Die Hausener Handballhausse

Sportplatz Kolumne

Schon im Vorfeld der schließlich bravourös verlaufenen Handballweltmeisterschaft hatte Bundestrainer Heiner Brand die Bundesligisten aufgefordert, ihre Kader mit mindestens drei deutschen Spielern zu bestücken, andernfalls drohe dem heimischen Handball über kurz oder lang das Aus. Und erst jüngst, anlässlich der Verleihung der Goldenen Sportpyramide, hielt Brand noch mal eine Rede desselben Tenors; seine Resignation konnte er allerdings nicht mehr verhehlen: "Ich werde den Dialog jetzt nicht weiter suchen. Eigentlich müsste ein solches Vorgehen eine Selbstverständlichkeit sein. Die Vereine vergessen dabei, dass es auch für sie nicht gut ist, wenn die Popularität des Handballs sinkt."

Unvermindert populär ist der Handballsport in dem glücklichen, artigen Dorf Hausen bei Rottweil, der ältesten Stadt Baden-Württembergs. Peter Burri, Dramatiker, Tierkriminologe und Betreiber des Gasthauses Adler, das unter Weltkulturerbeschutz gestellt werden müsste und obendrein als "Volksbildungsheim" (Burri) fungiert, schreibt mir in Anbetracht der von Heiner Brand angesprochenen existentiellen Probleme: Der Chefcoach des Handballbundesligisten HBW Balingen-Weilstetten, Dr. Rolf Brack, habe "in seiner Auswahl", die unlängst als Tabellendreizehnter sensationell den Klassenerhalt geschafft hat, ein einwandfrei "deutschstämmiges Trio" - und zwar "sogar nicht mal bloß aus dem heimischen Bezirk (Neckar-Zollern-Alb), Herr Rolf B. schöpft aus einem Dorf. Aus Hausen ob Rottweil. Bracks Ergänzungsspieler (Oberliga) kommen auch von dort. Jedenfalls mehrere."

Das Hausener Handballwunder wurzelt tief in der Geschichte. "Ein ähnliches Kuriosum", fährt Burri fort, "gab es schon Ende der fünfziger Jahre. Damals war in der Landesliga Württemberg der hübsche Tabellenstand zu betrachten: 1. Stuttgart (Einwohner damals 508.307), 2. Böblingen (98.456), 3. Pfullingen (28.930), 4. Hausen (damals 428)." Später, genaugenommen 1995, stellte Hausen, sich der erdrückenden Konkurrenz von Göppingen bis eben Pfullingen erwehrend, den Württembergischen Großfeldmeister. Der SV Hausen, 1923 gegründet, war somit zur wahren Handballkeimzelle Deutschlands herangewachsen.

"Zwischenzeitlich", muss Peter Burri allerdings einräumen, "hatte man sich aus dem überregionalen Spielbetrieb zurückgezogen. Begründung (wir zitieren aus der Vereinschronik): ›Es wäre auf die Dauer nicht tragbar gewesen, für jedes Auswärtsspiel rund 100 Mark zuzusteuern. Darüber hinaus mussten die Eltern einiger Spieler am Sonntag die landwirtschaftlichen Arbeiten anstelle der Söhne selbst besorgen.‹" Irgendwie folgerichtig war der Klub, so die Chronik, "nicht sonderlich am Aufstieg interessiert".

Das bremste die singuläre Schar der sportlichen Eleven jedoch in keiner Weise. "Dem Handball frönte die Dorfjugend natürlich weiter", berichtet Burri. "Vorzugsweise ›hinterm Haus‹ des Anwesens Ettwein, gleich neben dem Hühnerstall. Dort sind heute neben tierischen Hinterlassenschaften noch die Fußstapfen zu betrachten, zum Beispiel des Mannschaftskapitäns des Junioreneuropameisters 2006. Denn eine Sporthalle gab es in Hausen lange nicht. Mittlerweile gibt´s die zwar schon, doch kann sie auf Grund räumlicher Begrenztheit (Geldmangel) nur für Gymnastik genutzt werden. Und die Wandverkleidung hält den Würfen speziell Hausener Asse nicht stand. So müssen die Heimspiele in der Kreisstadt absolviert werden", in der Rottweiler Doppelsporthalle beim Schulzentrum.

"Technikschulung aber findet nach wie vor zwischen Ettweins Federvieh statt", erzählt Burri, "winters ergänzt durch Übungen mit dem Schneeball auf ein bestimmtes kleines Fenster (20 x 40 cm) des örtlichen Traditionsgasthauses Adler. Hausener Handballer treffen es aus fünfzig Metern Entfernung auf Anhieb. Zum Glück ist es aus Panzerglas - eine Spende der mitfühlenden Familie Ettwein. Beliebt auch: Torwarttraining im Adler die Flurtreppe hoch mit rohen Eiern."

Das Mirakel von Balingen-Weilstetten - Aufstieg 2006 und nun Verbleib im Handballoberhaus - ist hausengemacht, bewirkt von drei Hausener Buben, die bis heute ausgesprochen gesittet im Adler verkehren und erst auf dem Feld zu Granaten mutieren. Frank "Litti" Ettwein, die "spielerische Säule" des HBW, hat sich ob "seiner dörflich-rustikalen Gangart beim Gegner nicht unbedingt beliebt gemacht", meint Peter Burri (bei Trainer Brack dafür um so mehr, er ernannte ihn zum "Spieler des Jahres"). "So unterlag der Spitzenklub Lemgo dem HBW im Dezember deutlich vor allem deswegen, weil die heutigen Weltmeister Baur und Kehrmann an ›Litti‹ kaum vorbeikamen. Neuerdings trägt er den Zunamen ›Wadenbeißer‹, da er, einmal selbst gefoult, sich mit der genannten Methode umgehend revanchierte. Nur ausnahmsweise ist ›Litti‹ in den Schlussminuten noch im Spiel. Nach der dritten Zeitstrafe hat er auftragsgemäß sein Soll erfüllt und bleibt regelkonform draußen."

Wolfgang Strobel, Chef der Abwehr, wurde "mit zweiundzwanzig zum Mannschaftskapitän gekürt" und sei "ein junger Mann mit zwei Seelen", wie Burri erläutert: "In Balingen absolute Respektsperson auf dem Feld, neben dem Feld, in der ganzen Stadt, trinkt er im Milchhäusle, dem Treff der Katholischen Jugend Hausen, sein Spezi nach wie vor brav in der zweiten Reihe."

Sein Bruder, Martin Strobel, verkörpert die junge Ruhmesgeschichte des HBW am sinnfälligsten. Spielorganisator im Rückraum, bombensicherer Siebenmeterschütze und Torjäger in Personalunion - der Kapitän der Junioreneuropameister 2006 und Torschützenkönig sowie Spieler des Turniers in Österreich vor einem Jahr "gilt heute schon, als 20-Jähriger, auf seinem Posten auf Halblinks und Mitte als wirkungsvoller denn Markus Baur und Michael Kraus" (Burri) - weshalb ihn Heiner Brand vor kurzem ins A-Team berief, was der bescheidene Weltstar in spe dem schnauzbärtigen Sympathieträger prompt mit drei Treffern gegen Portugal vergalt.

Peter Burri fasst zusammen: "Ergänzt durch die Oberligaspieler Steffen Ettwein, Dominik Steiner und René Wismar könnten die drei eine respektable rein Hausener Formation bilden, hätte nicht Torwart Thomas Ketterer das Angebot, sich gleichfalls Richtung Bundesliga zu orientieren, abgelehnt. Begründung: Er braucht sonntags zwar nicht mehr daheim Stall und Acker zu versorgen, ist aber als Ministrant von St. Maria (Hausen) zu stark noch eingebunden."

Mag der deutsche Handball trotz WM-Titels möglicherweise dem Untergang geweiht sein, der Hausener Handball hüpft von Hoch zu Hausse, Ettwein, Strobel Strobel und denen, die da kommen werden, sei Dank. Und Peter Burri, der den Adler zu praktisch jeder Tages- und Jahreszeit weiterhin eisern als unzerstörbare Trainingsstätte zur Verfügung stellt.


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00:00 29.06.2007

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