Die Höhle des weißen Elefanten

Kambodscha Unbehelligt und nur selten schuldbewusst - die Wächter des einstigen Straflagers "Tuol Sleng" leben heute wieder als Bauern in ihren Heimatdörfern

Bora lächelt. Selbst hier, in der Hölle, lächelt er. Wir sind im ehemaligen Lyzeum Tuol Sleng am Rande von Phnom Penh, das eine Hölle war und immer ein Ort des Grauens bleiben wird. Mehr als 14.000 Menschen starben in diesem Lager zwischen 1975 und 1979, wahllos eingefangen, gefoltert, ertränkt, erhängt oder erschlagen. Bis die Vietnamesen kamen, Anfang Januar 1979 Pol Pot und seine Paladine vertrieben und gerade einmal sieben Männer retteten, die wie durch ein Wunder dem Mordrausch ihrer Peiniger entkommen waren.

Im Hof von Tuol Sleng stehen Bäume mit großen weißen Blüten, Frangipani. Ich setze mich in ihren Schatten und brauche einige Zeit, ehe ich den Mut habe, den Weg durch die Hölle anzutreten. Es gibt keinen Vorhof, dem Entsetzen lässt sich auf diesem Gelände nirgendwo entkommen, es wechselt höchstens seine Dimension, wenn man durch die Räume geht, in denen einst Kinder beim Französisch-Unterricht saßen.

Wer in den Jahren der Pol-Pot-Diktatur in Tuol Sleng eingeliefert wurde, für den gab es keine Hoffnung auf Rückkehr in ein normales Leben. Die Gefangenen waren nicht selten auf Bettgestellen fest gekettet, bewacht von minderjährigen Wärtern, die einem System dienten, für das die Khmer Rouge die Bezeichnung "S 21" gefunden hatten ("S" stand für das französische Sécurité - Sicherheit).

An den Wänden eines Flurs zwischen den Zellentrakten hängen die Fotos. Die letzten Aufnahmen all derer, die der Hölle nicht entkamen, fotografiert für die Häftlingskartei. Eine Galerie der Ausgelieferten, fassungslos leere Gesichter, die Augen weit aufgerissen, erkennbare Verletzungen. Dazwischen immer wieder Porträts der Täter, mit olivgrüner Ballonmütze und dem schwarz-weiß karierten Schal der Reis-Bauern, wie ihn auch die Khmer Rouge während ihres Dschungeldaseins trugen. Die Aufseher von S 21 waren kaum älter als 17 oder 18, junge Khmer aus Dörfern in den Nordwestprovinzen Siam Reap und Battambang, vor 1975 schon erobertes Gebiet der Khmer Rouge im Guerilla-Kampf gegen den Amerika hörigen Marschall Lon Nol und seine zerbröselnde Armee.

Es konnte passieren, das die jungen S 21-Wärter wegen "fehlender revolutionärer Härte" oder "eines Verstoßes gegen die Disziplin" über Nacht selbst zu Gefangenen wurden, ersetzt durch frisch rekrutierte Aufpasser, denen das gleiche Schicksal drohte wie ihren Vorgängern. Ein makabrer Teufelskreis, den zu durchschauen unbedarften Bauernjungen unmöglich war.

Hinter den Fotowänden finden sich die Einzelzellen in den mit Holzverschlägen oder Ziegelwänden geteilten Klassenräumen von einst. In manchem Drei-Quadratmeter-Geviert liegen noch die Fußfesseln. Mütter haben hier - angekettet - ihre Babys gestillt, erzählt Bora. Kam keine Milch mehr, war ihre Zeit abgelaufen. Nebenan lagen die Männer. Den einen blieb noch eine Gnadenfrist, anderen nicht. Je länger man lebte, desto größer die Qual. Zwei Monate, drei Monate, bestenfalls vier. Dann ging es hinaus auf die Killing Fields von Tuol Sleng, zum letzten Weg durch die Hölle.

Ein Stockwerk höher noch einmal Fotos. Die Wärter, die Täter von damals, 25 Jahre später, als friedliche Bauern in ihren Dörfern, unbehelligt und nur selten schuldbewusst. Ein junger Fotograf hat sie porträtiert und ihnen nur eine Frage gestellt: Warum? Er hörte immer die gleichen Antworten: Sie hätten geglaubt, gehorcht, nicht gewusst, sie hatten einen Befehl, sie waren selbst voller Angst - kann man neben den Porträts lesen.

In 48 Stunden zur Geisterstadt

Draußen auf dem Hof unter den Frangipani ist es schattig und still, ein paar Blüten fallen auf den Boden. Bora lächelt. Ein Kambodschaner in mittleren Jahren, der an manchem Abend oft nicht mehr weiß, wie viele Touristen er durch Tuol Sleng geführt hat. Wenn er dann nach Hause käme, könne er nichts mehr essen.

Bora erzählt, er werde nie vergessen, wie der Wahnsinn begann. Damals war er 15, der Zweitälteste von fünf Geschwistern. Seine Familie lebte in Phnom Penh, wo der Vater als Soziologie arbeitete und die Mutter Kunstgeschichte an der Ecole des Beaux Arts lehrte. Plötzlich waren sie da, die Roten Khmer, im Morgengrauen des 17. April 1975. Schwarze Trupps finsterer junger Burschen, denen bald die Lautsprecher folgten. Alle Einwohner hätten die Stadt zu verlassen, innerhalb von 48 Stunden. Danach war Phnom Penh nicht einmal mehr ein Schatten seiner selbst. Nur noch eine Geisterstadt.

Boras Familie flüchtete nach Osten, ins Heimatdorf des Vaters, nicht weit von der vietnamesischen Grenze entfernt. Die Mutter beschwor ihren Mann, das Land zu verlassen, noch war es möglich, aber er wollte nicht. "Eines Abends haben sie meine Eltern abgeholt", erzählt Bora. "Ich sah, wie sie abgeführt wurden, mit verbundenen Augen und auf dem Rücken gefesselten Händen. Der Mond schien, und die Hunde bellten. Ich sollte sie nie wieder sehen."

Nur Bora und der älterer Bruder haben die Apokalypse überlebt, bis zum Ende des Pol-Pot-Regimes versteckt und geschützt von einem alten vietnamesischen Bauern. "Eigentlich sind die Khmer friedfertige Menschen, und doch konnte passieren, was passiert ist." - Warum? Bora bleibt die Antwort schuldig und lächelt.

Es ist Sonntagabend in Phnom Penh. Hinter den Mauern des Königspalastes leuchtet die Silber-Pagode in behäbigem Licht. Elegante neue Hotels entlang der River Front, Straßencafés und Restaurantschiffe, ein bisschen erhaltenes, ein bisschen wieder erwachtes Flair der sechziger Jahre, als Phnom Penh nicht selten mit Nizza verglichen wurde. Sonntags scheint auf der Uferpromenade am Tonle Sap die ganze Stadt versammelt. Zwischen Palais Royal und Flussufer wird gepicknickt, junge Leute drehen imposante Runden auf ihren Motorbikes, drei vorn, vier hinten und noch einer auf dem Lenkrad, jung und alt flanieren bis in die Nacht, während drunten auf dem Pflaster der Trottoirs die verkrüppelte Gestalten kauern - die von Krieg und Landminen Zerstörten, die von Armut Gezeichneten, die ihrer Familien Beraubten. Vielleicht gelingt es, den Glücklichen ein bisschen Glück abzubetteln.

Die Nacht bringt kaum Abkühlung, und sobald sie vorbei ist, glüht die Sonne wieder unbarmherzig über dem Strom. Die ersten Boote setzen über, bringen die Menschen von der anderen Seite, wo neue, moderne Siedlungen gebaut werden, ins Zentrum der Stadt. Bora steigt lächelnd von seinem Motorrad. Auch er wohnt drüben, in einem hübschen kleinen Häuschen mit seiner Frau und den beiden Kindern. Nach dem Sturz des Pol-Pot-Regimes, als sich die Stadt langsam wieder füllte, hat er am Goethe-Institut eine ausgezeichnetes Deutsch gelernt und sich später mit Begeisterung für den Tourismus entschieden. Mittlerweile ist er ein Geheimtipp für deutsch- und englischsprachige Besucher, die Kambodscha auf ganz eigene Weise kennen lernen wollen. Er regelt die unglaublichsten Dinge, an Grenzen, in Ministerien oder Restaurants. Immer mit diesem erbötigen Lächeln. Wenn wir zusammen unterwegs waren, ging es mir manchmal auf die Nerven. Eine Marotte, fand ich, ohne tieferen Sinn. Aber dann erkannte ich, dass hinter dem Lächeln, diesem "Sourire Khmer", wohl auch ein Ja zum Leben steckt. In Kambodscha sind die Schatten der Vergangenheit nur verdrängt, längst nicht gewichen: die Frage von Schuld und Sühne, das ewige Warum, die stets von Neuem aufbrechenden Wunden des Krieges in einem Land, das pro Einwohner mehr vergrabene Landminen fürchten muss als jeder andere Staat dieser Erde - das lässt sich nicht abstreifen.

Der Eingang zur Höhle des Weißen Elefanten liegt am Rande eines Hügels in der Nähe von Kampot, 60 Kilometer südwestlich der Hauptstadt. Ein mystischer Ort. Auch hier gibt es Frangipani, unter denen sich ein kleines Wat versteckt, eine Pagode und ein paar Bettelmönche in ihren safrangelben Gewändern. Es geht die Legende, dass die Roten Khmer diesen Ort gefürchtet hätten. Wer sich der Höhle näherte - hieß es - der laufe Gefahr, von großen Schlangen getötet zu werden. Soweit der Mythos, tatsächlich besetzten die Roten Khmer den Hügel, als sie im Frühjahr 1975 auf Phnom Penh marschierten, platzierten ein Geschütz auf der Anhöhe und hielten die ganze Gegend in Schach. Ihre Opfer warfen sie in die Höhle, und weder große Schlangen noch andere Fabelwesen verhinderten das. Wer ihnen entkam, hatte einfach Glück. Wie ein alter Bettelmönch, der davon erzählt. Auch seine Pagode blieb unversehrt, vielleicht gab es doch ein mystisches Geheimnis.

Wir steigen auf den Hügel und blicken in die Tiefe der Höhle. Im Inneren zeichnet sich ein großer weißer Felsen ab, der an die Umrisse eines Elefanten erinnert. Daher der Name. Bora kommt oft hierher, schaut über ein weites friedliches Land und lauscht den traurigen Geschichten des alten Mönchs.

Viele heranwachsende junge Männer in Kambodscha verbringen eine gewisse Zeit als Novizen in einem buddhistischen Kloster. Für die meisten die einzige Möglichkeit, ein Studium aufzunehmen. Wer die gelbe Kutte trägt, hat freien Zugang zur Bildung und wird durch Spenden ernährt.

Auf dem Rückweg nach Phnom Penh halten wir an einer kleinen Moschee. Gerade ist das Mittagsgebet zu Ende, und die freundlichen Moslems gehen uns zur Begrüßung entgegen. Sie gehören zur Minderheit der Cham, einfache Menschen, die von der Landwirtschaft und ein bisschen Straßenhandel leben. Ihre Vorfahren stammen aus Malaysia, wanderten vor Jahrhunderten ein und brachten den Islam nach Kambodscha. Sie lebten stets in Frieden mit der buddhistischen Nachbarschaft, bis sich die maoistischen Fanatiker Pol Pots daran störten und sie wegen ihres "bösen Blicks" verfolgten, in Arbeitskommunen zwangen oder gleich erschlugen. Sie wissen nicht mehr, wie viele Menschen die Gemeinde vor Pol Pot zählte. Wir entschließen uns zu einem Foto, in der Mitte der Imam mit seinem Vater, dem Ältesten des Dorfes - Bora und ich links und rechts daneben.

Mönche sind flexibel

Die Khmer lieben das Hellsehen und Wahrsagen. Kartenleger, Handleser und andere Übersinnliche lauern auf sämtlichen Märkten, um Schicksal zu spielen. Sie wissen, wann ein Geldsegen zu erwarten ist und ob das Familienleben friedlich bleibt. Aber trauen, sagt Bora, sollte man nur den Mönchen, nicht den Wahrsagern. Und schon knien wir vor dem Ehrwürdigen Hor Kemhan, haben unsere Geschenke in einem Bastkorb abgelegt - Kerzen, Zigaretten, Reiswein, ein bisschen Geld. Nicht sonderlich viel, denn eigentlich verbietet es der Buddhismus, aber Kambodschas Mönche sind flexibel. Hor Kemhan nimmt meine Ehrerbietung an, lächelt und schaut auf die Uhr - auch Mönche haben Termine. Dann jongliert er eine Weile mit meinen Geburtsdaten und lässt sein vieldeutiges Lächeln auf mir ruhen, bis ich fast ohnmächtig werde. Schließlich wickelt er ein kleines Viereck aus Aluminium in Papier, murmelt etwas hinein, wedelt den Duft einer Räucherkerze dazu und ermahnt mich, das gesegnete Blech fortan bei mir zu tragen. Und schon sind die nächsten dran. Draußen lächeln seine jungen Novizen routiniert und hingebungsvoll unter ihren quittegelben Sonnenschirmen.

Der seltsame Talisman sollte mich durch ganz Asien begleiten. Bei einer Flughafenkontrolle in Delhi erregte er das Aufsehen eines Beamten. Ich sagte, es sei ein Glücksbringer, von einem Mönch aus Kambodscha. Da tippte er zwei Finger an die Stirn, so wie es die Hindus tun, und gab ihn mir ehrfurchtsvoll zurück.


Kambodscha-Dossier

1970 - 1975

Im März 1970 wird der kambodschanische Staatschef, Prinz Norodom Sihanouk, der das Land bis dahin durch Neutralitätspolitik aus dem Indochina-Krieg heraus zu halten suchte, von rechtsgerichteten Militärs unter Marschall Lon Nol gestürzt. Nach diesem mit Hilfe der USA inszenierten Putsch wird das Land immer wieder von der US-Luftwaffe bombardiert, um Nachschubwege der südvietnamesischen Befreiungsfront (FLN) zu unterbrechen. Sihanouk gründet im Exil eine "Königliche Regierung der Nationalen Einheit", der als eine Formation auch die maoistischen Khmer Rouge angehören - sie sind als einzige in der Lage, den Amerikanern und Lon Nol militärischen Widerstand entgegen zu setzen

1975 - 1979

Die Khmer Rouge ergreifen die Macht und benennen das Land in Demokratisches Kampuchea um. Nach einem koalitionären Zwischenspiel wird Sihanouk unter Hausarrest gestellt. Die von Pol Pot geführte Diktatur siedelt die gesamte Stadtbevölkerung in Agrarkommunen um. Dem vor allem gegen die einstige Oberschicht und gegen Intellektuelle gerichteten Terror fallen fast zwei Millionen Menschen (ein Viertel der Gesamtbevölkerung) zum Opfer.

1979 - 1991

Das Pol-Pot-Regime wird am 7. Januar 1979 durch das Eingreifen vietnamesischer Truppen gestürzt. Unter Führung der Revolutionären Volkspartei (CCP) wird die Volksrepublik Kampuchea ausgerufen. Eine Mehrheit in der UNO verurteilt die Intervention als völkerrechtswidrig. Obwohl der von ihnen begangene Genozid bekannt ist, dürfen die Khmer Rouge das Land noch elf Jahre in der UNO vertreten - unterstützt von China, den USA und anderen westlichen Staaten.

1991 - 1998

Nach dem Pariser Friedensabkommen werden sämtliche Kampfhandlungen beendet - Wahlen im April 1993 führen zu einem Patt zwischen der Volkspartei und der royalistischen FUNCIPEC Sihanouks, der zurückkehrt und den in Königsreich Kambodscha zurück benannten Staat wieder führt. Im April 1998 stirbt Pol Pot im Dschungel an der Grenze zu Thailand - die letzten Khmer-Rouge-Verbände lösen sich auf.

1998 - 2007

Bei dreimal in dieser Zeit stattfindenden Wahlen wird Hun Sen als Regierungschef der CCP bestätigt - das Land ist wirtschaftlich und politisch soweit stabilisiert, dass es 2006 der ASEAN beitreten kann. Nach langwierigen Verhandlungen mit der UNO werden im Juli 2006 die kambodschanischen Richter eines Tribunals vereidigt, vor dem Prozesse gegen die noch lebenden Khmer-Rouge-Führer wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit stattfinden sollen. Die ersten Anklagen sind für Juli 2007 angekündigt.

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00:00 29.06.2007

Ausgabe 42/2021

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