Die hohen Kosten der niedrigen Preise

USA Nationale Protesttage gegen einen Mega-Discounter - Wal Mart schlägt zurück

"Jeden Tag Niedrigpreise" mit diesem attraktiven Verkaufskonzept hat es der US-Konzern Wal Mart zum größten Einzelhändler der Welt gebracht. Die 1962 von Sam Walton gegründete, ins Gigantische gewachsene Supermarktkette zählt weltweit 5.000 Niederlassungen mit 1,6 Millionen Angestellten, sie verbuchte 2004 einen Umsatz von 285 Milliarden Dollar und bestreitet 2,3 Prozent des US-Bruttosozialprodukts.

Hinter den Zahlen freilich stehen üble Praktiken: Wal Mart sabotiert Gewerkschaften, beutet seine Belegschaft mit Niedriglöhnen aus, betrügt bei Überstunden, geizt bei der betrieblichen Krankenversicherung, diskriminiert Frauen und Minderheiten, verschandelt die Umwelt. Doch damit soll es ein Ende haben. Eine Koalition von Kirchen und Gewerkschaften, Frauen- und Bürgerrechtsorganisationen hat für November Wal-Mart-Protesttage ausgerufen: Sie sollen Wal Mart "umerziehen" und zu sozialem Verhalten zwingen.

Eigentlich rühren Konzerne dieser Spielklasse derartige Proteste nicht; nur wenn die Aktienkurse sinken und acht Prozent der Kunden wegen der sozialen Skandale woanders einkaufen, können keine weiteren Imageverluste riskiert werden, zumal die jetzige Kampagne eine bedrohliche Waffe auf Wal Mart richtet: eine Filmdokumentation von Robert Greenwald mit dem Titel Wal Mart: The High Cost of Low Price (Die hohen Kosten der Niedrigpreise). Der Film lässt ehemalige Wal-Mart-Mitarbeiter erzählen, und ihre Geschichten sind empörend.

Greenwalds entlarvender Streifen sowie die landesweit mit Tausenden von Events gepflasterte Anti-Wal-Mart-Aktionswoche liegen dem Supermarktgiganten seit Monaten im Magen, deshalb holte er schon früh zum Gegenschlag aus. Nach der Devise, vorbeugen ist besser als aufräumen, das heißt, den Feind schon attackieren, bevor er die Öffentlichkeit erreicht. So wurde der Konzern bereits im Vorfeld der Proteste außerordentlich aktiv: Als erstes wurde für die Zentrale in Bentonville (Arkansas) ein so genannter War Room eingerichtet - eine dem US-Wahlkampf abgeschaute PR-Kampagne. Sie operiert mit einer "Schnellen Eingreiftruppe" von sieben PR-Gurus, die ihren Wert schon als ehemalige Spinmeister von Ronald Reagan, Bush senior, Bill Clinton, Bush junior oder John Kerry nachweisen konnten. Früher haben sie sich bis aufs Messer bekämpft, doch Wal Marts tiefe Taschen brachten sie an einen Tisch. Jetzt richten sie ihr Störfeuer in konzertierter Aktion auf das Heer der Anti-Wal-Mart-Community. Und das rund um die Uhr: jede sich in den Vereinigten Staaten und 19 anderen Ländern artikulierende Wal-Mart-Kritik wird vom War Room gekontert. Auf jedes Interview, jede Anzeige, jeden feindseligen Fernsehspot wird reagiert. Fünf Millionen Dollar pro Tag soll das PR-Trommelfeuer kosten. Bei einem Jahresumsatz von wie gesagt 285 Milliarden tut das nicht weiter weh - die Gegenoffensive kann für Wal Mart gar nicht teuer genug sein, denn der Billiganbieter befürchtet nicht zu Unrecht, dass Robert Greenwalds Dokumentation ein Kultfilm werden könnte. Ein neuer Michael Moore kommt aus der Deckung, war in der Presse schon zu lesen.

Wal Mart befürchtet überdies, die Protesttage könnten das Weihnachtsgeschäft verderben, weil der Appell von Kirchen, Gewerkschaften und Umweltschützern "Kauft nicht beim Ausbeuter Wal Mart!" auf fruchtbaren Boden fällt und die weihnachtlich gestimmten Amerikaner lieber dort einkaufen, wo soziale Verantwortung ernst genommen wird.

Um sich in ein besseres Licht zu setzen, lud das Management Ende Oktober zu einer Konferenz nach Washington, um den positiven Einfluss des Handelsriesen auf die US-Wirtschaft zu demonstrieren und ein für alle Mal festzulegen, dass Wal Mart gut für Amerika ist. Eine beim Meinungsforscher Global Insight in Auftrag gegebene Studie hatte deshalb nichts anderes zu tun, als den überlegenen Marktführer zu feiern.

Wal Mart wertete die Konferenz zwar als Erfolg, hatte sich aber ein freundlicheres Medienecho und mehr Schlagzeilen erhofft. Für die sorgte Vorstandschef Lee Scott dann selbst in einer geradezu umwerfenden Botschaft an die Belegschaft. Er versprach das Blaue vom Himmel: Eine erschwingliche Krankenversicherung für die Angestellten, architektonisch wertvolle Einkaufszentren, offene Kommunikation mit den Gemeinden bei der Standortsuche, bessere Konditionen in Wal Marts Sweatshops im Ausland, wo teilweise Kinder für Hungerlöhne arbeiten - man stellte sich sogar neben die gehassten Gewerkschaften und forderte Washington auf, den Mindestlohn anzuheben.

Fast könnte man meinen, Wal Mart habe sein soziales Gewissen entdeckt. Aber Zweifel sind angebracht, Bluff und Täuschung gehören zum Konzern-Repertoire.


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00:00 25.11.2005

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