Die Herrscherin vom Dogenhof

Überlebensgastronomie Im Café Dogenhof in Wien bleibt man von fallenden Aktienkursen unberührt

Auf Fiffy ist Verlass. Rein zoologisch handelt es sich um einen Hund, ein weißes Wollknäuel auf vier Beinen, das oft mehrmals täglich wie vom Blitz getroffen kläffend die Wiener Prater­straße hinunterläuft. Ihm hinterher, um ihn wieder einzufangen, oft auf dem Fahrrad, Frau Eleni, seine Halterin.

Frau Eleni, eine beleibte, in Wien seit Jahrzehnten assimilierte Griechin, betreibt in dieser Straße das Café Dogenhof, zusammen mit Fiffy.

Die Szene „Fliehender Hund im Zweiten Wiener Gemeindebezirk“ wiederholt sich täglich, und zwar seit nicht weniger als elf Jahren. Der Mensch braucht eben feste Strukturen, um dem Leben Stand zu halten, und für Eleni Brey und ihren Hund sind Flucht und Heimkehr rettende Maßnahmen, die eine eigentliche Flucht verhindern oder aufschieben.

Frau Eleni scheint von ihren Radtouren auch deshalb erleichtert, weil sie sich da für kurze Zeit nicht ihren Gästen widmen muss, beziehungsweise ihrer Kundschaft. Denn wer ihr wirklich als Gast durchgeht, bestimmt sie mit einer oft geschäftsschädigenden Kühnheit selbst. Der Dogenhof ist ein Ort autonomen Herrschens. Die Wirtin bricht keine Regeln, aber definiert sie.

Was auch heißt, dass es ungeahnte Freiheiten gibt, weil sie das Auf und Ab des Lebens kennt und ein Herz für vieles hat, nur nicht für Spießer. Heute hochrangige Politiker, die ihr Lokal besuchten, hat sie bei Liebes- und anderen Krisen aus den Latschen kippen und unter ihren noblen Kaffeehaustischen krabbeln sehen. Auch mit den zahlreichen Freudenmädchen des Bezirks geht sie phantasievoll um. Neulich hat sich vor dem Lokal eine junge Frau einem Mann angeboten, der sich als Kriminalpolizist entpuppte. Frau Eleni hat es bemerkt und ging dazwischen: „Schauen’s auf die andere Seitn, Herr Kriminalrat, wo ka Kläger, da ka Richter.“ Als sie dann aber beim Müllausleeren im Keller des Hauses ein Mädchen mit zwei Männern vorfand, wurde es ihr doch zuviel. Sie hat die beiden kurzerhand eingesperrt. „Auch Strafe muss sein“, sagte damals Frau Eleni.

Ich flüchte oft aus meiner Wohnung gleich um die Ecke vor dem täglichen Krimskrams zu ihr. Genauso wie der Herr Franzi, ein Stammgast, seit Jahren vor der Langeweile seiner 40-jährigen Beziehung flüchtet und nach ein paar Stunden seligen Trinkens, so gegen 22 Uhr Frau Elenis malträtierte Füße massiert, bevor sie ihre hochgesteckte Frisur öffnet und sich vor einem beinahe venezianischen Spiegel die Haare kämmt wie eine Wiener Rapunzel aus der Gegend von Thessaloniki und Herrn Franzi noch einmal darauf hinweist, dass die heilenden Finger dieses gelernten Fleischhauers oberhalb der Knöchel nichts zu suchen hätten.

In dieser Gegend macht die Operettenstadt Pause

Orte wie der Dogenhof retten den Gast aus der üblichen Klassengastronomie mit dem Tagesangebot auf handgeschriebenen Speisekarten, gegen die man künstlich die Erlebnisgastronomie erfinden musste. Der Dogenhof ist bereits Überlebensgastronomie in grauen Zeiten. Hart, aber herzlich. Wo kein absaufender Aktienkurs jemanden zu Fall bringen kann, weil die Gäste eher bescheiden leben. Der Dogenhof ist ein Ort der Eigenwilligkeit und eine unangepasste Zone. In dieser Gegend, direkt vor dem berühmten Riesenrad, hinter dem der Prater beginnt, macht die Operettenstadt Pause. Diese Gegend am Praterstern lügt nicht, und sehnt sich auch nicht, wie man Wien gerne unterstellt, nach dem Tod. Das ist vollkommen überflüssig, weil man morgens auf dem Weg zum Semmelbäcker das neueste Einschussloch in der Fensterscheibe eines Rotlichtsalons begutachten kann und zwangsläufig an den Zentralfriedhof denken muss. Hier trifft man noch die Strizzis, die man aus den Dramen Ödön von Horvaths kennt und die kettenrauchende Hausmeisterin, die mich mit herrlichen Marillenknödeln versorgt, und die jeder als die „Horacek“ kennt. In dieser Gegend, in der viele Kleinkriminelle umgehen, fährt auch so mancher Boss mit seinem schwarzem Porsche Cayenne vor.

Kläffend und zähnefletschend verteidigt Fiffy seinen Dogenhof. Verschreckten Kunden sagt die Wirtin: „Verstehen Sie nichts von Hunden? Fiffy lächelt sie an.“ Und wenn ein Tourist freundlich fragt „Do You speak English?“ kontert sie, des Englischen nicht mächtig „Do you speak Greek?“ Mit Griechenland telefoniert sie jeden Abend zum Billigtarif von ihrem Münztelefon auf der Theke aus. Außerdem singt sie gern griechische Lieder. Sie ist dazu ausgebildet, Schallplatten von Ariola bezeugen es. Dann ist Alexis Sorbas im Kaffeehaus zu Gast, und dieses ganze schmierige Wien verschwindet, lost in Greece. An einem fast schon legendären Abend soll sie eine griechische Party bis in den Morgen hinein gefeiert haben. Sogar die Streifenpolizisten vom Revier am Praterstern hätten mitgetanzt.

Eleni Brey legt Wert darauf, aus einer Gegend zu stammen, in der Sokrates zu Hause war. Sie begann in Wien an einem Würstelstand am Stephansplatz, und hat seit 1972 das Café, in dem auch viele Künstler vorbeikamen, die später berühmt wurden. Sie kennt ihre Pappenheimer und hat sich deshalb entschlossen selber die Präsidentin zu sein.

Ihr Reich unterm Luster und mit venezianischen Impressionen an der Wand ist auch ein Ort der Streitkultur, wie sie Frau Eleni definiert. Selten, dass sie ihre Mitarbeiterin, Frau Vera aus Rumänien, nicht niederbügelte. „Wo sann die Mannerschnitten, Vera, hast sie wieder aufgfressen?“. Dann beschließt das Personal, nicht wiederzukommen und ist am nächsten Tag trotzdem da.

Mit Bier und Zotter-Schokolade zum Zentralfriedhof

Manchmal wimmelt sie auch unerwünschte Gäste durch Großzügigkeiten ab: „Da hast drei Kipferl, kost nix, Breakfast!“. Hier gibt es nicht dieses „money counts“. Frau Eleni hat zwar durch die miesen Empfehlungen einer Bank viel Geld verloren, aber das konnte sie letztlich nicht verwundern. Jedenfalls konnte das an ihrer Großzügigkeit nichts ändern. Sie beschenkt ihre Stammgäste gern und reichlich mit selbstgemachter Moussaka und Mehlspeisen. „Is a Gschenk, kost nix.“

Nach sechs Wochen kam ich jetzt aus Deutschland nach Wien zurück und fand Frau Eleni in Aufregung. „Ich hab schon nach Ihnen suchen lassen, ob was passiert ist. Sonst wär ich nämlich auch am Zentralfriedhof vorbeikommen mit am Bier und einer Zotter-Schokolade“. Auch mit dem Bestattungswesen hat sie keine Berührungsprobleme. Ihre Hunde beerdigt sie unter einem Zitronenbaum neben ihrem Badehaus an der Alten Donau. Auch für Fiffy sei schon ein Platzerl reserviert. Aber Fiffy gibt nicht auf. Wenn er mal freiwillig von seinen Ausflügen zurückkommt und die Kaffeehaustür verschlossen findet, bellt er eine Zeitlang, dann nimmt er einen Anlauf und kracht dagegen, eigenwillig wie das Frauchen.

Kalte Zeiten wie diese brauchen einen Dogenhof. Drumherum segelt die Wohlstandsverwahrlosung in die Krise.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

19:25 24.02.2009

Kommentare