Die Hassliebe zu den Kandidaten

Frankreich Benoît Hamon hat die Vorwahlen der Sozialisten überraschend gewonnen, und François Fillon gerät immer mehr unter Druck. Die beste Chancen scheint ein anderer zu haben
Rudolf Walther | Ausgabe 05/2017 8
Die Hassliebe zu den Kandidaten
Benoît Hamon, der linke Überrschungskadidat der Sozialisten
Foto: Bertrand Guay/AFP/Getty Images

Wie mit der Auswechslung von Sigmar Gabriel als SPD-Kanzlerkandidat werden nun wohl auch im Präsidentschaftswahlkampf in Frankreich die Karten neu gemischt. Der Linke Benoît Hamon hat die Vorwahlen gegen den Ex-Premierminister Manuel Valls überraschend klar gewonnen – das könnte die Ausgangslage verändern. Denn auch François Fillon, der Kandidat der konservativen Republikaner (Les Républicains, LR), ist in Turbulenzen geraten – wegen der mutmaßlichen Scheinbeschäftigung seiner Frau im Senat. Die Beschäftigung von Familienmitgliedern ist nicht grundsätzlich verboten – dennoch prüft die Staatsanwaltschaft Ermittlungen. Zöge Fillon seine Kandidatur zurück, würden sich bei den Konservativen wohl Alain Juppé und Ex-Präsident Nicolas Sarkozy erneut bewerben. Deren Chancen kann niemand seriös beziffern.

Daraus ergibt sich für die beiden Wahlgänge Ende April und Anfang Mai eine unübersichtliche Konstellation. Es könnten der für seinen eigenen Wahlverein „En Marche“ antretende Ex-Minister Emmanuel Macron und die Rechtspopulistin Marine Le Pen vom Front National in die Stichwahl kommen, der in den neuestn Umfragen geradezu nach oben schießt. Eine wichtige Variable dabei bleibt der Kandidat der Linkspartei (Parti de Gauche, PG) Jean-Luc Mélenchon. Verzichtet dieser auf seine Kandidatur – was unwahrscheinlich, ein Feld für Kaffeesatzleserei ist –, würde eventuell auch die zerstrittene Sozialistische Partei noch einmal ins Rennen kommen. Gelänge es ihrem Kandidaten Benoît Hamon, die Partei zu einigen und auch den rechten Flügel hinter sich zu versammeln, hätte er vielleicht noch Chancen auf die Stichwahl. Immerhin hat Hamon es geschafft, dass am zweiten Durchgang der Vorwahlen der Sozialisten ein Viertel mehr Wähler teilnahmen als noch am ersten. Das hätte niemand so erwartet.

Es gibt derzeit keine belastbaren Prognosen für den Ausgang des ersten Wahlgangs bei den Präsidentschaftswahlen. Schon zum Ausgang der Vorwahlen bei Konservativen wie Sozialisten haben alle Umfragen durchweg die Falschen als Sieger gesehen. Unter den beiden unabsehbaren Voraussetzungen, dass, erstens, Fillon seine Kandidatur zurückzieht und, zweitens, einer der vier aussichtsreichen Kandidaten – Hamon, Le Pen, Macron, Juppé/Sarkozy – mehr als 30 Prozent der Stimmen gewinnt, steht ein enges Rennen um die beiden Plätze für die Stichwahl bevor.

Damit es zu einer Stichwahl Macron/Le Pen kommen könnte, müsste eine sehr große Zahl von potenziellen Linkswählern zum ehemaligen Wirtschaftsminister der Sozialisten und jetzt unabhängigen Kandidaten Macron abwandern – und gleichzeitig müssten viele Wähler der Republikaner zu Hause bleiben. Davon gehen vor allem konservative Gurus aus, die schon die Totenglocke zur Beerdigung der Sozialistischen Partei läuten hören.

Wenn man sich nicht auf Spekulationen einlassen will, bleiben nur wenige belastbare Fakten: Der wirtschaftsliberale Ex-Wirtschaftsminister der Sozialisten, Macron, hat kein echtes politisches Programm. Seine Rolle als Hoffnungsträger verdankt er nicht der massenhaften Mobilisierung der Bevölkerung, sondern eher den Pariser Salon-Linken. Die für Macron günstigste Prognose verzeichnet einen Wähleranteil von 27 Prozent, damit liegt er nunmehr auf Platz 1 in den Umfragen – und himmelweit vor Hamon. Was ihn bremsen könnte ist, dass seine Arbeitsrechtsreform massive Proteste hervorgerufen hatte. Macron wird geliebt – und gehasst. Das Einzige, was er mit Marine Le Pen gemein hat.

06:00 02.02.2017

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