Die Heimat des Absurden

Rücksichtslosigkeit In Rumänien überbietet sich eine Gruppe von „Top-Intellektuellen“ um Mircea Cartarescu in krudem Herrschaftsdenken

Wenn Ionesco noch lebte, fände er in seiner alten, ungeliebten Heimat ständig Stoff für seine Stücke. Gerade erschüttert ein neuer Skandal die Bukarester Kulturgemeinschaft: Der Historiker Marius Oprea, Begründer und Leiter des „Instituts zur Erforschung der Verbrechen des Kommunismus“, ist am vergangenen Wochenende trotz massiver Proteste aus In- und Ausland abgesetzt worden. Sein Vergehen: Ein Zuviel an Diensteifer und ein Zuwenig an Ergebenheit gegenüber Staatspräsident Traian Basescu.

Oprea gilt als ebenso verbissener Securitate-Jäger wie Basescu-Gegner. Deshalb hat ihm nicht einmal Herta Müllers in Observator Cultural veröffentlichter Unterstützungsbrief geholfen, in dem sie die sich abzeichnende Absetzung als „gewonnene Schlacht“ der alten Mächte wertete. Oprea wurde durch den Basescu loyal zur Seite stehenden Politologen Vladimir Tismaneanu ersetzt. Nun ist dieser Skandal nur der aktuelle Höhepunkt in dem seit langem währenden Streit um „Basescus Intellektuelle“, zu denen auch der Essayist Horia-Roman Patapievici oder der hochgelobte Schriftsteller Mircea Cartarescu zählen.

Ihnen wird vorgeworfen, dem Präsidenten blind und kritiklos zu folgen wie servile Parteiaktivisten. Die Kritisierten selbst rechtfertigen ihre Parteinahme damit, dass Basescu den Kommunismus öffentlich verurteilt habe und sich zur konservativen Doktrin bekenne. Da er der Korruption, den „Oligarchen“ und „Mogulen“, also schlicht und einfach dem „ruchlosen System“, den Kampf angesagt habe, stehe er moralisch höher als seine Gegner und stelle als einziger eine echte Alternative dar.

Lob der Hierarchie

Die Fakten sehen allerdings etwas anders aus. So hat sich die hehre „Verurteilung des Kommunismus“ in der Praxis als rein politisch bedingtes Lippenbekenntnis erwiesen. Opreas Fall bezeugt dies. Sein Institut hat in den letzten vier Jahren 400 Folterknechte des alten Regimes ausfindig gemacht und vor Gericht bringen wollen. Gegen keinen einzigen wurde jedoch Anklage erhoben. Das Bestreben, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen, ist überhaupt unerwünscht. Nachfolger Tismaneanu wird daher die Arbeit des Instituts, das, man staune, er aus den Vereinigten Staaten leiten will, auf eine theoretische Verurteilung konzentrieren und auf Strafverfolgungsmaßnahmen verzichten.

Das hat seine Gründe: Die alten Securitate-Seilschaften kontrollieren nach wie vor Wirtschaft und Politik. Andererseits befindet sich der rumänische Staat in einem fortgeschrittenen Auflösungszustand. Die Korruption ist auf allen Ebenen allgegenwärtig, der „öffentlichen Raum“ in einem desolaten Zustand. Die Politiker, die mehrheitlich Interessengruppen vertreten, verwechseln allzu oft das allgemeine Wohl mit dem privaten.

Präsident Basescu selbst ist alles andere als unbescholten. Den eigenen Aufstieg unbeirrt vor Augen, hat er das politische Spektrum von links nach rechts durchwandert. Seine Kritiker werfen ihm vor, zwielichtige Gestalten zu fördern und im „Kampf“ gegen die „Oligarchen“ mit zweierlei Maß zu messen: Er greife nur diejenigen, die die Opposition unterstützten, an, protegiere hingegen konsequent die ihm treu ergebenen. So trage vor allem er, der stets nach dem Grundsatz divide et impera handelt, die politische Verantwortung für die Misere im Land. In Rumänien hat der Haftungsgedanke aber noch keine Wurzeln geschlagen. Mehr noch: In der Heimat des Absurden, wo alles auf den Kopf gestellt scheint, gilt Rücksichtslosigkeit gar als bewunderungswürdige Tugend. So nimmt es kein Wunder, dass Basescu im Winter wiedergewählt wurde.

Warum also unterstützt die prominente Intellektuellengruppe diesen ehemaligen Schiffskapitän wirklich? Einen Mann, der sich mehr durch seine „Spielernatur“ als durch seine Bildung auszeichnet und nicht selten durch sexistische und rassistische Bemerkungen sowie harsche Journalistenschelte auffällt? Die Denkweise und die gesellschaftliche Stellung der Gruppe liefert hierfür vielleicht eine Antwort. Nehmen wir Mircea Cartarescu, der in Deutschland für seinen Bukarest-Roman Die Wissenden hoch gelobt und mit Proust verglichen wurde (siehe Kasten).

Seine wöchentlichen Kolumnen in Basescus Sprachrohr Evenimentul Zilei weisen ihn allerdings eher als Verwandten von Houellebecq aus; für einen so gefeierten Schriftsteller legt er eine doch ziemlich kleinliche Gesinnung an den Tag. So vermag er sich darüber aufzuregen, dass Filme wie Avatar den Amerikanern „Selbsthass“ und „Schuldbewusstsein gegenüber den Indianern und der Natur“ einimpften, oder bei vielen Umweltorganisationen eine sauer aufstoßende „Mischung aus Linksex­tremismus, Anarchismus, Naivität und guten Absichten“ festzustellen sei.

Dass gerade Cartarescu als größte Nobelpreishoffnung gilt, während die wirklich großen Romanciers Rumäniens im Ausland unbekannt geblieben sind, lässt vermuten, dass manche, um Lampedusa zu paraphrasieren, das Wasser dem Marsala-Wein vorziehen. Patapievici, mit der Leitung des rumänischen Kulturinstitutes betraut und eigentlicher Wortführer dieser Gruppe, bezeichnet sich selbst als „weiß, rumänisch, christlich orthodox und heterosexuell“. „Elite“ und „kulturelle Wertehierarchie“ preist er in solchem Maße, dass er sich manchmal zu befremdlichen Äußerungen hinreißen lässt, etwa: „Das Leben eines hungrigen Kindes ist nicht mehr wert als das Leben, das diejenigen, die 1944 Venus von Milo vor der Deportation retteten, verloren haben.“

Während er den „Individualismus“ verherrlicht, verachtet er den Multikulturalismus als „Offensive einer schwarzen Epistemologie, die behauptet, dass alles allem gleichzusetzen sei“. Und als ob ein oberflächlich verstandener Nietzsche und die Irrtümer des jungen Cioran einer Wiederholung bedürften, schwärmt er für „starke, eitle und realistische Naturen“ und für einen „grausamen, luziden, unbarmherzigen“ Patriotismus. Kein Wunder also, warum diese Gruppe ihrem Alpha-Tier-Atavismus nachgibt und dem „starken Mann“ Basescu folgt.

Stalinisten von rechts

Obwohl in Rumänien Frauen, Homosexuelle oder ethnische Minderheiten bestenfalls auf dem Papier gleichberechtigt sind, kapriziert sich die Gruppe auf den Kampf gegen die „politische Korrektheit“. Soziologie und Psychologie interessiert sie wenig – Psychologie höchstens, wenn es darum geht, jede Gesellschaftskritik umstandslos als Folge eines „Ressentiments“ zu deuten. Überhaupt verwechselt sie Kritik mit „Hass“. Wer wen warum „hasst“, liegt auf der Hand: Der „Mittelmäßige“, „Frustrierte“, „Ungeliebte“ „hasst“ aus „Neid“ den Höherstehenden, zu Recht Erfolgreichen. Diese arrogant auftretende Mentalität bleibt nicht folgenlos. Jeder Andersdenkende kann so verleumdet werden. Die Gruppe ist ja nicht eine unter vielen anderen. Zu ihr gehören die (sich selbst so benennenden) „Top-Intellektuellen“.

Sie geben in der rumänischen Kultur den Ton an und erheben den Führungsanspruch. Da sie in Verlagen, Instituten und Redaktionen Schlüsselpositionen innehaben, können sie diesen auch durchsetzen. Vom Korpsgeist geprägt, schützen und fördern sie ihre Mitglieder, sogar dann, wenn sie überführte Securitate-Mitarbeiter sind. Der in den USA lehrende Soziologe Sorin Adam Matei bemängelt diese hierarchische Organisation der rumänischen Kulturwelt und bezeichnet die „öffentlichen Intellektuellen“ als eine „Prestigegruppe“, die mit ihrem aristokratischen Gebaren die Welt in der dünnen Schicht der „Boyaren des Geistes“ und dem Rest der Sterblichen teilt.

Das hat ihm von Ga­briel Liiceanu, dem Übervater des rumänischen Verlagswesens, der seinerzeit auch Patapievici und Cartarescu hochgepuscht hat, Schelte eingebracht. Mateis Theorie habe einen „proletarischen Beigeschmack“, hinter ihr lauere die „Lynchjustiz“. Dass durch solche Anschuldigungen jede Diskussion, jede Kritik im Keim erstickt wird, liegt auf der Hand. Die Gegner dieser Gruppe, die das kulturelle Monopol innehat, können sich nur schwer öffentlich behaupten – vor allem dann, wenn sie als „Linke“ abgestempelt sind. So hat sich in Rumänien kein Verlag bereit erklärt, den vom intellektuellen nationalen Mainstream abweichenden Aufsatzband Die Illusion des Antikommunismus zu publizieren: Er musste in der Republik Moldawien erscheinen. Dieser Tatbestand habe die „informelle Zensur“ der Kulturrechten sichtbar gemacht, so Ovidiu Tichindeleanu, einer der Herausgeber dieses Bandes. Was den „Antikommunismus“ betrifft, kennen die „Top-Intellektuellen“ eben kein Pardon. Sie beanspruchen ihn ganz für sich. Wäre da nur nicht der Umstand, dass manch einer von ihnen der alten Nomenklatur entstammt ... Deshalb werden sie nicht selten als „Stalinisten von rechts“ wahrgenommen.

Die Nähe zu Basescu hat ihnen den Aufstieg in noch höhere Sphären ermöglicht. In den letzten Jahren sind sie zu Präsidentschaftsberatern, Europarlamentariern, Staatssekretären und sogar Ministern aufgestiegen – wie der amtierende Außenminister, der Theologe Theodor Baconschi. Ihre Gegner sehen daher weniger ideelle als mehr handfeste materielle Interessen in ihrem politischen Engagement, das stets auf Festigung der Machtbasis bedacht ist. Tismaneanus Ernennung kann diesen Eindruck nur bestätigen.

Ioana Orleanu, geb. 1964, ist eine in Deutschland und Rumänien lebende freie Autorin und Übersetzerin

13:55 11.03.2010

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