Die Herren A, B, C und D

Indien/USA Der Fall des CIA-Agenten und Mumbai-­Attentäters David Headley trübt das Verhältnis zwischen Delhi und Washington, weil die US-Behörden eine Auslieferung verweigern

Als David Coleman Headley im Oktober 2009 im Flughafen von Chicago vom FBI festgenommen wird, platzt das Mickey Mouse Projekt. Das Kopenhagener Redaktionsbüro der Zeitung Jyllands-Posten – Geburtsort der umstrittenen „Mohammed-Karikaturen“ – entgeht durch die Verhaftung einem von Headley vorbereiteten Terroranschlag seiner pakistanischen Handlanger von Lashkar-e-Toiba (LeT). Doch ist Jyllands-Posten nicht das einzige Ziel, das Terror-Scout Headley ausgekundschaftet hat. Es gibt eine lange Liste von anderen Objekten, die ausnahmslos in Indien liegen – obenan die Nationale Militärakademie in Delhi und eine Eliteschule in Dehradun. Die indischen Sicherheitsbehörden müssen auf Alarmstufe I schalten.

Geheime Verschlusssache

Im Oktober 2009 wird schnell klar, dass dem FBI mit Headley ein großer Fisch ins Netz gegangen war. Der 49-jährige Amerikaner pakistanischer Abstammung erweist sich als Schlüsselfigur der Terroroperation „26/11“. Die Chiffre steht in Indien für den Albtraum, der die Wirtschaftsmetropole Mumbai im November 2008 heimsuchte und für drei Tage in einen Kriegsschauplatz verwandelte (s. Glossar). Folgerichtig feiert man in Indien Headleys Verhaftung als großen Durchbruch. Die neue Nationale Ermittlungsbehörde eröffnet ein Verfahren gegen ihn und beantragt seine Auslieferung – doch wie aus heiterem Himmel legt das FBI ein kategorisches Veto ein, auch Anträge auf direkte Vernehmung durch indische Ermittler werden abgewiesen. Selbst die sonst so gut funktionierenden Informationskanäle zwischen US- und indischen Geheimdiensten in Sachen Terrorabwehr scheinen plötzlich blockiert. Indien fühlt sich brüskiert, ist enttäuscht und verärgert.

Am 18. März 2010 wird schließlich klar, weshalb das FBI mauerte. Man hat mit David Headley einen Deal geschlossen. Inzwischen diverser terroristischer Aktivitäten – darunter auch wegen der Attentatsserie von Mumbai – angeklagt, bekennt sich Headley in allen Anklagepunkten schuldig und kann damit sowohl der Todesstrafe als auch einer Überstellung an Indien entgehen. Für die US-Justiz bedeutet dieses Agreement, formalen Pflichten enthoben zu sein. Sie braucht keine Beweise gegen den Angeklagten, keine Zeugen, kein Kreuzverhör, sie muss keinem indischen Nebenkläger Akteneinsicht gewährend. Alle Details des „Falles Headley“ bleiben Verschlusssache. Bleideckel drauf!

Aus dem veröffentlichten Teil des mit Headley geschlossenen Abkommens lässt sich unschwer erraten, warum dieser Fall so explosiv ist – der Mann war CIA-Agent. Dies geht, obwohl offiziell bestritten, ganz eindeutig aus seiner Vita hervor. Ob und wie er beides gleichzeitig sein konnte – Geheimdienstagent und Terrorist – ist eine verwirrende Frage. Und bei weitem nicht die einzige in diesem Fall.

Terrorcamp und Hafentour

Bis 2006 trägt David Headley einen pakistanischen Namen, heißt Daood Sayyed Gilani und ist nicht mit Premier Yousaf Raza Gilani verwandt, dafür aber der Halbbruder von Danyal Gilani, dem Pressesprecher des Regierungschefs.

Daood Sayyed wird 1960 in Washington als Sohn eines pakistanischen Journalisten und späteren Diplomaten sowie einer US-Bürgerin geboren. Nach früher Scheidung der Eltern geht er mit seinem Vater nach Pakistan und wird dort bis zu seinem 17. Lebensjahr in einer Elite-Schule der Armee erzogen. Dann holt ihn seine Mutter nach Philadelphia, wo sie inzwischen eine Bierbar betreibt. Das sei für den Jungen zunächst ein Kulturschock gewesen, erklären die Kommentatoren dieser Biografie.

Aber rasch macht Daood Karriere als Drogenhändler, importiert Heroin aus Pakistan, wird deswegen viermal verhaftet, viermal verurteilt und verbringt sechs Jahre im Gefängnis. 1997 erhandelt er sich Haftverkürzung im Austausch gegen Informationen über seine pakistanischen Kontakte. Im November 2001 wird er plötzlich als V-Mann der US-Drogenfahndung nach Islamabad geschickt. Dass die Drogen-Behhörde in Pakistan nach dem 11. September 2001 nicht viel mehr ist als der Deckmantel für eine umtriebige CIA-Filiale, gilt als offenes Geheimnis.

Wenige Monate später finden wir den jungen Agenten plötzlich in einem Trainingscamp des pakistanischen Terrornetzwerks Lashkar-e-Toiba. Er wird im Umgang mit Waffen und Granaten, im Nahkampf und in diversen Terrortechniken unterwiesen. Innerhalb von zwei Jahren nimmt er an fünf solcher Lehrgängen teil, einige dauern mehrere Monate. Es ist kaum möglich, dass diese Ausflüge der CIA verborgen bleiben; sie muss diese Trips sogar gebilligt, wenn nicht angeordnet haben. 2006 scheint die Zeit reif, LeT hat genügend Vertrauen zu Daood und beauftragt ihn mit der Vorbereitung der Operation Mumbai. Der nun zum Strategen Aufgestiegene legt sich einen anderen Namen und neue Papiere zu (Headley war der Name seiner Mutter), um unauffälliger zwischen Indien, Pakistan und den USA pendeln zu können, und macht sich an die Arbeit. Fünfmal reiste er nach Indien, studiert als Gast minutiös die Hotels Taj Mahal und Oberoi, die bald in Flammen aufgehen sollen, und findet bei mehrfachen Hafenrundfahrten heraus, welchen Kurs das Boot mit der Terror-Crew nehmen, und wie es am besten anlegen kann.

Nach jeder Tour trifft er sich in Pakistan mit den Hintermännern des Unternehmens Mumbai und versorgt sie mit Videoaufzeichnungen, Lageplänen und GPS-Koordinaten. Die CIA weiß offenbar von Headleys Reisen, inklusive der letzten, die noch nach dem 26. November 2008, dem Tag der Anschläge, stattfindet – doch an eine Information der indischen Behörden ist nicht gedacht. Stattdessen beeilt man sich, Headley in sicheren Gewahrsam zu nehmen, bevor er indischen Ermittlern in die Hände fällt. Wie viel die CIA im Voraus über die Mumbai-Operation weiß, ist eine so offene wie explosive Frage, die vermutlich niemals restlos geklärt wird.

Der jetzt mit Headley geschlossene Deal ist ein geschickter Schachzug, der nicht nur der Verschleierung seiner CIA-Verbindungen dient. Er deckt auch seine Komplizen in Pakistan. Laut amerikanischen Presseberichten, soll Headley ausgesagt haben, dass die Kommandanten der Terroroperation, mit denen er sich in Pakistan zu treffen pflegte, „LeT-Funktionäre und andere“ gewesen seien, darunter ehemalige Offiziere der pakistanischen Armee. „Das Beunruhigendste am Fall Headley ist“, meinte die prominente US-Sicherheitsexpertin Lisa Curtis bei einer Anhörung vor dem US-Kongress, „dass er die Nähe zwischen LeT und pakistanischen Militärs offenbart hat”. So beunruhigend das für Washington sein mag, so abstrakt soll es bleiben. Der Deal macht es möglich. In den bekannt gewordenen Vereinbarungen werden Headleys Mitverschwörer lediglich A, B, C oder D genannt. Ihre wahre Identität wird vermutlich für immer ein Geheimnis bleiben.

Wie lange wartete man in Indien darauf, den politisch so brisanten Nachweis erbringen zu können, dass pakistanisches Militär bei Terrorschlägen von jenseits der Grenze die Hand im Spiel hatte! Endlich Schluss mit Doktor Jekyll und Mister Hyde! Doch die große Chance, die der „Fall Headley“ zu bieten schien, löste sich mit dem Deal unversehens in Luft auf. Nicht unbedingt ein Impuls für das gute Einvernehmen zwischen Delhi und Washington.

Kann es sich die Regierung Obama leisten, Delhi so vor den Kopf zu stoßen? Sie kann, und viele sagen: Sie muss! Washingtons vorrangiges Ziel ist es derzeit, die Last des Afghanistan-Konfliktes abzustreifen oder zu vermindern. Es muss absehbar sein, dass sich der Krieg beenden lässt, bevor der Countdown zur nächsten US-Präsidentenwahl beginnt. Und Pakistans Militär ist die beste Karte, die Barack Obama im Spiel weiß. Sollte da der „Fall Headley“ Zerwürfnisse heraufbeschwören, die sich als irreparabel erweisen könnten? Headley in indischer Hand, das könnte fatale Konsequenzen in Afghanistan haben.

Der wichtigste Mann

Umgekehrt kann kein Zweifel bestehen, dass die Affäre um den CIA-Mann und mutmaßlichen Attentäter einmal mehr zu Bewusstsein bringt, wie die Allianz zwischen den USA und Pakistan in Sachen Afghanistan Indiens nationale Sicherheit tangiert.

Die Akteure im bösen Spiel sind nicht einfach nur die Herren A, B, C und D. Im September 2006 begann die LeT damit, die Mumbai-Operation zu planen. Da es sich hier um einen Anschlag von außerordentlicher Dimension handelte, der unter Umständen sogar einen Krieg zwischen Indien und Pakistan entfachen konnte, durfte als ebenso sicher gelten wie die sich daraus ergebende Tatsache, dass Pakistans militärischer Geheimdienst ISI in die Pläne eingeweiht war. Und der stand zwischen Oktober 2004 und Oktober 2007 unter der Leitung von General Ashfaq Parvez Kayani, dem jetzigen Armeechef – und Washingtons wichtigstem Mann in Pakistan.

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11:00 09.04.2010

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