Die guten alten Zeiten

Ungleichheit Die Gehälter vieler Manager sind heute ähnlich absurd wie der frühere Reichtum der Fürsten. Nur leben wir doch eigentlich nicht mehr in einer absoluten Monarchie
Jürgen Busche | Ausgabe 20/2016 18
Die guten alten Zeiten
Wenn der Vorstand Kosten spart, freut das die Aktionärsversammlung

Foto: Lennart Preis/Getty Images

Zu den großen Mythen unserer Zeit – die angeblich keine Mythen mehr bilden kann – gehört der Mythos von der Notwendigkeit, Spitzenmanager der Industrie und der Wirtschaft mit absurd hohen Gehältern und finanziellen Zusatzleistungen zu entlohnen. Täte man das nicht, so heißt es, würden sie eben davongehen und es werde schwer, sehr schwer, gute Nachfolger für sie zu finden. Niemand widerspricht und keiner lacht.

Wenn in zweihundert, dreihundert Jahren Menschen auf unsere Zeit zurückblicken, das müssen keine Historiker sein, ganz normale Menschen also, dann werden sie laut lachen. Oder auch nicht. Sie werden sich aber ganz bestimmt wundern, dass die Bürger im 21.Jahrhundert sich das haben gefallen lassen. Sie werden verblüfft feststellen, dass nicht nur der Vorstandsvorsitzende eines mächtigen Konzerns, sondern auch die Mitglieder eines Vorstands über ein persönliches Einkommen verfügten, das sie höher über die Durchschnittsverdiener heraushob als in noch älteren Zeiten der vermeintlich märchenhafte Reichtum der Fürsten diese über ihre Untertanen.

Heute erscheint das selbstverständlich. Es gibt Aufsichtsräte, es gibt Aktionärsversammlungen, die Aktionäre freuen sich, wenn der Vorstand wieder einen Weg gefunden hat, auf Kosten der Belegschaften Einsparungen vorzunehmen. Dann schnellen die Börsenkurse in die Höhe. Wenn ein Manager aus dem Vorstand in den Aufsichtsrat wechselt und dafür wegen der dort schmaleren Einkünfte eine Übergangszahlung in zweistelliger Millionenhöhe erhält, finden sie das in Ordnung. Nicht wirklich alle. Aber die Mehrheit und deren Vertreter gehören berufsmäßig mit zu den Spitzenverdienern.

Könnte man das ändern, in Zeiten, in denen viele Städte nicht einmal mehr die Toiletten in den Schulen in vorzeigbarem Zustand halten können? Anders als einst die Fürsten und ihre Untertanen leben wir doch in einer Demokratie, in einem Rechtsstaat. Eben! Rufen die Freunde der superreichen Manager: Das Geld, das wir bekommen, ist unser Eigentum, das wir versteuern, aber damit muss es dann auch gut sein.

Muss es aber eben nicht. Unser Grundgesetz spricht von der Sozialpflichtigkeit des Eigentums. Und das sollte man ebenso ernst nehmen wie das Wort von der Würde des Menschen. Laufen uns – wenn wir das tun – die tüchtigsten Manager davon, etwa die von VW oder der Deutschen Bank? Ja, wo sollen sie denn hinlaufen? Warum glauben wir, dass die in den USA oder in England oder sonst wo gesucht werden? Auch dort werden irre Gehälter gezahlt. Der Mythos lebt.

Der Autor und Journalist Jürgen Busche schreibt in seiner Kolumne Unter der Woche regelmäßig über Politik und Gesellschaft

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