Die haben meine Familie zerstört

1968 im Visier Junge Popautoren und alte Wendehälse beklagen die anhaltende Wirkung antiautoritärer Kraftfelder

Zuerst fiel es mir gar nicht auf: Seit den achtziger Jahren outen sich alle möglichen Prominenten als "68er" - am lautesten jene, die früher mit SDS-Aktivitäten nichts zu tun hatten. Als dann die öffentliche Meinung umschwenkte, ergab sich eine schöne Ironie der Geschichte. Die falschen Bekenner sahen sich mit einem Vorschlag von Marianne Birthler konfrontiert: Die einst bürgerbewegte Chefin der Gauckbehörde meinte, man müsse daran gehen, auch die westdeutschen 68er ähnlich wie die ostdeutsche Stasi "kritisch aufzuarbeiten".

In diesem Sinne sind einige Herren und Damen schon seit längerem aktiv. So druckte die FAZ die Tagebücher von Rio Reiser, dem Frontmann der einstigen Straßenkampf-Beatgruppe Ton Steine Scherben, und teilte ihren Lesern mit, der Autor habe seinerzeit wegen der schwulenfeindlichen 68er-Atmosphäre seine Homosexualität nicht richtig ausleben können. Ein anderes Beispiel: Anlässlich der Trauerfeier zu Ehren des verstorbenen Philosophen Gadamer führte der Rektor der Universität Heidelberg aus, dass man noch immer mit der Beseitigung "der letzten, schädlichen Folgen von 68" beschäftigt sei. Was der Rektor wie die Kontaminierung des Umfeldes einer Reaktorkatastrophe schilderte, war die damals vom antiautoritären Geist beseelte Universitätsreform, die das Bundesverfassungsgericht sofort auf ein Reförmchen zurückgestutzt hatte. Schließlich setzte Baden-Württembergs Ministerpräsident den vorläufigen Höhepunkt, indem er über die einstige literarische "Erfindung" des amerikanischen 68ers Leslie Fiedler abfällig urteilte: "Die Postmoderne" würde bloß unsere Jugend verderben.

Seitdem fehlt es nicht an Plattheiten: So konnte der ehemalige SPD-Forschungsminister und jetzige Unternehmensberater Volker Hauff unter anderem in der taz die These wagen: "Die heutige Geiz-ist-geil-Ellenbogenmentalität" sei eine "Spätfolge des damaligen Hedonismus". Die 68er würden heute erkennen, "dass einiges zerstört wurde." Gleichfalls in der taz findet sich eine merkwürdige Klage der postmodernen Pop-Analysten Joachim Bessing und Alexa Henning von Lange. Sie hätten sich, so wird berichtet, in ihrem neuen Buch-Projekt mit ihrer eigenen "Patchworkfamilie" beschäftigt und nun den Grund des Scheiterns herausgefunden. Die lockeren Lebensformen, die von den 68ern in die Gesellschaft getragen worden seien, hätten inzwischen zu einer derartigen "familiären Beliebigkeit" geführt, dass ihre eigene Ein-Kind-Ehe geradezu einem "antiautoritären Kräftefeld" ausgesetzt sei.

Dass die internationale Studentenbewegung, im Verein mit der Rockmusik, Jahrzehnte nach ihrem Ableben noch nette, kleine Familien zerstören kann - so viel Wirkungsmacht hätte sich diese selbst wohl nicht zugetraut. Wir erinnern uns: Auf dem Höhepunkt der damaligen Protestwelle drohte der drogensüchtige Jim Morrison seinem Erzeuger, einem Helden des Zweiten Weltkrieges: "Father, I´m gonna kill you." Und nun singt Eminem seiner armen, allein erziehenden "Mutter" ähnliche Drohungen hinterher. Danach bleibt von der "Patchworkfamilie" wirklich nicht mehr viel übrig.

Mathias Horx, der ehemalige Redakteur des Frankfurter Studentenmagazins Pflasterstrand und heutige Trendforscher, hat längst erkannt, wohin all das führt: "Die Liebe ist mehr denn je Inszenierung, Unterhaltung, Thrill." Dadurch gerät sie in eine Zwickmühle: "Sie ist einerseits Bindung und soll andererseits in einer unruhigen und verwirrenden Welt Halt bieten." Deshalb werden wir nun bis zum Umfallen immer wieder auf den "Flirt-, Heirats- und Liebesbasar" getrieben.

Von den jungen Popautoren bis zum alten SPD-Wendehals Hauff wird die Wertekraft-Zersetzung der 68er kritisiert - ein allgemeiner "Wertemangel" beklagt. Im Potsdamer Magazin Cicero beschreibt der holländische Schriftsteller Leon de Winter allmonatlich die neue Weltanschauung: "Wenn alles gleichrangig geworden ist, wenn alles auf gleicher Höhe oder Tiefe nebeneinander existiert, ist alles gleich schön oder gleich hässlich, und alles wird zu einer Frage individuellen Geschmacks". Diese Tendenz, jede Diskriminierung im Keim zu ersticken, sei in den sechziger und siebziger Jahren entstanden, meint de Winter. "Der Bürger wurde dadurch zum Bürgerschwein". Aber er "hat jetzt genug. Die kulturelle Revolte aus den sechziger Jahren scheint in den letzten Zügen zu liegen".

Und das ist auch gut so, möchte man mit dem Berliner Regiermeister Wowereit hinzufügen. Jedenfalls, wenn man den Film Das Netz des Leipziger Künstlers Lutz Dammbeck gesehen hat, der am 17. Januar in der Akademie der Künste gezeigt wurde - mit anschließender Diskussion. Es ging darin um die 68er-Einflüsse, die den einstigen Berkeley-Mathematiker und späteren Terror-Bomber Kaczinsky geformt haben könnten. Gibt es nicht doch einen direkten Weg von der Hippiebewegung, von den Technik-Freaks und von den Adorno-Studien über den "autoritären Charakter" zum Mord? Der Regisseur des von so ziemlich allen Bundesländern geförderten Forschungsfilms lässt zumindest das Ende offen. Nehmen wir diese Offenheit beim Wort und hoffen, dass sich der Wind wieder dreht. Und sei es nur, um uns an den neuen Wendungen von Hauff, Horx und de Winter zu ergötzen.


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00:00 18.02.2005

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