eine Rückkehr zu den Verhandlungen ist "Verhandlungssache"

Die Nachfrage nach Kokain auf dem nordamerikanischen Markt liegt bei 340 Tonnen pro Jahr. 92 Cent eines jeden Dollar, der in der Kokain-Ökonomie verdient wird, bleiben in den USA - acht Cent gehen außer Landes. Da jedoch Billionen Kokain-Dollar im Umlauf sind, steht außer Frage, dass der nordamerikanische Konsument etwa 40 Prozent des FARC-Budgets mitfinanziert. Das geschieht nicht zuletzt auf indirektem Weg über Steuern, die in den Anbaugebieten für jedes Kilo geernteter Kokablätter kassiert werden. Aus dem Umlauf dieses Geldes ziehen die 17.000 Mitglieder der FARC eine Art Gehalt.
Die Idee, man könne den Export kolumbianischen Kokains in fünf Jahren um 40 Prozent senken - und ganz nebenbei die FARC vernichten - kommt einer Fata Morgana gleich. Tatsache ist: Die Kriegskosten trägt die US-Regierung, die Toten tragen die Kolumbianer.
Aus Sicht der FARC stellt sich das Szenario anders dar. Für sie wird der Krieg an drei Fronten geführt: Er wechselt vom Land in die Stadt. Er richtet sich gegen die Oligarchie, zu der auch die Politiker gezählt werden, und er verlagert sich auf die ökonomische Schiene. Der genannte Zeitraum eines Jahres für Entscheidungen über die "Austauschbaren", die von der Haltung der jetzigen wie der künftigen Regierung abhängen, ist symbolisch zu verstehen. Übersetzt heißt das: Es ist ein Jahr Zeit, um die Bedingungen festzulegen, unter denen die FARC an den Verhandlungstisch zurückkehren oder nicht zurückkehren. Schon jetzt kann nur eines als sicher gelten, dass nämlich die seit über 40 Jahre praktizierte Anti-Drogenpolitik der USA vollends gescheitert ist.

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00:00 15.03.2002

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