Die Halsschlagader

Kaschmir Die umstrittene Gebirgsregion ist für Indien heute weniger Konfliktgebiet als viel mehr Testfall für seinen Aufstieg als Regionalmacht

Nach dem Kaschmir-Krieg im Frühsommer 1999 (auch bekannt als Kargil-Krieg/s.unten), als die indische Armee einer begrenzten pakistanischen Intervention unter großen Opfern Einhalt gebot, war bei den politischen Nachwehen dieses Schlagabtausch plötzlich vieles anders als gewohnt. Wie sich bald zeigte, wurde in Delhi die Kaschmir-Frage nicht mehr vorrangig als bilateraler Konflikt mit Pakistan gedeutet, sondern einer neuen Hegemonialpolitik untergeordnet.

Doch der Reihe nach. Als am 14. Juli 1999 die Waffen endgültig schwiegen, war Indien (noch) bereit, prinzipiell anzuerkennen, dass eine Lösung im Kaschmir-Konflikt nur mit Pakistan, niemals ohne oder gegen den Intimfeind zu erreichen sei. Pakistan dagegen hatte einmal mehr erkennen müssen, es blieb ein Wunschtraum, Indiens Militärmacht gewachsen zu sein.

Seither ist fast ein Jahrzehnt vergangen. Und viel spricht dafür, dass Indien seinen Aufstieg als Regionalmacht inzwischen daran misst, wie es Pakistan in der Kaschmirfrage zur Räson bringen kann, ohne den Gegner über Gebühr zu demütigen. Delhi scheint davon überzeugt, sollte es erneut zu einem kriegerischen Konflikt zwischen beiden Staaten kommen, wird bei dieser Gelegenheit auch die Kaschmirfrage so gelöst, dass die Waffenstillstandslinie von 1947 (s. unten) zur verbindlichen Staatsgrenze erhoben wird. Eine Autonomie der gesamten Region, eine mögliche Unabhängigkeit oder gar ein Anschluss an Pakistan - jede dieser Optionen wäre damit für immer perdu, die Provinz Jammu und Kaschmir auf ewig ein Bundesstaat der Indischen Union. Ein logisches Szenario, auch wenn die Risiken eines derart ultimativen Ansatzes nicht zu verkennen sind.

Terroristische Subversion

Für Pakistan hätte eine solche Entwicklung das Zeug zum nationalen Trauma. Auch wenn nach dem Kargil-Krieg in Islamabad defensiv argumentiert und eingestanden wurde: Nach all den Versuchen über Jahrzehnte hinweg, eine Entscheidung zu erzwingen und Kaschmir in Gänze zu erobern, beseelt uns nun die Einsicht, der Kaschmir-Konflikt lässt sich nur friedlich lösen.

Ein reines Lippenbekenntnis, tatsächlich unterstützte Islamabad muslimische Freischärler wie eh und je tatkräftig, wenn sie zu Kommandounternehmen in den indischen Teil Kaschmirs zogen, Attentate verübten und die gegnerische Armee herausforderten. Indien ließ sich davon nie über Gebühr beeindrucken, setzte auf paramilitärische Formationen wie die National Rifles und verstand es, das Blatt geostrategisch als auch psychologisch zu wenden. Mit Verweis auf den Fall Afghanistan wurde Pakistans Kaschmir-Politik in die Nähe der terroristischen Subversion gerückt, gegen die man sich schützen müsse. Selbstbehauptung in Kaschmir, das sei für Indien die nationale Spielart des weltweiten Abwehrkampfes gegen den Terror. Als Regionalmacht stehe man damit an der Seite verantwortungsbewusster Nationen in einer Verteidigungslinie der Zivilisation. Zugleich präsentierte Premier Singh (Kongresspartei) zuletzt von Zeit zu Zeit eine pragmatische Lösungsvariante, die soviel weltläufiger und moderner schien als das dumpfe Beharren und religiöse Bekennertum Pakistans. Er insistierte einfach, nicht die ungeregelte Zughörigkeit der geteilten Gebirgslandschaft sei des Kernproblem im bilateralen Verhältnis, vielmehr müsse man über eine Liberalisierung des Handels wie den Ausbau von Verkehrswegen reden und gemeinsam allen Bestrebungen widerstehen, die Kaschmir-Frage zu internationalisieren.

Gefährliche Metaphern

Bis auf Jawaharlal Nehru gab es wohl keinen indischen Premier, der den Kaschmir-Konflikt nicht als Vehikel betrachtete, um der Nation Ergebenheit und Respekt zu zollen - dies möglichst martialisch. Als sich Mitte 2001 die Amtszeit von Ministerpräsident Vajpayee, des Führer der hindu-nationalistischen Bharatiya Janata Party (BJP), ihrem Ende zuneigte, war stets die Rede davon, mit dem geteilten Kaschmir einem "Erbe der Kolonialzeit" gegenüber zu stehen. Die BJP startete eine Propaganda-Kampagne und bezeichnete Kaschmir als "Ang", als einen Körperteil Indiens, der nicht amputiert werden dürfe.

Pakistans Führung unter General Pervez Musharraf konterte mit einer Metapher, die noch drastischer und drohender klingen sollte als die Vorgabe aus Delhi. Kaschmir sei "Shahrag", tönte es aus Islamabad, die Halsschlagader des Landes. Durch sie pulsiere das Lebensblut Pakistans. Mühelos ließ sich zu Ende denken, was gemeint war. Der Kampf um Kaschmir galt als Mutter aller Schlachten, durch nichts zu ersetzen und um jeden Preis zu gewinnen. Bei allem Pathos war die Metapher von der Halsschlagader freilich verräterisch. An Kaschmir konnte die Nation allem Opfermut zum Trotz auch verbluten. Wenn nicht in Gänze, so doch mit ihrer "Seele". Folglich musste jedes Mittel recht sein, das zu verhindern. Und seien die Mittel Terror, Subversion und Massenmord.

Aber man befand sich 2001 nicht mehr im Jahr 1989, als die Sowjetarmee aus Afghanistan abzog und alle Welt wusste, in dieser Niederlage spiegelte sich der Sieg einer islamischen Guerilla, deren militärisches Potenzial ohne die Vereinigten Staaten undenkbar gewesen wäre. Damals glaubten viele, die sich zur Widerstandsfront in Jammu und Kaschmir zählten, was den Mudschaheddin zwischen Kandahar und Kabul gelungen sei, müsse sich auch zwischen Kargil und Srinagar wiederholen lassen, um die verhassten indischen Besatzer zu vertreiben, die eine mehrheitlich muslimische Bevölkerung drangsalierten. Es sei legitim, dabei fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen. Wie in Afghanistan geschehen. Die damals stärkste Kraft der islamischen Kaschmir-Guerilla, die Hisbul Mudschaheddin, rekrutierte Söldner aus Afghanistan, Ägypten und dem Sudan. Kaum anders hielten es 1989/90 Gruppierungen wie Lashkar-e-Toiba (LeT/die indische Regierung hält sie für den Vollstrecker der Mumbai-Attentate) und Jaisch-e-Mohammed (JeM/mit Verbindungen zu al-Qaida).

Dann aber sorgte der 11. September 2001 für den endgültigen Paradigmen-Wechsel in der amerikanischen Afghanistan-Politik. Fortan firmierten islamische Freischärler, ob sie sich Taliban oder "Kämpfer des Lichts" nannten wie in Kaschmir, als Sendboten des Teufels, die auf einer Achse des Bösen saßen und nur eines verdienten - von den vereinten Streitkräften des Guten, zunächst der USA und Großbritanniens, später der gesamten NATO bekämpft zu werden. Indien hatte umgehend die Zeichen der Zeit erkannt, widmete seine Kaschmir-Politik dem Anti-Terror-Kampf und war den Amerikanern plötzlich so nah wie nie zuvor seit der Staatsgründung von 1947.

Pakistan wurde in dieser Situation zum Opfer seines nationalistischen Fiebers, das es aus Gründen der Staatsräson in der Kaschmir-Frage immer hoch getrieben hatte. Über Nacht avancierte Putschist und Anti-Demokrat Pervez Musharraf zum treuen Vasallen der westlichen Wertegemeinschaft, obwohl er bis dahin einen jener drei Staaten weltweit geführt hatte, der diplomatische Beziehungen zur Taliban-Regierung in Kabul unterhielt. Nun musste Pakistan die Fronten wechseln, konnte das aber weder mit seiner Geschichte, seinem Selbstverständnis, seinen Geheimdiensten und subversiven Neigungen tun. In Sachen Kaschmir wurde damit indische Überlegenheit zementiert. Pakistan blieb nur der terroristische Offenbarungseid.

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00:00 11.12.2008

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