Die Haut der Wörter

Vielzüngig Die poetische "Klimaforschung" der Nora Gomringer

Eine Dichterin, die singt, psalmodiert und sich von ihrer Sprachverzückung zu rhapsodischen Versen hinreißen lässt: So etwas hat die kleine deutsche Lyrik-Welt schon lange nicht mehr erlebt. Bislang waren ja die Reiche der feuilleton-kompatiblen Lyrik und der alltagsgesättigten Vortrags-Kunst der sogenannten "Spoken-Word"-Szene durch unüberwindbare Literaturbetriebs-Mauern getrennt. Mit der Dichterin und Performancekünstlerin Nora Gomringer ist nun eine sprachbesessene Poetin auf die Bühne getreten, die in beiden Welten zuhause ist und die territorialen Grenzen zwischen den Dichter-Szenen auflöst - sie vereint die Suggestivität des mündlichen Gedichtvortrags mit einem außergewöhnlichen Sensorium für die phonetischen und semantischen Assoziationshöfe der Wörter. Nora Gomringer, die 1980 in Neunkirchen geborene und in Bamberg lebende Tochter des legendären Urahnen der experimentellen Poesie Eugen Gomringer, ist ein gewaltiges Stimmentalent: Eine Autorin, die der Sprache einen Körper gibt und ihr Gestalt und Kontur verleiht - eben durch die oratorische Wucht ihrer "Sprechtexte". Es war bislang ein großes Manko der Spoken Word-Künstler, dass sie ihre Darbietung einzig und allein auf gestenreich herausgeschleuderte Wort-Exaltationen stützten und sie dabei mit meist simpel gestrickten Reimereien flankierten. Diese Artistik der Mündlichkeit hatte den großen Nachteil, dass sie als schriftliche poetische Textur fast nie bestehen konnte, sondern sich meist als erschreckend naives Reimspiel ohne jede sprachreflexive Substanz entpuppte.

Bei Nora Gomringers "Sprechtexten" gilt diese traurige Regel nicht mehr. Ihre Ankündigung, etwas "Unerhörtes" und "Außergewöhnliches" mit der "durch und durch bekannten" Sprache "zu machen", ist nicht eine bloße Absichtserklärung, sondern wird durch die Mobilisierung unterschiedlichster Sprechhaltungen und Formexperimente mit Leben erfüllt.

Gomringers neuer, mittlerweile dritter Gedichtband Klimaforschung, dem eine CD mit eindrucksvollen Rezitations-Proben beigegeben ist, untersucht in vier großen Kapiteln die diversen Mikro- und Makro-Klimata der Spezies Mensch. Der Band laboriert an einigen Stellen noch mit jener bräsigen Einfachheits-Ästhetik, die in der Ära der Alltagslyrik in den siebziger Jahren kanonisiert wurde. Das betrifft im wesentlichen einige Liebesgedichte, in denen ein melancholisches Ich von kleinen und größeren Momenten des Scheiterns in privaten Liebestragödien erzählt. Aufregend wird Gomringers Poesie immer dann, wenn sie aus den eindimensionalen Mustern des gefühligen Bekenntnisses oder der Märchen-Motivik heraustritt und in einer polylingualen, also vielzüngigen Sprache spricht.

Im Gedicht Dich aus dem Leben lösen schieben sich zum Beispiel zwei synchron gesprochene Versbewegungen übereinander - das lapidare Protokoll eines Sterbens steht neben atemlos hingeworfenen Formeln des Abschieds. Hier wird die Sprache aus ihren alten Verankerungen gelöst und in Bewegung gesetzt - ohne dass sie in Richtung einer ebenso eindeutigen wie ermüdenden Pointe gehen muss. Auch die poetische Mimikry an die große Weltpoetin Friederike Mayröcker erzeugt ein existenzielles Vibrieren, das der mündlichen Dynamisierungs-Techniken gar nicht mehr bedarf: Ich liebe das Ding, das du bist, bist und bist, der / Maschine gleich / In einem Hals eingebunden die Wörter / Die möchten, nein, wollen, was die Ohren hören / Tiefer, brennender ist die Liebe eine Heilung / Eine Verbrennung, Narbe, hässlich auf der Hand / Über den Lippen wie der Mondschatten / Das Sprechenwollen der Kehle vernäht zu einem / Bauschigen Saum, die Stirn daran gepresst / Nicht gehen lassen wollen, nicht bleiben können / In diesen Stunden der blassen Lichter in Stuben / Der Näherinnen, der Frauen, die auftrennen / Immermüd"

Tatsächlich entsteht hier etwas von jener lyrischen "Magie", die Gomringer in ihrem bereits erwähnten programmatischen Gedicht "Ich werde etwas mit der Sprache machen" ironisch herbeizitiert. Ein anderer Text handelt von der Ambivalenz der Wort-Häute und den Erschütterungen unterhalb der Haut-Oberfläche. "Die Wortidyllen haben Häute", hatte dereinst der Großstadtpoet Rolf Dieter Brinkmann verkündet, "man muss sie abziehn." Nora Gomringer tastet sich erst einmal unter die Hautoberfläche der Wörter. Dort beginnt jene existenzielle Beunruhigung, ohne die moderne Poesie nicht auskommt: "Hat das Wort eine Haut / Genommen von einem schnellen Tier / Gezogen über die Milch / Gesogen in einen Leib / Gesenkt in die Magengrube / Löwen darin, satt und still".

Nora Gomringer Klimaforschung. Mit Audio-CD. Voland Quist, Dresden und Leipzig 2008, 96 S., 14,90 EUR

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00:00 27.11.2008

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