Die Hoffnung am Tisch der Völker Amerikas

neue Zeitrechnung Vor 50 Jahren begann der unendlich währende Ausnahmezustand in Kuba

Nach 50 Jahren ist eine Revolution normalerweise längst in ihrem Staat auf- oder untergegangen. Nur die großen, die weltweit den Auftakt zu neuen Gesellschaftsmodellen gaben, sind zu feststehenden Begriffen geworden. Die Französische von 1789, zum Beispiel. Oder die Oktoberrevolution 1917.

Lateinamerika hält den Atem an

Dazu gehört die Kubanische Revolution nicht. Aber sie war nicht nur die schönste Revolution des vergangenen Jahrhunderts, sie war durchaus auch ein internationales Ereignis. Geboren zeitgleich mit einer großen Unabhängigkeitswelle in Afrika und Asien, gab sie jeder Befreiungsbewegung Auftrieb, um so mehr, als klar wurde, dass Kuba konsequent daran gehen würde, sich aus der US-Vorherrschaft zu befreien. Lateinamerika hielt den Atem an, weil, wie Pablo Neruda in seinen Memoiren schrieb, jemand "unverhofft die Hoffnung an den Haaren oder den Füßen gepackt hat, und ihr nicht erlaubt, davon zu fliegen, sondern sie an seinen Tisch holt, und das heißt, an den Tisch und in das Haus der Völker Amerikas". Die Linke weltweit jubelte und rieb sich zugleich verwundert die Augen: Eine Revolution in der Karibik? Ohne Kommunistische Partei? Ohne wissenschaftliche Theorie? Wo liegt eigentlich Kuba? Und wer ist dieser Fidel Castro? Jean Paul Sartre sagte nach einem ersten Aufenthalt in Havanna: "Es ist für einen Intellektuellen absolut unmöglich, nicht prokubanisch zu sein".

Als die leicht verwilderten jungen Männer auf Jeeps und Panzern, bärtig und mit langen Haaren unter Armeekäppi, Baskenmütze, Basecap oder Cowboyhut in den ersten Januartagen 1959 über den Malecon, die breite Uferstraße, in Havanna einrollen, scheint das wie ein neues Kapitel aus Robin Hood: Idealisten stürzen den korrupten, raffgierigen und grausamen Herrscher Fulgencio Batista mit seinem Hofstaat und erklären die einfachen Leute zu Herren des Landes. Angeführt von einem Hünen, der, wo immer er anhält und mit den Leuten am Straßenrand oder bei improvisierten Kundgebungen redet, wie der Retter, der Befreier gefeiert wird. Die Bärtigen heben das Land aus den Angeln, und Millionen jubeln ihnen zu.

Während die Elite der Kubanischen Gesellschaft beim Einzug der Rebellen noch hoffte, mit einem einfachen Regierungswechsel davonzukommen, setzte die Mehrheit der Kubaner bereits auf einen wirklichen Machtwechsel, der mit der versprochenen Agrarreform, der Nationalisierung der US-Unternehmen, einer Neuregelung der Eigentumsfragen und mit Reformen - beispielhaft nicht nur für Lateinamerika sondern die Dritte Welt insgesamt - im Gesundheits- und Bildungswesen auch zügig kam. Die Revolution stellte die kubanische Welt vom Kopf auf die Füße: Der Arbeiter, der Landpächter, der Bauer, der Angestellte, sie alle existierten erstmals für eine Regierung. Weshalb sollten sie nicht dafür sein, den großen Zuckerbaronen oder den US-Gesellschaften die Privilegien, die Gewinne, den angeeigneten immensen Besitz an Land oder Bodenschätzen zu nehmen? Warum sollten sie Kuba nicht souverän, nicht mehr als Halbkolonie der USA sehen wollen?

Lauter "Fidelisten"

Selten hat ein Volk so hinter einer Revolution gestanden. Selten so hinter einem Mann. "Ich bin Fidelist", war das gängige Bekenntnis. Wohin Fidel Castro - geistig, ideologisch - ging, gingen auch die Leute. Als er 1961 die Revolution zur sozialistischen erklärte, folgten sie ihm ohne zu zögern, denn sie sahen sich nicht getäuscht. Es war eine Revolution für das Volk, für ein nahezu analphabetisches Volk. Und es war gleichzeitig ein Wahnsinns-projekt: Ein Land, das praktisch aus dem Feudalismus kam, mit Arbeitern und Bauern, von denen die meisten nicht lesen und schreiben konnten, zu entwickeln, mit Menschen, die keine Ausbildung hatten, keinen Beruf und keine Berufserfahrung, keine verinnerlichte straffe Arbeitsdisziplin kannten. Sie brachten zwar unendlich viel Enthusiasmus mit - "schade, dass die Revolution mich so spät erwischt hat, ich hätte sonst viel mehr für sie tun können", sagte mir einmal ein alter Mann, ein Unermüdlicher bei der Zuckerrohrernte -, aber sie hatten keine Ahnung, was ihnen bevorstand. Mit der Flucht der Bürgerlichen, egal ob Unternehmer, Ingenieure, Ärzte, Professoren, verabschiedete sich für Jahrzehnte das Wissen um Betriebswirtschaft und Ökonomie, die Erfahrung in den Produktionsprozessen, die erprobte Arbeitsorganisation. Mit ihnen gingen Geschäftssinn und Geschäftstüchtigkeit, finanzieller Verstand und Spezialistentum. Die Habenichtse blieben unter sich und machten sich an die Arbeit.

Umwege, Irrwege

Ein Schritt vorwärts, zwei zurück, und wenn es gut ging, dann lief es im Zick Zack. Andando se hace camino - beim Gehen macht man sich den Weg. Manches war grotesk, manches tragisch. Man verbannte das Zuckerrohr, die Monokultur, strebte immense Stahlwerke und Werften an und kehrte, da es dafür keinerlei Voraussetzungen gab, schließlich reumütig zur Zafra zurück. Aber nicht etwa kleinlaut, nein, nie da gewesene zehn Millionen Tonnen Zucker sollte das Jahr 1970 bringen. Das legte alle anderen Wirtschaftszweige lahm und verfehlte am Ende doch das Ziel. Man stieß halb Lateinamerika vor den Kopf, gründete oder unterstützte Guerillabewegungen, wo immer es ging. Denn war die Kubanische Revolution nicht der Beweis für die Richtigkeit des bewaffneten Kampfes? Nur folgerichtig schloss man sich dem sozialistischen Lager an.

Jeder Schritt spaltete. So war es bei allen Krisen der Kubanischen Revolution - ob beim Sieg in Playa Girón gegen die bewaffnete, von CIA und US-Regierung dirigierte Aggression, ob während der Raketenkrise 1962, ob nach dem nach vielen inneren Querelen offenen Bekenntnis zum sowjetischen Modell. Die Unterstützung des angolanischen Befreiungskampfes mit Hunderttausenden kubanischen Soldaten war heftig umstritten, und die Ausreisewellen in die USA spaltete die Bevölkerung in Ziehende und Daheimgebliebene. Zudem brachten die Todesurteile Anfang des 21. Jahrhunderts und die langen Haftstrafen für Dissidenten Kuba auch bei linken Anhängern in aller Welt in Misskredit.

Jede Revolution ist eine Ausnahmesituation, der Übergang von einem alten Zustand in einen neuen. Sie funktioniert, wenn die große Masse sie trägt. Die Mehrzahl der Kubaner hat all ihre Hoffnungen, all ihre Erwartungen in das Projekt gesteckt und es jahrzehntelang mit unglaublichem Enthusiasmus befördert. Doch die Ausnahmesituation existiert nun seit 50 Jahren, das ist ein ganzes bewusstes Leben. Die heute Alten haben damals voller Idealismus eine neue Zeitrechnung für ihre Welt eingeführt, antes y después hieß es immer: vor und nach der Revolution. Und das Danach war ihre Chance. Dafür haben sie Rationierung und Mangelwirtschaft ertragen.

Die nachwachsenden Generationen, die heute Jungen, sehen es anders. Dass die Revolution in ihren Grundzügen unverändert ist - soziale Gerechtigkeit, Bildungschancen für alle, medizinische Versorgung zu symbolischen Beiträgen - und dass sie wie kein anderes Land in Lateinamerika die nationale Souveränität verteidigt hat, ist für sie eine Gegebenheit, keine Errungenschaft. Gerade das Letztere, die Konsequenz und die Würde, mit der Kuba der Feindschaft der USA begegnet, hat der Revolution Größe gegeben.

Vielleicht zogen sogar Kubaner, die selbst wenig für die Revolution getan hatten, ihre durchaus anmaßenden Forderungen aus dieser internationalen Anerkennung. Aber wer immer sich in Kuba nach westlichen Lebensentwürfen sehnt, musste bisher scheitern, denn die kubanische Gesellschaft ist keine der individuellen Selbstverwirklichung. Und das Wort Zukunft ist zur Zeit eine wenig gebrauchte Vokabel. Die Gegenwart ist schwer genug, ruhmreich nur die Vergangenheit. In den Reden, in Fernsehbildern, in Losungen wird diese hochgehalten. Und läuft Gefahr, für die Jungen zur Worthülse zu verkommen.

Das solidarischste Volk unserer Zeit

In den achtziger Jahren, so der Schriftsteller Leonardo Padura, hatte Kuba einen "durchaus beachtlichen Lebensstandard" erreicht. Dann, Anfang der Neunziger kam der Crash. "Die große Macht brach zusammen und ließ uns allein, ganz allein", so Castro über jenen Moment. Die USA nutzten die Lage, um die seit Beginn der Revolution verhängte Blockade zu verschärfen: Internationale Handelsschiffe, die in Kuba anlegten, dürfen 180 Tage lang in keinen USA-Hafen einlaufen, die US-Regierung sorgt dafür, dass Kuba von keiner internationalen Bank einen Kredit bekommt, US-Firmen dürfen keine irgendwo in der Welt hergestellten Produkte importieren, wenn sie irgendeinen kubanischen Rohstoff enthalten. Leonardo Padura beschreibt in seinen Romanen, dass die Kubaner in jenen Jahren oft genug den Hunger mit einem Glas Zuckerwasser zu bekämpfen suchten.

Die in der Sonderperiode eingeführte Dollarwirtschaft - der Staat war darauf angewiesen, ein bisschen am Geld, das die Exilkubaner ihren Familien schickten, zu partizipieren - trug die Spaltung in die kubanische Gesellschaft. Kein Irrtum der Revolution, kein Fehler, nicht die absurde und heuchlerische US-Blockade, kein noch so starker Hurrikan hat einen solchen Schaden angerichtet. Nicht nur, dass Korruption, Bereicherung, Prostitution, Schieberei und Betrug auf gefährliche Weise zugenommen haben; damit wurde die Revolution als solche untergraben. Wenn Raúl Castro jetzt bei den Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag sagt, dass sie stärker sei als je zuvor, dann stimmt das durchaus für die Stellung in Lateinamerika; für alles weitere mag es als Zweckoptimismus durchgehen. Aber hoffentlich ist es nicht Selbstbetrug.

Viele Jahre lang hat das Land in der Karibik versucht, einen Traum zu realisieren, einen Traum von Gerechtigkeit und Würde. Es war nie leicht. Eine kleine Insel gegen die Supermacht im Norden, gegen das "treulose" sozialistische Lager, gegen Hurrikane und alle Gewalten. Die Ethik der Revolution hat die Kubaner - freiwillig oder erzogenermaßen - zum solidarischsten Volk unserer Zeit gemacht. Sie haben fast nichts. Aber das teilen sie: ihre Soldaten für einen fremden Befreiungskampf in Angola, ihre Ärzte und Feldkrankenhäuser, wo immer diese gebraucht werden, ihre Lehrer für Analphabeten in Venezuela oder Bolivien. So hat Kuba schließlich die Isolierung in Lateinamerika überwunden, ist vor wenigen Wochen sogar Mitglied der regionalen Vereinigung Grupo de Río geworden. Aber wie viel Idealismus kann ein Volk haben? Wie viel kann es geben, immer wieder geben?

Jetzt, da Kuba sich auf dem eigenen Subkontinent nicht mehr ausgegrenzt und angefeindet sieht, da es Verbündete und neue Handelspartner hat, mehren sich die Zeichen, dass der normale Kubaner müde ist. Die jahrzehntelangen Anfeindungen all derer, die nie einen Traum hatten, haben ihn wenig erschüttert; aber die sich unendlich ausdehnende Ausnahmesituation hat ihn erschöpft. Vor allem in den nachgeborenen Genera­tionen gibt es nicht wenige, die andere Herausforderungen suchen. Und wenn es nur materielle sind. Dollar oder Euro, auch das kann ein Lebensziel sein. Und wer will den verurteilen, dem die Formel antes y después nichts mehr sagt, dem 50 Jahre Ausnahmesituation einfach zu viel abverlangt haben?

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00:00 16.01.2009

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